Live-Blog vom Oktoberfest 2012 München feiert den Regen weg

Oans, zwoa - ozapft is: Mit souveränen zwei Schlägen hat Oberbürgermeister Christian Ude das 179. Oktoberfest in München eröffnet. Seitdem fließt der Alkohol, in den Zelten wird gefeiert und am Nachmittag hört sogar der Regen auf. Unterdessen erholen sich auf der Wiese unter der Bavaria die Bierleichen von einer rauschenden Party. Die Eregnisse des ersten Wiesntags in der Liveticker-Nachlese.

Von Tobias Dorfer, Anna Fischhaber, Lisa Sonnabend, Julia Weber und Beate Wild

Es ist Nacht geworden auf der Theresienwiese. Die Zelte und Schausteller schließen und die Oktoberfest-Besucher ziehen nach einem aufregenden ersten Wiesntag weiter. Um 12 Uhr hat Münchens Oberbürgermeister Christian Ude das erste Fass angezapft - und mit zwei Schlägen den Wahnsinn auf dem Oktoberfest eröffnet. Um 15.30 Uhr meldete die Wiesnwache die erste Bierleiche. Trotz schlechten Wetters ist die Stimmung gut auf dem Festgelände. Am späten Nachmittag hört dann sogar der Regen auf. Süddeutsche.de hat den ganzen Tag live berichtet. Lesen Sie hier alles zum Oktoberfest-Auftakt in unserer Ticker-Nachlese.

23:02 Uhr

Langsam gehen die Menschen die Treppe hinunter. Sie laufen über alte Dirndlschürzen, Zigarettenstummel und vollgeschnäuzte Tempo-Taschentücher. Unten in der U-Bahn-Station Theresienwiese haben die MVG-Mitarbeiter keine Probleme, die Wiesnbesucher in die Bahnen zu bugsieren. Zwei Mädchen zwinkern einem Wachmann zu. Der schaut noch einmal in die Bahn und wünscht eine gute Nacht. Der erste Wiesntag geht zu Ende - doch die Party geht weiter. In den zahlreichen Afterwiesn-Locations und am nächsten Morgen auch wieder auf der Theresienwiese.

22:46 Uhr

(Foto: dpa)

Ein kleiner Bummel zum Tagesabschluss. Das Rocket-Karussell dreht sich noch, die bunten Lichter strahlen in den Münchner Nachthimmel. Hochbetrieb herrscht auch noch am Autoscooter und an anderen Fahrgeschäften. Es riecht nach gebrannten Mandeln, Bratwurst und Magenbrot. Vor den der Haxnbraterei Hochreiter sitzt ein Mädchen auf den Stufen und tippt in ihr Handy. Die meisten Oktoberfest-Besucher gehen langsam in Richtung der U-Bahn-Station. Morgen ist schließlich auch noch ein (Wiesn-)Tag.

22:40 Uhr

Noch einmal zurück ins Schottenhamel-Zelt. Dort neigt sich der erste Oktoberfest-Tag langsam dem Ende entgegen. Auf den Tischen stehen halbleere Bierkrüge, langsam leert sich das Zelt. Die Kapelle spielt noch einmal "We are the champions". Beseelt schunkeln zwei Herren in Lederhose mit. Sie kommen aus dem Gleichgewicht, die Bank kippt, das Duo findet sich auf dem Boden wieder. Eine männliche Bedienung eilt herbei, stellt die Herren mit einem beherzten Griff wieder auf die Füße. Und die steigen sofort wieder auf die Bierbank und schunkeln weiter - als ob nichts gewesen wäre.

22:33 Uhr

Gleich neben der Erste-Hilfe-Station ist die Polizei untergebracht. Ein rothaariges Mädchen steht weinend im Warteraum. Die Handtasche ist weg, jammert sie. Dann ruft ihre Mutter sie heraus. Draußen steht einer der Müllmänner, die gesuchte Handtasche in der Hand. Er hat sie gefunden und wollte sie der  Besitzerin zurückbringen. Überschwänglich fällt das Mädchen dem Mann um den Hals. Für sie hatte der erste Wiesntag ein Happy-End.

22:16 Uhr

In der Erste-Hilfe-Station des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) ist noch jede Menge Betrieb. Zwei Jugendliche haben einen ziemlich betrunkenen jungen Mann aufgelesen. "Achtung, der wehrt sich", sagen sie zu der Sanitäterin. Doch die redet ganz ruhig auf den Patienten ein und nimmt ihn mit in den Behandlungsraum. Doch eigentlich blieb es bislang überraschend ruhig, erzählt Einsatzleiter Bernhard Grau. 80 Trageneinsätze hat er zu vermelden, bei denen Patienten auf der Wiesn-Station eingeliefert wurden - das ist für einen Wochenendtag nicht allzu viel. Außerdem freuen sich die 170 BRK-Helfer, die an diesem Tag im Einsatz sind, darüber, dass weniger Schwerbetrunkene auf der Station aufschlagen. Aber: Der Anteil der Jugendlichen und Frauen ist gestiegen.

