Ars Techica in Unterhaching Tanz den Wasserstoff

Phantasievolle Installationen gibt es auf der "Ars Technica" im Unterhachinger Kubiz zu sehen.

(Foto: Claus Schunk)

Im Unterhachinger Kubiz zeigen Künstler bizarre Maschinen und phantastische Installationen. Und auf der Bühne formen Tänzerinnen H₂O-Moleküle.

Von Cathrin Schmiegel, Unterhaching

Sinn für Kunst wird ihm nicht unbedingt nachgesagt, dem Wassermolekül. Bestehend aus zwei Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom ist es auch nicht gerade aufregend, schon gar nicht ästhetisch. Die Zuschauer im Unterhachinger Kubiz aber wurden schleunigst eines Besseren belehrt. Denn dort brachte die B&M Dance Company ihr modernes und technisch versiertes Ballett-Programm zur Aufführung, um die sechste Auflage der "Ars Technica" zu eröffnen. Zehn Tänzerinnen schmiegten sich bei dem fünften der sechs Stücke aneinander, nur um im nächsten Moment hektisch auseinander zu stieben und schließlich ganz zur Ruhe zu kommen. Dieser Teil des Stückes "H₂O", so wissen die, die ins Programm schauen, sollte die "Idee des Gefrierens" symbolisieren. Spannend war das schon, und überaus ästhetisch. Vor allem aber: so ganz anders als gewöhnlich.

Das Programm "Tanz, Maschine! Reloaded" mit tänzerischer Darstellung steigender Verdichtung oder dem "Robotalk" - einer Abstraktion eines Gespräches zur Musik von Antonio Vivaldi - quoll über vor künstlerischer Raffinesse. Es würde dem Wesen der "Ars Technica" jedoch nicht gerecht, an dieser Stelle zu behaupten, die Ballettaufführung wäre das Skurrilste an der Vernissage gewesen. Genauso unglaublich war das, was den Besucher in einem Raum im Erdgeschoss des Kubiz erwartete: ein Kuriositätenkabinett aus fantastischen Lichtinstallationen, zusammengewürfelten Rad-Maschinen und Computergrafiken.

Zauberhafte Lichtinstallationen gehören zu den Publikumsmagneten.

(Foto: Claus Schunk)

Die unterschiedlichen Exponate passten perfekt zu dem Leitmotiv der "Ars Technica": dem Zusammenspiel von Ästhetik und Maschine, der Verbindung aus Kunst und Technik. "Ich liebe es, beides zusammenzubringen", sagte Torsten Kreese, und zur Bestätigung baumelte an seinem Hals eine Krawatte, an der Platinen angebracht waren. Der pensionierte Ingenieur hat die Veranstaltung um die Jahrtausendwende ins Leben gerufen. Alle zwei Jahre findet sie nun statt, in diesem Jahr an sieben Veranstaltungsorten in Unterhaching. "In der Zwischenzeit sammle ich Leute für die Veranstaltung, die zu uns passen."

Aber auch ausgefallene mechanische Skulpturen wie diese gibt es auf der Ausstellung zu sehen.

(Foto: Claus Schunk)

Meditationsobjekte für die Nervenheilanstalt

Die Künstler und Werke, die Kreese in diesem Jahr für die Ausstellung "Licht - Klang - Bewegung" im Kubiz gewinnen konnte, passen ausgezeichnet zu seiner exzentrischen Idee. Wer sich hineinwagte in die abstrakte Welt aus Video-, Computer oder Licht-Kunst und Electronic Art, der wurde von Hans Schorks "lichtkinetischen Objekten" magisch angezogen: In schwarzen Bildkästen tanzen Lichtpunkte umher, ziehen ihre Bahnen durch den schwarzen Hintergrund und verlöschen wieder - wie Sternschnuppen am Firmament. Der beruhigende Effekt ist gewollt: "Meine Werke wie ,Expansion' sind Meditationsobjekte", sagt der Lichtkünstler. "Ich würde sie gerne einmal in einer Nervenheilanstalt aufhängen."

Ein paar Schritte weiter zeigte der Multimedia-Künstler Hajo Drott Computergrafiken. Die entwickelt er aus mathematischen Formeln und Algorithmen. Mitten im Raum ratterten alte Fahrradfelgen. Durch Tritt auf ein Pedal kann der Besucher sie selbst bewegen. "Die Tschaikowsky-Maschine" der Künstlerin Charly-Ann Cobdak ist ein traumwandlerisches Wägelchen aus unterschiedlichsten Utensilien: alten Felgen, Bohrmaschinen. Obenauf tanzt eine marmorfarbene Ballerina im Kreis, ein Nussknacker bewegt sich auf und ab. Auch die Zuckerfee fehlt nicht.

Nussknacker mit Uhr

Das Gebilde entstand aus einer Kindheitserinnerung heraus: "Immer, wenn irgendwo Musik aus dem ,Nussknacker' gespielt wird, fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt", erklärt Cobdak. "Die Uhr, die an der Skulptur angebracht ist, symbolisiert die vergangene Zeit, die Räder bringen einen dahin zurück." Cobdak spielt gerne mit der Zeit, das Werk daneben trägt den Titel "Die Metamorphose der vergangenen Zukunft in der Gegenwart". Ebenso schuf die Künstlerin eine beeindruckende "Zeitmaschine".

Björn Schülke dagegen widmet sich mit seinen interaktiven Arbeiten dem Thema Observation und zeigte mit seiner ausgestellten "Vision Machine" ein Konzept der "ständigen Performance", wie er es nennt: eine kleine Kamera hält auf bewegliche Spiegel, die auf seine Beobachter gerichtet sind. Die Bilder werden auf einen kleinen Bildschirm übertragen - und der Zuschauer beobachtet sich selbst. Die Arbeit gehört zu den aufsehenerregendsten Werke dieser Ausstellung. Das Angebot bei der Ars Technica war groß. Auch Stücke anderer namhafter Künstler wie Siegfried Kreitner, Walter Giers, Julio Le Parc oder Jakub Nepraš wurden ausgestellt.

Wer noch nicht genug gesehen hatte, den führte der Initiator Torsten Kreese am Ende des Abends zu seinem Haus. Dort durften die Zuschauer Andreas Voglers "Eye in the Sky" bewundern. An der Häuserwand angebracht erweckt die Konstruktion den Eindruck, als würde man durch einen bunten Lichter-Tunnel in das Gebäude gezogen. Auch das passte gut zur "Ars Technica". Sie führte den Besucher in eine eigene, fremde Welt: fernab von der Normalität, hinein in das Absurde. Es ist wie der Science Fiction-Autor und Wissenschaftler Herbert W. Franke bei seiner Eröffnungsrede früher am Abend gesagt hatte: "Die Kunst ist ein Entdeckungsfeld, und eben das ist ihr Geheimnis."