Leibesvisitation bei Schülern Lehrer haben Polizei-Kontrollen toleriert

Wenn das Pausenbrot wichtiger ist als weinende Mädchen: Bei den überzogenen Leibesvisitationen an der Münchner Friedrich-List-Wirtschaftsschule sollen zwei Pädagogen tatenlos zugesehen haben, während 27 Schüler sich einzeln vor Polizisten ausziehen mussten.

Von Susi Wimmer

An der Friedrich-List-Wirtschaftsschule durchsuchten Beamte 29 Schüler, teils bis auf die Unterwäsche.

(Foto: Jakob Berr)

Die Leibesvisitation einer achten Klasse an der Friedrich-List-Wirtschaftsschule wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf die Polizei, sondern auch auf die Lehrer an der Schule: Mindestens zwei Pädagogen sollen nach SZ-Informationen Bescheid gewusst und die Übergriffe toleriert haben. Ein Lehrer soll eine Schülerin, die sich in der Toilette ausziehen musste und heulend auf den Gang zurücklief, mit den Worten "Das wird schon wieder!" bedacht haben. Die Polizei ermittelt nun intern gegen sich selbst - aber auch weiterhin wegen eines Fünf-Euro-Diebstahls, der dem Vorfall vorausgegangen sein soll.

Nach den Grünen fordert nun auch die SPD eine vollständige Aufklärung der Leibesvisitationen. Wenn die Vorwürfe stimmten, wonach mehrere Kinder teilweise sogar im Genitalbereich untersucht worden seien, sei dies in mehrfacher Hinsicht skandalös, sagte der Landtagsabgeordnete Florian Ritter. Dass "aus Sicht der Staatsanwaltschaft erhebliche Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahme" bestünden, hatte zuvor schon Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch geäußert. Auch Polizei-Vizepräsident Robert Kopp unterstrich: "Das war nicht in Ordnung."

Polizei und Schüler erzählen verschiedene Versionen

Die Polizei betont zwar, niemand habe sich nackt ausziehen müssen und die Durchsuchungsaktion sei "mit Rücksprache mit der Schulleitung" erfolgt. Zwei Mädchen der Schule am Isartor haben der SZ die Vorfälle allerdings anders geschildert: Demnach stand am vergangenen Dienstag von 8 bis 12.45 Uhr Unterricht mit der Polizei auf dem Stundenplan, ein Jugendbeamter sollte im Zuge für Vertrauen und Zivilcourage werben.

"Der Beamte ist sehr beliebt an der Schule", erzählt eine Schülerin. Als der 44-Jährige den Unterricht fast beendet hatte, vermisste eine Schülerin fünf Euro. Dass diese gestohlen seien, mutmaßte nicht sie, sondern der Polizist, berichten die Zeuginnen. Eine Aktion, bei der der Schein erst anonym zurückgegeben werden sollte, scheiterte. "Dann hat er seine Kollegen angerufen und vor der Klasse Verstärkung angefordert", so eine Schülerin.

"Geht in die Toiletten und zieht euch aus"

Zwei Beamtinnen hätten im Mädchenklo, zwei Beamte in der Bubentoilette gestanden. Im Klassenzimmer habe der Jugendbeamte angekündigt: "Ihr werdet einzeln rausgeführt, geht in die Toiletten und zieht euch aus." Kein Lehrer soll eingegriffen haben. Die Polizisten schauten "recht böse", sagen die Kinder. Den eingeschüchterten 27 Schülern blieb nichts übrig als zu gehorchen. Wie die Zeuginnen erzählen, hätten alle T-Shirts und Hosen ausziehen müssen. Nach Gutdünken hätten die Beamten dann auch die Genitalien kontrolliert.

Während der 13-Uhr-Pause seien Schüler in den Gängen auf die beiden Lehrer getroffen, die zuvor in der Klasse waren, sagt ein Mädchen. Einer habe in aller Seelenruhe in sein Pausenbrot gebissen und zu einer weinend aus der Toilette kommenden Schülerin gesagt: "Das wird schon wieder." Die Zeugin sagt: "Am Ende haben alle Mädchen geweint, und auch einer von den Buben ist in Tränen ausgebrochen."

Eine zweite Schülerin schildert: "Mir ist am Gang eine Freundin heulend um den Hals gefallen, die war total fertig." Sie sagt, dass die Direktorin nichts von der Maßnahme gewusst habe und erst am Abend von Eltern informiert worden sei. Inzwischen sollen diverse Anzeigen gegen die Polizei erstattet worden sein. An den folgenden Tagen sollen nur elf der Schüler den Unterricht besucht haben, am Freitag wurden sie psychologisch betreut.

Wenngleich auch die Polizei die Maßnahme hinterfragt, scheint sie nach SZ-Informationen den mutmaßlichen Diebstahl weiterzuverfolgen: Drei Schüler, die fünf Euro im Portemonnaie hatten, mussten aufs Präsidium. Die Polizei will sich erst am Montag wieder zu den Vorfällen äußern.