Normalverdiener in Grünwald "Mama, wieso haben wir eigentlich keinen Pool?"

Das nagelneue Gymnasium ist symbolisch für den Reichtum von Grünwald.

(Foto: Angelika Bardehle)
  • Amanda Schmidt und ihr Sohn leben in Grünwald, dem wohlhabendsten Ort im Landkreis München.
  • Als Normalverdiener ist es in diesem Umfeld laut Schmidt nicht leicht, Kinder normal zu erziehen, da sie mit Lebensstilen konfrontiert sind, die sie selbst sich nicht leisten können.
Von Ruth Eisenreich und Lenka Jaloviecova

Was heißt eigentlich "normal"? Ein Smartphone zu besitzen, einen Computer, einen Geschirrspüler, ein Auto? Max, neun Jahre alt, findet ein Schwimmbecken im Garten ziemlich normal. "Mama, wieso haben wir eigentlich keinen Pool?", fragte er Amanda Schmidt vor wenigen Wochen noch an der Türschwelle, als er vom Spielen mit einem Freund nach Hause kam. Schmidt, so erzählt sie, war kurz sprachlos.

Amanda Schmidt und ihr Sohn, die in Wirklichkeit anders heißen, leben in einer Gegend, in der "Normalität" etwas anderes bedeutet als im Rest Deutschlands: in Grünwald, dem wohlhabendsten Ort im generell wohlhabenden Landkreis München. Hier stehen Porsches und Range Rovers in den Auffahrten, auf der Straße begegnet man Promis wie David Alaba oder Oliver Kahn. Wenn Max und seine Freunde im örtlichen Freizeitpark kicken, auf dem Kletterturm herumkraxeln oder den Großen beim Skaten in der Halfpipe zusehen, treffen sie gelegentlich den Bayern-Fußballer Dante, der hier gern mit seinen Kindern vorbeikommt.

9,8 Prozent

Der Grünwalder verdienten im Jahr 2010 weniger als 50.000 Euro (Gesamtbetrag der Einkünfte je Lohn- und Einkommenssteuerpflichtigen). Im gesamten Landkreis waren es 28,4 Prozent der Menschen, bayernweit 45,6 Prozent.

"Zufrieden macht das Gefühl, mehr als andere zu besitzen"

Wie fühlt es sich an, als Normalverdiener in einem so reichen Umfeld zu leben? Welche Auswirkungen hat es, wenn alle Nachbarn sich Dinge leisten können, die für einen selbst unerreichbar sind? "Zufrieden macht nicht so sehr das verfügbare Einkommen, sondern das Gefühl, mehr als andere zu besitzen", sagt Marc Keuschnigg vom Institut für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat sich in seiner Forschung mit dem Zusammenhang zwischen Geld und Glück beschäftigt. Für objektiv arme Menschen, sagt er, könne es durchaus von Vorteil sein, in einer reichen Gegend zu leben: Beim Einkommensvergleich würden sie so oder so schlecht abschneiden, in einem reichen Viertel könnten sie immerhin von den dortigen öffentlichen Gütern profitieren, von guten Schulen oder sauberen Parks etwa. Das trage zur Zufriedenheit bei. Anders sieht die Sache laut Keuschnigg bei Durchschnittsverdienern und eher wohlhabenden Menschen aus. "In einem durchschnittlichen Viertel können sie sich an ihren Einkommensvorteilen erfreuen und sich durch ihren Konsum und Lebensstil abheben", sagt Keuschnigg. In einem reichen Viertel hingegen würden sie mit Lebensstilen konfrontiert, die sie selbst sich nicht leisten könnten.

Die Burg thront über Grünwald.

(Foto: Claus Schunk)

"In Grünwald wird oft mit materiellen Dingen geprahlt", sagt Amanda Schmidt, Jeans, weiße Bluse, schwarzer Blazer, Dauerlächeln. Vor zwanzig Jahren ist die heute 38-Jährige gemeinsam mit ihren Eltern aus München nach Grünwald gezogen. Kinder normal zu erziehen, sagt Schmidt, sei in diesem Umfeld nicht einfach. Aber nicht nur Kinder lassen sich vom Reichtum ihres Umfelds beeinflussen. Ein allein stehender Mann aus Grünwald erzählt, er habe sich schon einmal den Porsche eines Bekannten ausgeborgt, um Frauen aufzureißen. Andere Menschen machen gar Schulden, um mit dem Lebensstandard ihrer Umgebung mithalten zu können: Die einen leihen sich Geld aus, um wie die Nachbarn für zwei Wochen nach Afrika zu reisen, die anderen, um dem Sohn zum Geburtstag das ersehnte iPhone zu schenken.

