Kosten für zweite Stammstrecke in München Beschönigen lohnt sich

Es brummt, statt dass es zischt: Viele Fahrgäste wundern sich derzeit über die ungewöhnlichen Geräusche der S-Bahnen unter der Innenstadt.

(Foto: Carmen Wolf)

Die zweite S-Bahn-Stammstrecke in München wird am Ende wohl auch mehr als die nun bekannt gewordenen 2,4 Milliarden Euro kosten. Politiker geben sich gerne überrascht, wenn man ihnen neue hohe Zahlen präsentiert. Doch ist der Tunnel erst einmal angebohrt, gibt es kein Zurück mehr.

Ein Kommentar von Sebastian Beck

Immer wenn die Bahn baut, besteht Grund zu größter Sorge. Nur zwei Beispiele: Die ICE-Strecke von München nach Nürnberg kostete 3,6 Milliarden Euro statt der ursprünglich kalkulierten 3,9 Milliarden Mark. Stuttgart 21 - laut Bahn ihr am besten geplantes Projekt - verteuert sich um 2,3 Milliarden Euro auf mindestens 6,8 Milliarden Euro.

Und auch in München beginnt nun das alte Spiel: Schrittweise werden die Baukosten für die zweite Stammstrecke nach oben korrigiert. Statt zwei Milliarden sind es bereits jetzt 2,4 Milliarden Euro. Dabei wurden noch nicht einmal alle Planfeststellungsverfahren abgeschlossen, und was sich die Ingenieure für den Hauptbahnhof ausgedacht haben, reicht offenbar kaum über das Entwurfsstadium hinaus. Es wird deshalb nicht bei 2,4 Milliarden Euro bleiben.

Politiker wie Bayerns Verkehrsminister Martin Zeil tun immer noch so, als seien sie überrascht, wenn die Bahn neue Kalkulationen präsentiert. Das Unterschätzen von Baukosten folgt aber einem altbewährten System. Zu diesem Ergebnis ist Ben Flyvbjerg, Professor für Planung an der Uni Oxford, gekommen: Er hat in einer Studie 258 internationale Verkehrsprojekte untersucht und herausgefunden, dass Bahnprojekte im Schnitt 45 Prozent teuerer werden. Denn es lohnt sich einfach, die Kosten anfangs zu beschönigen. Wenn ein Tunnel erst einmal angebohrt wurde, gibt es ohnehin kein Zurück mehr.

Auf München übertragen heißt das: Die zweite Stammstrecke könnte am Ende auf 3,5 Milliarden Euro kommen, wenn man die ursprüngliche Kalkulation samt "Risikopuffer" zusammenzählt und Flyvbjergs 45 Prozent draufschlägt. Ja, es gibt durchaus gute Gründe für die neue Stammstrecke. Aber in einer Demokratie sollten öffentliche Bauherren auch zur Ehrlichkeit verpflichtet sein. Denn es ist nicht ihr Geld, das ausgegeben wird, sondern das der Steuerzahler.