Leihräder Obike im Härtetest

Wer mit einem Obike durch die Stadt fährt, darf auf Komfort und Schnelligkeit keinen großen Wert legen. Doch die gelb-grauen Räder haben auch ihre Vorteile. Eine Probefahrt.

Von Thomas Jordan

Man kennt sie als meterlange gelb-graue Kolonne am Chinesischen Turm oder an der Münchner Freiheit. Immer häufiger kennt man sie inzwischen auch als Metallhaufen im Gebüsch: Die knapp 7000 Mieträder, die die Firma Obike aus Singapur seit Anfang August auf den Straßen und Plätzen Münchens verteilt hat. Doch wie fährt sich so ein Obike eigentlich? Wie lange dauert es, bis man in die Pedale treten kann? Und wie viel kostet die Strampelei?

Wer sich dazu entschließt, ein Obike auszuleihen, bekommt zuerst einen kleinen Schock - wegen der Höhe der Kaution, die jeder hinterlegen muss, der mit einem der Leichträder fahren will. 79 Euro sind es, der Kunde kann sie per Sofort-Überweisung oder per Kreditkarte bezahlen. Damit wolle man sicherstellen, "dass Obike von allen Obikern verantwortungsvoll benutzt wird", heißt es auf der Internetseite.

So unterscheiden sich die Leihrad-Anbieter

Zum Vergleich: Beim lokalen Konkurrenten MVG-Rad ist das nicht notwendig. Um sich eines der robusten blau-grauen öffentlichen Räder auszuleihen, reicht es, sich mit seinen Bank- oder Kreditkartendaten bei der "MVG more"-App anzumelden. Und auch die Bahn-Tochter "Call a Bike" verlangt für ihre Räder keine Kaution, erhebt allerdings im Basistarif eine Grundgebühr von drei Euro pro Jahr.

Ein weiterer Unterschied zu den beiden etablierten Anbietern: Während Call a Bike und MVG Rad nur beim Abstellen den Standort des Fahrrads orten, werden bei Obike auch während der Fahrt die Bewegungsdaten übermittelt - laut Obike, um sie in anonymisierter Form den jeweiligen Stadtverwaltungen zur Verfügung zu stellen. Beim Herunterladen über den Apple Store wird der Nutzer dazu explizit gefragt, über Google Play wird die Zustimmung automatisch angenommen, heißt es in der Datenschutzerklärung. Dort steht zudem, dass Obike über GPS auf den Standort des Handys auch dann zugreifen kann, wenn die App nicht benutzt wird.

Erde und Gras am Lenker

Lässt man sich auf Kaution und Datenerhebung ein, geht bei Obike alles ganz schnell. Innerhalb weniger Minuten ist das Rad startbereit. Man tippt dazu im gelb-grauen Schilderwald in der App-Umgebungskarte auf das gewünschte Obike und scannt dann mit der Handykamera den Barcode am Lenker des Fahrrads. Ein kurzes Klacken, und der Sperrriegel am Hinterrad schnappt auf. So manch einem der gelb-grauen Räder sieht man allerdings an, dass es schon einmal vom Weg abgekommen ist - oder etwas unsanft abgestellt wurde. So wie am Herkomerplatz in Bogenhausen. Drei Obikes stehen hier in einer Reihe. Und bei allen hängt am rechten Lenker ein Batzen Erde und Gras.

Stören die 7000 Obikes in München - oder nicht?

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Egal, los geht's. Etwas holprig, denn mit seinem breiten, leicht nach innen geschwungenen Lenker und ohne Gangschaltung ist das Zweirad etwas gewöhnungsbedürftig. Trotzdem, technisch funktioniert das Obike einwandfrei. Ein wenig irritierend ist allerdings, dass beim Drehen an der vermeintlichen Gangschaltung rechts am Lenker nur eine Klingel ertönt. Die fehlende Gangschaltung ist auf ebener Strecke gerade noch zu verschmerzen, beim Fahren am Berg wird es aber richtig unangenehm. Vorwärts kommt man nur in langsamer Schrittgeschwindigkeit, ist aber trotzdem danach komplett verschwitzt. Und irgendwann nervt es auch, dass einen selbst die ältesten Klappergestelle auf zwei Reifen pausenlos überholen. Keine gute Idee ist es dann, beim Herunterfahren mal kurz die Hand vom Lenker zu nehmen, um auf die Uhr zu sehen. Denn der breite Lenker übersteuert extrem leicht, so dass jede kleine Bewegung mit einem Schlenker des Rads quittiert wird.

Das O-Bike erinnert an ein überdimensioniertes Dreirad

Mit seinem extrem niedrigen Gestänge, das kaum zehn Zentimeter vom Boden entfernt ist, erinnert das O-Bike an ein überdimensioniertes Dreirad. Man fühlt sich darauf - auch weil man ohnehin nicht schnell vorwärts kommt - halbwegs sicher. Spaß macht es allerdings keinen. Das ist beim Konkurrenten, dem MVG-Rad schon anders: Für die Strecke vom Kurfürstenplatz in Schwabing zum Herkomerplatz in Bogenhausen braucht man bei durchschnittlichem Kraftaufwand mit den Blau-Grauen von der Stadt etwa zehn Minuten. Mit der Konkurrenz aus Singapur sind es deutlich mehr.

Und mit dem MVG-Rad hat man danach durchaus noch Lust und Puste weiterzufahren. Denn die Hightech-Räder aus München, die anstelle eines Gepäckträgers einen Bordcomputer besitzen, fahren sich trotz ihres wuchtigen Aufbaus leicht und auch die Acht-Gang-Schaltung läuft wie geschmiert. Dafür funktioniert allerdings das Abstellen der asiatischen Leichträder wieder erstaunlich schnell und problemlos, während sich der Münchner Bordcomputer gerne mal einige Minuten Zeit lässt.

Wenn der Kundenservice nur über eine Mailadresse erreichbar ist

Wenige Sekunden, nachdem man den Sperrriegel des Obikes durch das Rahmenschloss am Hinterrad geschoben hat, piepst es zweimal und das Fahrrad ist bereit für den nächsten Benutzer. Auf dem App-Bildschirm am Smartphone sieht man dann den Preis für die gefahrene Strecke - 30 Minuten kosten einen Euro. Das ist dann doch um einiges günstiger als die 2,40 Euro, die das MVG-Rad für den gleichen Zeitraum kostet. Daneben wird auch die gefahrene Kilometeranzahl angezeigt und, ein Schmankerl für den fitnessbewussten Stadtradfahrer, die Anzahl der verbrauchten Kalorien. Sollte es allerdings mal Probleme beim Ausleihen geben, ist der Kundenservice von Obike nur über eine Mailadresse erreichbar. Eine Hotline gibt es bisher nicht, das solle sich aber bald ändern, verspricht das Unternehmen.

Wer am Ende seine Kaution zurückhaben will, der muss selbst aktiv werden und braucht ein bisschen Geduld. Bis zu sieben Tage, heißt es beim Anbieter, könne es dauern, bis die 79 Euro zurückerstattet werden. Unter "Mein Guthaben" muss man dazu in der Obike-App auf "Kaution auflösen" tippen. Tatsächlich geht es dann sogar schneller, vier Tage später ist das Geld wieder auf dem Konto.

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