Garching Schaurig schön

Eine eindrucksvolle dramatische Darbietung überzeugte die Zuschauer im Theatron des Werner-Heisenberg Gymnasiums in Garching.

(Foto: Fotos: Catherina Hess)

Inspirierte Akteure machen die Carmina Burana in einer mutigen Inszenierung auf der Open-Air-Bühne in Garching zum Ereignis

Von Cathrin Schmiegel, Garching

Die Nacht endete wie sie begonnen hatte: Die Tribüne war in goldenes Scheinwerferlicht getaucht, der Chor stimmte ein letztes Mal die verheißenden Zeilen aus "O Fortuna" an. Düstere Trommelschläge, Finsternis in den Zuschauerrängen. Die Hauptfigur kroch in ihre Truhe zurück, aus der sie eineinhalb Stunden zuvor auf die Bühne gekommen war - zum Greis geworden. Der Tod reichte ihr die Hand. Natürlich: ein weiterer Darsteller. In seinen gekrümmten Fingern hielt der alte Mann noch sein rotes Tuch umklammert, eine Reliquie aus seinem schicksalhaften Leben: voll von Liebeslust, Vergnügungssucht und Verderben. Die Truhe schloss sich, das Stück war aus.

Die "Carmina Burana" nach Carl Orffs populärer Intonierung hauchte ihre letzten Klänge aus. Das erste Mal nach 20 Jahren wurde der Zyklus am Wochenende im Theatron des Werner-Heisenberg Gymnasiums, Garching, aufgeführt.

Die "Carmina Burana" sind im 13. Jahrhundert im bairischen Sprachraum entstanden, eine Sammlung aus Liedern und Gedichten. Carl Orffs Vertonung aus den Dreißigerjahren hat die "Lieder aus Benediktbeuern" weltberühmt gemacht. Hunderte Male wurde sie seitdem aufgeführt. Zumeist konzertant. Und so waren die drei Aufführungen in Garching an diesem Wochenende sehr besonders. Fünf Darsteller verkörperten das Musikalische szenisch, mit ausladendem Tanz ohne Text. Albert Neuhauser, musikalischer Leiter und Initiator des Projektes, hat sich diese Interpretation mit dem Regisseur Hardy Hoosman ausgedacht und mit 300 Personen auf eine Garchinger Open-Air-Bühne gebracht. Beeindruckend, wie mühelos das Zusammenspiel gelang.

Eine mutige Inszenierung der Carmina Burana.

(Foto: Catherina Hess)

Der Münchner Schauspieler Sebastian Derksen gab die Metamorphose der Hauptfigur sehr passend, trieb den einst schüchternen Jüngling zum narzisstischen Sittenverfall. Tölpelhaft überhäufte er die Liebe selbst (wunderbar dargestellt von Isabelle Weh) noch bei "Ecce gratum" unter Begleitung des Chores mit Geschenken aller Art, fand schließlich Gefallen an sich selbst, verfiel der Eitelkeit in "Chramer, gip die varwe mir" und strandete im Exzess: Bei dem Lied "Ego sum abbas" spielte er mit dem Glauben (dargestellt von Lukas Aue) Würfelspiele und entriss ihm dessen letztes Hemd. Das sei an dieser Stelle überaus wörtlich genommen.

Es war eine eindrucksvolle dramatische Darbietung. Der Glaube selbst - Aue also - verfiel der Spielsucht, zerging in blinder Wut, als er gegen den Sänger Thomas Gropper verlor. Das schauspielerische Können Aues duellierte sich mit dem weltverfinsternden Bariton Groppers. Der Sittenverfall wurde dann stringent weiter zelebriert, unter dem Männerchor zu "In Taberna Quando sumus". Die Liebe selbst wurde hier zum liderlichen Mädchen, tat es schließlich mit dem Glauben. Liebevoll war an dem Akt nichts. Das Böse (Ingo Schweiger) und der Tod (Shaun Canty) waren als Spanner da und ließen sich auf den Tanz mit ein.

Die schauspielerische Kraft der Beteiligter trieb das Spiel dem Höhepunkt entgegen. Regisseur Hoosman und Produzent Neuhauser bürgten dafür. Kaum verwunderlich, betrachtet man die Vita der beiden: Hardy Hoosman lernte in München und New York, spielte schon am Broadway selbst und taucht immer wieder in Albert Neuhausers Produktionen auf. Der musikalische Leiter selbst ist einstiger Student der Philosophie, Pädagogik und der Kirchenmusik. Er scheint als Feingeist mit extravaganten Ideen prädestiniert für außergewöhnliche Projekte. Er scheute eine Open-Air-Aufführung der "Carmina Burana" nicht. Für die Umsetzung seiner Eingebungen gründete er 2010 extra einen Verein für Theater und Musik: Zeitkind.

Als gelungen erwies sich an diesem Abend nicht nur das Konzept selbst: Auch die Leistung des Garchinger Sinfonieorchesters - eine Zusammenkunft aus überaus talentierten Laien, die diesen Namen somit nicht unbedingt verdienen. Dass sie einst aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik hervorkamen, will so niemand ahnen. Hervorstechend war an diesem aber vor allem einer: Thomas Gropper, dessen Bariton die kühle Brise vergessen machte, die durch die Baumwipfel zog.

Die zweite von drei Aufführungen war so recht gut besucht am Samstagabend, als die anthrazitfarbenen Wolken das Mondlicht schluckten und nicht einmal mehr die mitgebrachte Decke gegen die Eiseskälte half, die die Beine unbarmherzig emporkroch. Es hätte kaum etwas besser zu dem Stück passen können als diese feindselige Umgebung. Noch ohne das Schauspiel und die überwältigende Musik der Chöre, Solisten und der Instrumentalisten hätte sich die richtige Stimmung eingestellt, bei diesem Stück, in dem sich das Rad des Schicksals unbarmherzig dreht: Solange bis der Tod dem Darsteller die Hand reichte, der Glaube - die Liebe und das Böse um sich versammelt - der Chor "O Fortuna" schrie, der Zuschauer es dachte und kein einziger Stern am Himmelszelt glitzerte, als der Zeiger der Uhr auf 23.25 Uhr rückte. Die Anwesenden fröstelte es.

Es sei gesagt: Die eisige Luft in dieser Sommernacht war für die Schauer, die einem über den Rücken jagten, nicht verantwortlich.