Ottobrunn Vier Schicksale, vier Neuanfänge

Im Gespräch mit Flüchtlingen: die stellvertretende Landrätin Annette Ganssmüller-Maluche und Diakonin Ursula Zenker (rechts) in Ottobrunn.

(Foto: Claus Schunk)

Die SPD versucht in Ottobrunn Neues: Nicht über Flüchtlinge reden, sondern mit ihnen. Das Interesse an der Veranstaltung ist groß

Von Laura Zwerger, Ottobrunn

Viel Kummer und Leid wurde der Familie bereitet. Damals, als die Nazis viele zur Flucht zwangen und auch die russische Urgroßmutter, die Jüdin war, fliehen musste. Annette Ganssmüller-Maluche erzählt die Geschichte ihrer Vorfahren ganz bewusst in der Dialogrunde zwischen Ottobrunner Bürgern und Flüchtlingen. Ihr Neffe habe sie an die eigene Familiengeschichte erinnert, als er unlängst gesagt habe: "Stell' dir vor: Wir haben in Deutschland bereits 50 Prozent Migrationshintergrund!" Geärgert hat sich die stellvertretende Landrätin nach eigenen Worten über diese "dumme Aussage". Was sei denn Migrationshintergrund? Meine ihr Neffe damit auch sich selbst, fragt Annette Ganssmüller-Maluche in den Saal.

Einige Zuhörer im Wolf-Ferrari-Haus schmunzeln und nicken an diesem Montagabend, wo die SPD mit Flüchtlingen über die Frage diskutiert: "Wie leben wir in Ottobrunn?" Zwischen der Landrätin sowie Claudia Bernardoni und Ursula Zenker, zwei Betreuerinnen des örtlichen Helferkreises, stehen vier Flüchtlinge. Etwas schüchtern schauen sie anfangs in die Menge. Die Vier kommen aus unterschiedlichen Ländern, gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Heimat aufgrund von Krieg und Verfolgung verlassen mussten.

Rony, 28, ist wie viele vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Seit Ende 2012 lebt er in Ottobrunn und macht nun eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Die junge Frau mit haselnussbraunen Haaren neben ihm, Hoda, ist bereits seit mehr als drei Jahren in Deutschland. Mittlerweile ist die 30-Jährige im zweiten Jahr ihrer Ausbildung zur Erzieherin. Im Iran wurde sie politisch verfolgt.

Einen Platz weiter steht Naser, 42. Der Jordanier hat vier Kinder, das jüngste davon "made in Germany", wie er lachend erzählt. Naser ist Wissenschaftler, der Dialog zwischen Religionen sein Spezialgebiet. Über Salafismus und dessen falsche Auslegung des Islams wollte er in seiner Heimat aufklären - deshalb musste er 2011 mit seiner Familie fliehen. Auch Samba, 28, aus dem Senegal ist Muslim und lebt einen friedfertigen Islam.

Nach jeder Geschichte, welche die Flüchtlinge von sich und ihren Familien erzählen, klatschen die Ottobrunner laut. Das Interesse ist groß, sehr viele sind an dem Abend gekommen, sehr viele Fragen sollen endlich gestellt werden. Die stellvertretende Landrätin sieht solche Gesprächsrunden als dringend notwendig an. Es gebe zu viele Gerüchte und Halbwahrheiten. "Wenn ich durch den Landkreis gehe, höre ich andauernd: Ich habe gehört, dass. . . Stimmen tut es aber nie." Annette Ganssmüller-Maluche will Vorurteilen und Gerüchten mit solchen Veranstaltungen entgegentreten. "Wir sollten nicht über Flüchtlinge reden, sondern mit ihnen", sagt sie.

Viele der Ottobrunner, die an diesem Abend gekommen sind, möchten denn auch in der Tat etwas über das Leben der Flüchtlinge erfahren. Was sei schwierig oder befremdlich gewesen, als sie nach Deutschland kamen? Erleben sie Fremdenhass? Kann man mal zusammen mit ihnen eine Apfelschorle trinken gehen? Hoda, Samba, Rony und Naser hören bei jeder Frage genau hin, ab und zu müssen sie noch einmal nachfragen, verstehen manches Wort noch nicht. Ihre Erfahrungen schildern sie alle positiv. Fremdenhass hätten sie bisher nicht erlebt, wohl und willkommen fühlten sie sich in der Gemeinde.

Samba findet, dass man die Offenheit der deutschen Gesellschaft in Alltagssituationen erkennen könne: "Hier in der U-Bahn, da setzt sich jemand neben mich, obwohl ich schwarz bin. In anderen Ländern, da war alles um mich herum frei - ganz hinten, am Ende des Waggons und weit weg, da standen sie dann." Diakonin Ursula Zenker, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Ottobrunn betreut, erlebt dagegen auch andere Situationen: "Wenn Flüchtlinge in Gruppen in einen Laden gehen, dann schauen die Ladenbesitzer immer ganz genau, wo sie ihre Finger hintun." Viele "ihrer" Flüchtlinge merkten diese Voreingenommenheit. "Wenn ich mit den Jungs aus meiner Einrichtung mit der Bahn fahre, dann verteilen sie sich immer. Sie wollen nicht als Flüchtlingsgruppe erkannt werden", erzählt Zenker.

Sich schnell in die Gesellschaft einzugliedern, ist vielen Flüchtlingen sehr wichtig. Deutsch lernen sei dafür die Basis. Auch die vier Flüchtlinge an diesem Abend pauken neben ihren Ausbildungen Deutsch. Naser hat in fünf Jahren so gut Deutsch gelernt, dass er als Islam-Lehrer an einer Schule unterrichtet. Hoda, Rony, Samba und Naser wissen die Unterstützung zu schätzen, die sie erhalten haben. Nun hoffen sie, dass die Neuankömmlinge ähnliche Erfahrungen machen. "Für mich wurde eine Tür aufgemacht. Jetzt habe ich den Schlüssel selbst. Darüber bin ich sehr glücklich und dankbar", verabschiedet sich Rony.