Neubiberg Emile und die grüne Erziehung

Material für den Mathematikunterricht der Grundschule konnten Besucher des Informationsabends der Montessori-Schule in Neubiberg ausprobieren.

(Foto: Angelika Bardehle)

Die private Montessori-Schule in Neubiberg setzt auf Nachhaltigkeit

Von Anna Hordych, Neubiberg

Es heißt nicht sitzenbleiben, sondern verweilen. An der Montessori-Schule "Emile" greifen andere Konzepte als an Regelschulen. Ein Informationsabend hat Eltern und Kindern Einblicke in die Schulphilosophie gegeben. Diese besagt: Einmal innezuhalten und zu reflektieren, lohnt sich. Erfinder und Träumer des Individualismus, Jean-Jacques Rousseau, hätte seine Freude gehabt. Seine viel zitierte Hommage an die Kindheit "Emile oder über die Erziehung" trägt zufälliger Weise den Namen der Schule im Titel.

Vor circa 100 Jahren hatte Maria Montessori die nach ihr benannte Form der Pädagogik entwickelte. Die Lehre der kindlichen Selbstbestimmung und des Verantwortungsgefühls hat Früchte getragen und ist angesichts gegenwärtiger Debatten um schnelllebige Schulpraxen aktueller denn je. Die Sitzreihen sind an diesem Informationsabend voll besetzt, viele Eltern sind darunter, vereinzelt auch Jugendliche. Als Schulleiterin Angelika Bachmann in einem zart rosagefärbten Blazer die Bühne betritt, strömen noch weitere Eltern in den Saal und versuchen, noch einen Sitzplatz zu ergattern. In München und dem Landkreis ist das Angebot an weiterführenden Montessori-Schulen knapp bemessen. Die private Montessori-Schule Emile leistet zur Zeit Pionierarbeit. Seit Beginn des neuen Schuljahres bietet "Emile" einen schuleigenen FOS-Zweig an. Schüler und Schülerinnen können die elfte und zwölfte Klasse jetzt an der Emile absolvieren und dem Montessori-Konzept von der ersten Klasse bis zum Fachabitur treu bleiben.

In München, an der integrativen Montessori-Schule an der Balanstraße, ist das nicht möglich: "Dort müsste man nach Abschluss der zehnten Klasse auf eine unabhängige MOS wechseln", berichtet Anette Schultheiß. Sie weiß, wovon sie spricht, ihre beiden Kinder hatten die Balanschule besucht, bevor sie zur Emile wechselten. Jetzt sind sie dort in der sechsten und siebten Klasse. Die Familie Schultheiß wohnt in der Münchner Isarvorstadt. Trotz der größeren Entfernung zur Emile "waren die Kinder total überzeugt und wollten unbedingt wechseln. Für sie steht schon fest, dass sie hier den FOS-Studiengang nutzen und das Abi ansteuern wollen", berichtet Schultheiß. Dafür nehmen beide Schüler einen Schulweg vom Münchner Zentrum nach Neubiberg in Kauf, sie fahren jeden Tag mit S-Bahn und Bus. Ihren Kindern gefalle speziell, "wie viel Wert die Schule auf Nachhaltigkeit legt".

Nach Überzeugung der Schulleiterin war Maria Montessori auch in Sachen Umwelt eine Visionärin: "Sie war quasi die erste Grüne", sagt Bachmann und weist auf Montessoris "Kosmische Erziehung" hin. Natürlich kann damit keine moderne Form ökologischen Bewusstseins gemeint sein, aber so getreu hält man sich auch nicht an den Wortlaut der Reformpädagogin, die ihre Leitlinien ursprünglich nur mit Blick auf den Elementar- und Grundschulbereich formulierte.

Zwei Drittel der Eltern interessieren sich an diesem Abend für den Unterricht von der fünften Klasse an, also für den freier nach Montessori entwickelten Sekundarabschnitt. Bachmann erläutert zentrale Kernthesen anhand leuchtender Fotos aus dem Schulalltag, der auch mal aus Basteln und Backen bestehen kann. Hauptmerkmal des Montessori-Alltags ist natürlich das Prinzip "keine Noten" - ein formaler Aspekt, der mit Selbstverantwortung, Eigenmotivation und dem zuvor erwähnten Umweltbewusstsein einhergeht.

Das ökologische Bewusstsein schlägt sich auch in der Orientierung der FOS nieder: Neben dem Sozialzweig kann man hier Agrar, Bio- und Umwelttechnik studieren. "Das ist einmalig", sagt Lea Bauer aus Neubiberg, sie hat einen Realschulabschluss und möchte sich bewerben, über den geforderten Notenschnitt von 3,5 braucht sie sich keine Sorgen zu machen. "Sonst zielen die Fachoberschulen auf Psychologie und Sozialwesen, aber mein Lieblingsfach ist Bio und an der Emile kann ich mich in Richtung der Naturwissenschaften spezialisieren." Leas Mutter hat ihre Tochter zum Info-Abend begleitet und findet den Lehrer-Schüler-Satz von 1:13 besonders attraktiv. Auf eine Klasse von 26 Schülern kommen an der Emile zwei Lehrer, zusätzlich gibt es spezielle Fachbetreuer. Die monatliche Schulgebühr von 347 Euro sei eine Hürde, aber eine, die man gerne stemmen werde.

In ihrem ökologischen Ansatz setzen die unteren Klassen andere Maßstäbe als die FOS. Dort wird auch mal sechs Wochen lang mit realem Müll experimentiert. In der Physik wird der Müll gewogen und pro Haushalt bemessen, in Deutsch werden Kommentare und Reportagen zur Müllvermeidung verfasst. Die Fächer greifen ineinander. Illustriert werde so der Leitsatz "vom Konkreten zum Abstrakten, vom praktisch Haptischen zum Begreifen".

Guido Brüning, dessen Kinder in Neubiberg eine normale Regelschule besuchen, ist nach dem Info-Abend skeptisch: "Die Frage ist doch: Möchte ich, dass mein Kind in einem selektierten Umfeld aufwächst?", sagt Brüning, "im späteren Leben trifft das Kind ja auch auf alle möglichen Charaktere. Privatschulen haftet natürlich immer das Image der Elitenbildung an".

Ob sich Kinder für die Emile eignen, entscheidet eine drei- bis fünftägige Hospitanz an der Schule. "Natürlich achten wir darauf, ob das Kind im Ansatz motiviert und selbständig ist", sagt Angelika Bachmann, "genauso fangen wir ein Kind auf, wenn es unser Modell als Freischein zum Nichtstun versteht. Referate werden gehalten und dafür motivieren sich Kinder rasch selber, schließlich möchte niemand völlig blank vorne stehen".