Denksport "Papa ist schlechter als ich"

Leonardo Costa spielt Schach, seit er viereinhalb Jahre alt ist.

(Foto: Claus Schunk)

Der neunjährige Leonardo Costa aus Neubiberg ist ein großes Schachtalent. Im Mai will er den deutschen Meistertitel in seiner Altersklasse verteidigen und anschließend Europa- oder Weltmeister werden

Von Angela Boschert, Neubiberg

Schach ist höchst komplex, erfordert Geduld und vor allem Erfahrung. Dass man diese Erfahrung schon früh sammeln kann, beweist Leonardo Costa aus Neubiberg. Der Neunjährige ist amtierender deutscher Meister in der Altersklasse U 10, bereitet sich auf die Titelverteidigung vor und will Europa- oder Weltmeister werden.

Etwa zehn Stunden pro Woche sitzt der Grundschüler am Schachbrett. Dann spielt er Partien von Großmeistern nach, übt Eröffnungen und ihre Varianten. Als er spontan die Sizilianische Eröffnung vorführt, bewegen seine Hände die Figuren fast schneller, als er die Situationen trotz aller Präzision und Knappheit erklären kann. Leonardos Schachbrett ist oft mit dem Computer verbunden, damit er die aufgezeichneten Züge später auswerten kann. Lieber als mit dem Computer spielt Leonardo gegen seinen Vater Vincenzo. "Papa ist schlechter als ich, aber mit ihm zu spielen macht Spaß", sagt Leonardo mit erkennbarer Freude. Vincenzo Costa lächelt und nickt. Er teilt die Leidenschaft seines Sohnes.

Seit Leonardo viereinhalb Jahre alt ist, fasziniert ihn das Spiel. Damals sah er seinem Vater und seiner Schwester Martina beim Schachspielen zu. "Es interessierte mich", erinnert sich der aufgeweckte Junge. "Heute macht mir Spaß, dass man immer besser wird, wenn man viele Eröffnungen gut kennt und dass man beim Schachspielen nachdenken muss."

Um besser zu werden, trainiert er seit knapp zwei Jahren über Skype bei Nadja Jussupow, einer Frauen-Meisterin des Weltschachverbands Fide (Fédération Internationale des Échecs). Jussupow ist sicher: "Leonardo hat gute Chancen, sich bei der deutschen Meisterschaft im Mai zu qualifizieren." Gleichzeitig warnt sie vor übertriebenen Erwartungen: "Er ist ein Kind. Da kann alles passieren." Ob Leonardo als Einzelstarter dann zur Europa- oder zur Weltmeisterschaft in seiner Altersklasse fährt, hängt von seiner Platzierung ab. Und davon, für was sich seine Gegner entscheiden. Wird Leonardo beispielsweise in Deutschland Zweiter, könnte es laut Jussupow passieren, dass er bei der World Cadet Chess Championship im spanischen Santiago de Compostela antritt, weil der Erstplatzierte den Start bei der Europameisterschaft wählt.

Auch dann wird ihn Vater Vincenzo begleiten. Nicht selten sind beide am Wochenende für ihr gemeinsames Hobby unterwegs. Mal mit dem Schachklub München Südost, für den Leonardo bei den Erwachsenen in Mannschaftsturnieren oder in der Oberliga spielt. Oder wenn Leonardo an Lehrgängen des Bundeskaders teilnimmt, in den er dieses Jahr aufgenommen wurde; als aktuell jüngstes Mitglied. Für die Mannschafts-Europameisterschaft der U 12 im Juli ist er als Vertreter Deutschlands bereits nominiert.

Der Neunjährige ist bereit, freut sich aufs Training in der Fußballjugend des TSV Neubiberg und will "Schachprofi oder Fußballer" werden. Und schon baut er die Schachfiguren wieder auf, hält sich die Augen zu und sagt: "Komm, Papa, wir spielen Blindschach". Das geht flott, bis sein Vater aus Versehen einen unmöglichen Zug ansagt. Prompt kommt von Leonardo: "Papa, die kurze Rochade geht nicht, dein Läufer steht noch auf f1". Tatsächlich. Leonardo hat das ganze Spiel vor seinem inneren Auge. Eine Konzentrationsleistung, die ihn befähigt, auch über vier Stunden währende Schachpartien erfolgreich zu bestehen. Zurück ans Brett - bis zum Matt!