Deutsch für Flüchtlinge Wenn Bürger Sprachkurse geben

"Ohne Sprache geht es nicht im Leben": Christl Münzner vom Helferkreis Pullach.

(Foto: Lisa Böttinger)

Mit 75 Jahren unterrichtet Christl Münzner wieder. Die pensionierte Grundschullehrerin bringt zwei syrischen Flüchtlingen in Pullach Deutsch bei. Sie schließt eine Lücke, die eine Budgetkürzung der Bundesregierung gerissen hat.

Von Lisa Böttinger

Christl Münzner unterrichtet wieder. Mit 75 Jahren erklärt die pensionierte Lehrerin wieder die deutsche Grammatik - freiwillig. Nur, dass es sich bei ihren Schülern nicht um Kinder handelt, sondern um erwachsene Flüchtlinge. Die Syrer Jamal, 32, und Diaa, 31, der eine Arzt, der andere Ökonom mit Master-Abschluss, fangen im Isartal bei null an: Sie lernen Deutsch.

Münzner lebt seit 43 Jahren im Dachgeschoss eines Mietshauses in Pullach bei München, in dem sich Sprachführer bis unter die Decke türmen: Finnisch, Russisch, Französisch. "Ohne Sprache geht es nicht im Leben", sagt Münzner, deshalb hat sie sich als ehrenamtliche Deutschlehrerin für den Helferkreis ihrer Gemeinde gemeldet.

Warum heißt es der und nicht das Löffel?

Seitdem Diaa und Jamal im Januar ein kleines Apartment in dem Wohnhaus zugeteilt bekommen haben, lernen sie bei ihr. Jeden Abend treffen sich die beiden Flüchtlinge aus Damaskus für zwei Stunden mit der ehemaligen Grundschuldirektorin - zu arabischem Kaffee und deutscher Grammatik.

Acht Sprachen hat Münzner mal gelernt. "Hochdeutsch als erstes", sagt sie und lacht. Ihren Bürostuhl hat sie ins Apartment der beiden Syrer gestellt, zwischen zwei metallene Gitterbetten und den kleinen Esstisch. Dort nimmt sie Platz, wenn sie kommt, um Fragen zu beantworten, wie Münzner sagt. Warum der und nicht das Löffel, warum heißt es "ich bin gelaufen", aber "ich habe getanzt"? "Die Fragen prasseln nur so", sagt Münzner, "und bei manchen bin selbst ich überfordert."

Aus der Stadtbibliothek in München hat die Rentnerin Kurse auf CD-Rom besorgt, ein Freund stellt einen Laptop. Sie redet Deutsch mit Diaa und Jamal und nur dann Englisch, wenn es nicht anders geht. Die Syrer notieren eifrig deutsche Vokabeln in ihre Hefte: Zuhause, Fahrrad, Familie. Vor einem Jahr ist Diaa Vater geworden, Jamal hat schon zwei kleine Kinder, alle seien "safe" in Damaskus, sagen sie, und: "hoffentlich".

"Ab jetzt sprechen wir nur noch Deutsch!"

Vier Wochen lang haben Diaa und Jamal den Deutschkurs eines Münchner Sprachzentrums besucht, jeden Tag vier Stunden. "Mit vollem Erfolg bestanden", steht auf ihrer Teilnahmebestätigung. "In solchen Einsteigerkursen geht es aber eher darum, das lateinische Alphabet zu lernen", sagt Münzner. Nach Vorkenntnissen werde nicht unterschieden - vor allem, seitdem die Bundesregierung ihr Budget für Sprachkurse von 310 auf 180 Millionen Euro reduziert hat. Geld für sogenannte "Vorschaltkurse", in denen Flüchtlinge die ersten Worte lernen, gibt es keines mehr.

Die Lücke schließen Ehrenamtliche. Im Helferkreis Pullach betreuen noch zwei weitere Familien zugezogene Flüchtlinge; sie organisieren Fahrräder, Möbel, eine neue Brille. "Der Bedarf an Deutschunterricht ist aber größer", sagt Münzner. "Wir müssen die Leute abholen, wo sie stehen."

Ihr Angebot kommt an: "Eines Abends standen Diaa und Jamal vor meiner Tür und sagten: 'Ab jetzt sprechen wir nur noch Deutsch!'" Sie wissen, sagt sie, dass sie nur mit guten Sprachkenntnissen Arbeit in ihrer neuen Heimat finden.

Münzner selbst ritt vor Jahren auf einem Dromedar durch die syrische Oase Palmyra, sie stand vor dem Simeon-Kloster und dem ehemaligen Jupiter-Tempel, der heutigen Umayyaden-Moschee. Überall auf der Welt hat sie große Gastfreundschaft erfahren, sagt sie, "davon etwas zurückzugeben, ist selbstverständlich".

"Ahlan wa sahlan", ruft die Lehrerin, wenn sie ihre beiden Schüler abends trifft, herzlich Willkommen. Jamal antwortet auf Deutsch, ein kurzer Satz, den er sich für Christl Münzner zurechtgelegt hat: "Du bist ein Glück."

Weitere Infos zum Helferkreis Pullach: www.helferkreis-fluechtlinge-pullach.de