Nirgendwo in Bayern verdienen die Menschen so viel wie in Grünwald

Für die allermeisten Grünwalder sind Fernreisen und technische Gadgets kein Problem. Nirgends im generell wohlhabenden Bayern verdienen die Menschen auch nur annähernd so viel wie hier: Ein durchschnittlicher Bayer hatte im Jahr 2010 dem Bayerischen Landesamt für Statistik zufolge Gesamteinkünfte von 35 965 Euro; im Landkreis München lag der durchschnittliche Verdienst schon bei 51 612 Euro, in Grünwald bei 118 505 Euro - also mehr als drei Mal so hoch wie der bayerische Durchschnitt. Nirgends gibt es dementsprechend auch so wenige Menschen, die weniger als 50 000 Euro im Jahr verdienen: 46 von 100 Bayern fallen in diese Kategorie, 28 von 100 Bewohnern des Landkreis München - und nicht einmal zehn von 100 Grünwaldern.

Wie Amanda Schmidt wohnt auch Antje Wagner, 48, schon seit 20 Jahren in Grünwald. Sie zog damals wegen ihres Mannes hierher. Dass in ihrer Gemeinde, wie sie sagt, "eine andere Wertigkeit von Materiellem herrscht", fiel ihr erstmals auf, als sie sich in den Neunzigerjahren einen neuen Opel Corsa kaufte - und schnell feststellen musste, dass der Neuwagen für ihre Nachbarn nichts Besonderes war. Das Haus, das die Betriebswirtin und Grünen-Gemeinderätin mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bewohnt, stammt aus dem Jahr 1934 und wirkt wie direkt aus den Alpen hierher verpflanzt: Holzdecke, Holzmöbel, der Holzboden knackt beim Gehen unter den Füßen. Die Wagners haben das Haus nach und nach selber saniert, haben Fußböden abgeschliffen, Innenwände gedämmt und das Dachgeschoss umgebaut. Von dort oben fällt der Blick auf das Nachbargrundstück: das graue Dach einer Villa, ein Garten mit Bäumen und gepflegtem Rasen, und in der Mitte, von schwarzen Kacheln umrandet, ein großer rechteckiger Pool.

"In unserem Haus herrschen andere Werte als draußen"

Wagner sagt, sie lasse sich von der finanziellen Kluft zwischen ihren Nachbarn und ihr selbst nicht beeindrucken. "Ich hege keine Konkurrenzgedanken", sagt sie, "in unserem Haus herrschen andere Werte als draußen." Für Wagners Kinder, 13, 15 und 17 Jahre alt, ist die Sache nicht immer ganz so einfach. So konnte der Sohn seinen achten Geburtstag nicht wie viele seiner Bekannten mit der ganzen Klasse feiern, sondern nur mit seinen besten Freunden. Auch warum sie nicht jedes elektronische Gadget bekommen, muss Wagner ihren Kindern immer wieder erklären. "Sie wollen immer alle Neuheiten haben", sagt Wagner. Sie sage den Kindern dann etwa, dass sie ja bei ihren Freunden auf der Playstation spielen könnten; bisher funktioniere diese Strategie.

Will Werte vermitteln: Antje Wagner

(Foto: Antje Barbara Wagner; oh)

Mit vielen ihrer reichen Nachbarn versteht sich Wagner gut. Aber ihre Bemühungen, ihre Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen, stoßen oft auf Unverständnis. Schon früh seien die Kinder zu Fuß zur Schule oder zu Freunden gegangen oder mit dem Rad gefahren, erzählt sie. Oft hätten andere Mütter daraus geschlossen, sie besäße kein Auto, und ihr angeboten, ihre Kinder mitzunehmen. "Der Charity-Gedanke ist in Grünwald schon weit verbreitet", sagt Wagner, "dieses: Ich möchte jemandem etwas Gutes tun."

Wagner selbst ist, wie sie sagt, in armen Verhältnissen in einem Sozialbau in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Ihr Vater reparierte alte Radios und Fernseher. Sie habe als eine der ersten in der Nachbarschaft einen Farbfernseher gesehen, erzählt sie - weil ihr Vater ihn für einen Bekannten instand setzte. "Die Probleme waren dort die gleichen wie hier in Grünwald, nur auf einer anderen finanziellen Ebene", sagt Wagner.

Ab etwa 800 Euro im Monat bedeutet mehr Geld nicht mehr Glück

Das entspricht den Beobachtungen des Soziologen Marc Keuschnigg. In seinen Studien befragte er Menschen nach ihrer Lebenszufriedenheit und ihren Lebensumständen und suchte nach Zusammenhängen. Den stärksten Einfluss auf das Wohlbefinden hätten in Deutschland Alter, Gesundheit und "Vertrauen in die Nachbarschaft", sagt er. Der Einfluss des sogenannten absoluten, also des tatsächlichen, Einkommens auf die Zufriedenheit lasse sich nicht seriös beziffern; in Deutschland, mit einer generell wohlhabenden Gesellschaft, sei es aber deutlich weniger wichtig als das - im Vergleich zum persönlichen Umfeld - relative Einkommen. Denn zusätzliches Geld mache nur so lange glücklicher, bis die materiellen Grundbedürfnisse befriedigt seien. Ab einer Grenze von etwa 800 Euro netto im Monat bedeute mehr Geld nicht mehr Glück. Vielleicht ist das ja ein Trost für die Grünwalder Normalverdiener.