21:52 Uhr

(Foto: Julia Weber)

Auf dem Oktoberfest gibt es auch Dinge, die nicht jeden Geschmack treffen: Männer in rotkarierten Dirndln. Frauen mit Fell-Sandalen. Und auch die Wiesn-Tasche, die es am Souvenirstand zu kaufen gibt, überzeugt nicht mit Stil. Zwei Euro kostet die Wiesn-Single Plastiktasche. Damit kann die Oktoberfest-Besucherin ihren Beziehungsstatus nicht nur um den Hals, sondern auch am Arm tragen.

21:41 Uhr

Das Oktoberfest ist immer auch ein Boulevard der Eitelkeiten. Hier geht es darum, zu sehen, gesehen zu werden - und dabei möglichst gut auszusehen. Das kühle Wetter sorgt dafür, dass ganz neue Modekreationen auf der Festwiese zu bestaunen sind. Da wäre zum Beispiel das Mini-Dirndl in Kombination mit einem schicken Kapuzenpulli in Dunkelblau. Oder die Krachlederne, getragen mit einer neongelben Regenjacke. Da sage noch einer, auf der Wiesn regiere der geschmacklose Landhaus-Stil.

21:19 Uhr

Jede Menge busselnder Pärchen sind im Schottenhamel-Zelt zu sehen. Pärchen in Tracht, Pärchen im Partnerlook, ganz egal. Es liegt der Verdacht nahe, dass das Bier an so mancher Liaison nicht ganz unschuldig ist. Ein Wiesnbesucher hat sich in eine recht leere Boxe zurückgezogen und küsst - zwei Mädchen gleichzeitig.

21:02 Uhr

Alle Zelte voll? Von wegen. Am Hintereingang vom Schottenhamel, gegenüber der Wiesn-Polizei, stehen die Türen offen. Also, rein ins Getümmel. "Walking on sunshine" spielt die Kapelle und plötzlich ist die Kälte, die draußen inzwischen herrscht, vergessen. Am Tisch, den eigentlich eine Stahlhandlung reserviert hat, sind alle Plätze frei. Die Stimmung ist ausgelassen. Viele junge Partygäste sind hier, sie stehen auf den Bänken, halten Krüge in den Händen und singen lauthals mit. Endlich wieder Wiesn - und so geht es jetzt noch einen Abend und 15 Tage weiter!

20:37 Uhr

"Tage wie diese", dringt aus dem Löwenbräuzelt - der Wiesnhit 2012? Im Biergarten findet die Musik nicht so viel Beachtung. Dort sitzt ein Mittdreißiger, dessen Mähne sich vor der des Löwen auf dem Turm nicht verstecken muss. "Icke" sagt er, und outet sich damit schon gleich als Nicht-Münchner. Nach einem Brüller, den der Löwe auf dem Turm auch nicht besser hinkriegen würde, erzählt er, dass er schon seit mehreren Jahren in Bayern wohnt - und dass er sich gut mit den Australiern am Nachbartisch unterhalten hat. Mit jeder Maß habe es mit der Verständigung besser geklappt.

20:25 Uhr

Liebeserklärungen sind wichtig. Gerade Frauen können davon nicht genug hören. Auch auf der Wiesn gibt es viele davon. Lebkuchenherzen mit Bekundungen wie "I mog di" oder "Spatzl" gibt es viele. Sie sind etwas für zurückhaltende Männer. Es gibt aber auch Herzerl für die Überschwänglichen. "Ich liebe dich" steht auf einem. Das Herz auf dem die drei schönsten Worte der Welt zu lesen sind, ist allerdings größer als der Oberkörper der Angebeteten. Auf dem Oktoberfest zeigt sich: Man kann es auch bei den Liebeserklärungen übertreiben.

20:16 Uhr

(Foto: Julia Weber)

Der Tisch in der Wildstuben, der den meisten Krach beim Anstoßen macht, ist mit sieben Schweizern besetzt. Aus Zürich sind sechs der Herren angereist zu ihrem Kumpel und zu ihrem ersten Wiesn-Besuch. Den Anstich haben sie zwar verpasst. Dafür haben sie gestern Abend zu lange im Löwenbräukeller gefeiert. "Heute morgen waren wir noch im Koma", sagt einer lachend. Jetzt haben sie schon wieder eine Maß vor sich stehen - und ein Brotzeitbrettl, mit dessen Bestandteilen die Gruppe auch andere Dinge anzufangen weiß, als den Hunger zu stillen. Nebenbei versuchen sie, mit Komplimenten wie "Sie haben ein schönes Dekolleté, junge Frau" weibliche Gesellschaft an den Tisch zu locken.

19:50 Uhr

Langsam wird es dunkel draußen - und damit immer kühler. Zeit, einen Platz zum Aufwärmen zu finden. In der Wildstuben ist noch Platz. Stimmungsmäßig kann das kleine Zelt durchaus mit Schottenhamel, Hippodrom und den anderen großen Partytempeln mithalten und das liegt auch an der Musik. Anstatt einer Kapelle spielt hier eine Band und die stimmt sogleich die größten Wiesn-Hits an: "Anton aus Tirol", "Schatzi, schenk mir ein Foto", "Hey, Baby" - und das in Kombination mit "What's up" von den 4 Non Blondes. Hier ist für jeden Oktoberfest-Fan etwas dabei.

