Premiere Wenn sich Welten vermischen

Noch laufen die Proben für die Oper. Das Leonhardi-Ensemble spricht von einem "Lokalprojekt". Auch Burschenverein und Feuerwehr haben mitgeholfen.

(Foto: Claus Schunk)

Das Leonhardi-Ensemble aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn inszeniert erstmalig Georges Bizets Oper "Carmen" und verlegt die Handlung in die Moderne

Von Julian Carlos Betz, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

In der warmen und stillen Mehrzweckhalle ist neben ein oder zwei Stimmen, die Anweisungen an Orchester und Chor geben, nichts zu hören. Eine sichtliche Anspannung liegt in der Luft, die den Beginn des letzten Probemarathons vor der Premiere des Stücks am kommenden Samstag markiert. Friedvoll und einträchtig sitzen Don José und Carmen auf der Bühne nebeneinander, während der Chor im Hintergrund seine Position einnimmt und die Musiker sich auf die Probe einstimmen. Im Stück selbst wird dieser Frieden jedoch nicht lange anhalten, ist Don José schließlich der brüskierte Verehrer und Carmen die Leidtragende im Verhältnis zu einem Mann, der seine Ablehnung nicht akzeptieren will.

Die Regisseurin der halbszenischen Aufführung in deutscher Sprache mit dem bereits 1984 in Höhenkirchen gegründeten Leonhardi-Ensemble, Barbara Schöne, hat sich bewusst dazu entschieden, das Problem der Macht und Hierarchien zwischen den Geschlechtern aufzuzeigen. "Carmen" sei hierfür ein Paradestück, sagt sie, weil es eben genau um diese Dinge gehe. Deshalb wird sie auch die Inszenierung entsprechend umsetzen: Eine moderne Carmen muss sich schließlich auch in einer modernen Welt bewegen, in der sich spießige Büroleute und burleske Vagabunden tolerant, aber getrennt gegenüberstehen. Es sei gar nicht anders möglich bei den heutigen Debatten um "Me Too", als diese Oper um einen Mord aus unerwiderter Liebe auch als Problem zwischen dem Machtanspruch eines Mannes und der erwarteten Fügsamkeit der Frau darzustellen. Dabei versucht Schöne, den Konflikt auch aus einem Verlust des Status quo heraus zu entwickeln. Die eigentlich getrennten Sphären von Ordnung und vorgeblicher Moral auf der einen Seite sowie Freiheit und Unabhängigkeit von Normen und Regeln auf der anderen Seite werden durch das Verhältnis von Don José und Carmen ineinander verwoben und erzeugen so eine konfliktreiche Situation. Dabei gelte es jedoch, die Gefahr der "Verkitschung" zu umgehen, die eine mit Folklore beladene Oper wie diese, eigentlich eine Opéra-comique, für gewöhnlich mit sich bringe. "Es soll eben keine Operette werden", sagt Schöne. Carmen wisse genau, was sie wolle und - noch viel wichtiger - was sie nicht wolle. Sie stehe wie kaum eine andere Figur der Opernwelt für "Freiheit und Stolz", als "starke Frau, die Machtverhältnisse umzukehren versucht", führt sie weiter aus. An diesem bedeutenden Werk der Operngeschichte könne man besonders gut sehen, "was passiert, wenn sich Welten vermischen".

Das Ensemble sei für die Oper personell sehr gut aufgestellt, sagt Michaela Sepp, die PR-Beauftragte des Ensembles. Neben den zwei international tätigen Solisten Solgerd Isalv aus Schweden und Stefano Hwang aus Südkorea, die Carmen und Don José verkörpern werden, biete sich der große Chor des Ensembles geradezu für eine Aufführung an. Für ein Orchester sei es nämlich üblicherweise schwierig, "Carmen" aufzuführen, da man sich den Chor "teuer einkaufen" müsse. Überhaupt handle es sich bei dieser Aufführung um ein richtiges "Lokalprojekt", sagt Sepp. Nicht nur, dass die Musiker und Sänger aus München und Umgebung kommen, sondern auch die organisatorischen Arbeiten würden von hiesigen Kräften erledigt. So habe man sich beim Aufbau Hilfe vom Burschenverein geholt und von der Feuerwehr und die Kostüme des Chors dürfe sich jeder selbst zusammenstellen, nach Vorgaben der Regie versteht sich. Das ganze Projekt sei schon eine "große Herausforderung", so Sepp. Das bereits seit zwei Jahren in Vorbereitung befindliche Stück wird dabei aus verschiedenen "Blöcken" finanziert, berichtet der Vorsitzende des Ensembles Bernhard Schmid. Über interne Beiträge und Förderer, externe Sponsoren und schließlich die Einnahmen aus den Ticketverkäufen könne man es trotz des außergewöhnlichen Bedarfs stemmen. Schließlich würden für die Solisten professionelle Kostüme geschneidert, lässt Sepp wissen.

Auch Thomas Baron, seit drei Jahren musikalischer Leiter des Ensembles, ist sich der Besonderheit des Projekts bewusst und kann selbst von einer starken Faszination berichten, die von dem Stück ausgehe. Die "innere Dramatik", der man beim Zuhören begegne, der musikalische "Sog", den man als Dirigent mit seinem Orchester unbedingt heraufbeschwören und dann möglichst zuverlässig aufrechterhalten müsse sowie die abwechslungsreiche und vielfältige Folge von Arien und mehrstimmigen Ensembles reizen ihn.

Solgerd Isalv, die als freischaffende Mezzosopranistin und Schauspielerin seit 2011 in Deutschland tätig ist, war unter anderem bereits am Nürnberger Staatstheater als Cherubino in Mozarts "Le nozze die Figaro" zu sehen und zu hören. Sie wird sich in ihrer Rolle als Carmen zwar auch von ihrer Anziehung leiten lassen, weiß aber auch um die Tücken der Handlung. Es gebe sonst eigentlich keine Entwicklung der Figur, sagt sie und erklärt, dass ihr das bereits bei ihrer letzten Aufführung der Oper zu denken gegeben habe. Die Rolle werde "leicht plakativ", wenn man nicht aufpasse, dass ihr genügend Raum zur Entwicklung gegeben werde. Die Inszenierung von Schöne gefalle ihr auch deshalb so gut, weil genau dies hier möglich sei. Sie habe ein "persönliches Verhältnis" zu dieser Rolle und sehe sie ebenfalls als "riesige Herausforderung", auf die sie stimmlich jedoch gut vorbereitet sei. Das kann man jedenfalls bereits bei der Probe vernehmen, als die noch unkostümierten Hauptdarsteller sich in den Armen liegen, oder besser, Don José an Carmens Beinen hängt, während diese ihm nur für den Zuhörer überzeugend klar zu machen versucht: "Zwischen uns ist es aus."

Das Leonhardi-Ensemble führt die Oper Carmen am Samstag, 2. und am Sonntag, 3. Juni in der Mehrzweckhalle in Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Bahnhofstraße 12 auf. Beginn ist um 18 beziehungsweise 17 Uhr.