19:27 Uhr

Sie haben der Versuchung widerstanden, sich Lederhosen zu kaufen. Doch die Mega-Party wollen sie sich nicht entgehen lassen. Fünf Amerikaner mittleren Alters stehen etwas verloren zwischen Autoscooter und Festzelt. Sie kommen jeder aus einem anderen Staat: New Jersey, Massachussetts, Kalifornien, Florida. Ihre Namen wollen sie nicht verraten. Sie sind beruflich hier, wollten sich aber den Anstich nicht entgehen lassen. Allerdings nicht im Schottenhamel sondern im Hofbräuzelt. Wieviele Maß sie getrunken haben? Zwischen drei und fünf. Manche sagen so, die anderen so. Ob ihnen das Bier geschmeckt hat? "Excellent!" Das ist schon was anderes als Budweiser, oder? "Oh yes! Thank God!"

19:09 Uhr

(Foto: Getty Images)

Stau im U-Bahnhof Theresienstraße: Ein Wiesnbesucher kann sich nicht mehr auf den Beinen halten und sinkt gen Boden. Sofort sind Sanitäter und MVG-Mitarbeiter bei ihm und nach einigen Minuten steht der tatsächlich wieder. Die berüchtigte Wiese unter der Bavaria, wo diejeinigen, die zu tief ins Glas geschaut haben, ihren Rausch ausschlafen, ist jetzt noch recht leer. Einige Oktoberfest-Gäste haben sich hier zum Nickerchen hingelegt, aber das ist heute ein frostiger Spaß. Auf den Stufen wird weniger Bier getrunken als Cola und Fanta. Aber dann übergibt sich doch ein junger Mann. Ein Pärchen aus Italien ist noch auf Zimmersuche für die Nacht.  50 Euro wollen sie ausgeben. Doch ein Blick ins Smartphone verrät: Wenn die beiden tatsächlich noch ein Zimmer bekommen wollen, müssen sie mindestens 150 Euro investieren.

18:47 Uhr

Mit 9500 Plätzen ist die Ochsenbraterei eines der größten Festzelte. 200 Bedienungen flitzen um die Wette, um die Gäste an den über 100 Tischen und dem Biergarten zu bedienen. Alex ist einer von ihnen. Das fünfte Jahr in Folge stemmt er Maßkrüge. "Heute ist viel los. Das liegt bestimmt am schlechten Wetter, da strömen alle in die Zelte. Die Gänge stehen voll, da kommt man schlecht durch. Normalerweise ist der erste Tag entspannter." Die Leute essen mehr als in den vergangenen Jahren. Im Moment dreht sich August 1 auf dem Spieß, ein Ochse, der zehneinhalb Zentner wiegt.

18:27 Uhr

Sonja steht vor dem Souvenirstand zwischen Ochsenbraterei und Hofbräuzelt - und ist sehr zufrieden mit dem Umsatz. Trotz des schlechten Wetters hat sie heute schon jede Menge verkauft. Besonders begehrt sind Hüte und Bierkrüge. Durch den Regen lief der Verkauf am Vormittag etwas schlechter. Ein Gutes hatte er aber: Regenschirme fanden reißenden Absatz.

18:10 Uhr

Wer jetzt reinwill ins Epizentrum der guten Laune, muss sich mächtig ins Zeug legen - und braucht Glück. Bräurosl? Voll. Winzerer Fähndl? Wegen Überfüllung geschlossen. Löwenbräu? Keine Chance. Schottenhamel? Sowieso nicht. Also mal schnell nen Abstecher zum Zentralen Landwirtschaftsfest gemacht. Dort kann der interessierte Fachbesucher für 13,50 Euro Eintritt Maismühlen und Düngestreuer betrachten, mit etwas Glück beim Gewinnspiel der Firma Düka eine Ladung Feuchtkalk mit nach Hause nehmen und natürlich kleine Ferkel streicheln, Ziegen und Shetland-Ponys. Plötzlich eine Durchsage via Lautsprecher: Die Bundesliga-Ergebnisse. Der FC Bayern den FC Schalke 04 mit 2:0 bezwungen. Jubel? Mitnichten. Auf dem Landwirtschaftsfest kümmert man sich lieber um die wichtigen Dinge des Lebens.

17:54 Uhr

(Foto: Beate Wild)

Ein neues Fahrgeschäft gibt es auf der Wiesn 2012 nicht, aber immerhin ein neu gestaltetes. In der Geisterbahn Shocker hat der Schausteller die Gruselräume neu eingerichtet: Als Vorbild diente der Horrorfilm "Der Exorzist". Die Besucher steigen ein in den vergitterten Wagen - und ab geht die Fahrt ins Gruselkabinett. Geister schweben über Betten, furchterregende Gestalten recken ihre Finger in Richtung der Passagiere - und plötzlich springt ein lebender Geist auf einen zu. Es wird laut geschrien. Doch schlimmer als andere Geisterbahnen ist der Shocker auch nicht. Und die Gestalt da mit der Gitarre? Nein, das ist nicht Mick Jagger.