Kneipen-Bildband Die letzten Münchner Boazn

(Foto: Volk Verlag)

Luxus statt jahrzehntealter Mief: Aus vielen ehemaligen Boazn sind schicke Bars geworden. Der Fotograf Maximilian Bildhauer hat nach den original Münchner Bier-Stüberln gesucht - und tatsächlich noch welche entdeckt.

Von Andreas Schubert

An der dunklen, holzvertäfelten Wand hängt ein Pin-up-Bildchen, der Frisur der Dame nach aus den frühen Achtzigerjahren, daneben ein Zinnteller, ein Sechzger-Wimpel und ein paar andere Erinnerungsstücke. Die Gardine sieht so aus, als wäre sie seit den Siebzigerjahren nicht mehr gewaschen worden. Die Anwesenden: Stammgäste natürlich, die seit Jahren hierher kommen, um sich von Irmi, der Wirtin des Bierschuppens in der Reifenstuelstraße, die eine oder andere Halbe einschenken zu lassen.

Der Bierschuppen liegt im Dreimühlenviertel, einer Gegend, die noch bis in die Neunzigerjahre hinein als Glasscherbenviertel galt und heute eine begehrte Wohnlage ist. Und gerade die Reifenstuelstraße, so berichten es Alteingesessene häufig, besaß einen zweifelhaften Ruf. Der Bierschuppen erinnert an die Zeit, als die Gegend vor allem von Metzgern aus dem nahegelegenen Schlachthof und Arbeitern besiedelt war.

Lob der verstaubten Topfpflanze

Gibt es in München noch urige Trinkstüberl? Nach dem Abgesang auf die Giesinger Boazn hat Maximilian Bildhauer einen zweiten Band über die Stüberl und Stadl in Sendling herausgebracht. In seinem neuem Buch "Munich Boazn" beschreibt er die Besuche in 37 teils skurrilen Kneipen. Von Sabine Buchwald mehr ...

Das Lokal bildet den Abschluss in Maximilian Bildhauers inzwischen drittem Band von "Munich Boazn", der sich diesmal mit der Isarvorstadt und der Altstadt beschäftigt. Und gerade Lokale wie dieses, so schreibt der Autor, seien dafür verantwortlich, "dass ich mein Herz an diese kleinen, schnuckligen, urigen Bierkneipen verloren habe".

Eine Liebeserklärung an die Kneipen

In Band 3 liefert Bildhauer abermals eine Liebeserklärung an jene Nachbarschaftskneipen, die zunehmend vom Aussterben bedroht sind. Denn je näher ein Viertel am Zentrum, desto hipper - und damit auch teurer - werden all die neuen Kneipen.

Und wenn ein alteingesessenes Lokal schließen muss, weil die Betreiber die Miete nicht mehr bezahlen können, kommt an dieselbe Stelle eben ein schickes Lokal oder schlimmer: Eine Bürogemeinschaft mit hippen jungen Menschen, die irgendwas mit Medien machen. Viele Anwohner aber verlieren ihr zweites Wohnzimmer. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum solche Kneipen schließen. Es gibt oft einfach nicht mehr genug Publikum im Zentrum für Lokale, in denen es eigenartig riecht, die ramschig dekoriert sind und wo man im besten Fall nach drei Halben bereit wäre, auch etwas zu essen.

Münchner Boazn - Liebeserklärung an die Bierstüberl

Maximilian Bildhauer hat sich in der Münchner Altstadt und der Isarvorstadt auf die Suche nach original Münchner Kneipen gemacht.

Insofern ist es erstaunlich, dass sich gerade im teuren Zentrum immer noch einige Boazn wie der Markt Stad'l (der sich tatsächlich selbst mit Apostroph schreibt) in der Westenriederstraße oder die schummrige Bar Jeans in der Blumenstraße gehalten haben. Das mit opulentem Trash ausgestattete Heiliggeiststüberl in der Heiliggeistgasse wird allerdings im kommenden Frühjahr schließen - nach 39 Jahren.

Einige Boazn sind jetzt Hipster-Treffpunkt

Freilich sind all dies Kneipen, denen nicht wirklich viele hinterherweinen dürften. Aber vor einiger Zeit haben so manche Nostalgiker ihr Klagelied über das Boazn-Sterben angestimmt. Manche ehemaligen Kaschemmen wurden sogar von anderen Wirten übernommen und neu interpretiert, zum Beispiel die einst berüchtigte Gruam in der Thalkirchner Straße, das Valentinstüberl in der Dreimühlenstraße oder das Enrico Palazzo in der Kapuzinerstraße (ehemals Weißbierstadl). Hier legen DJs auf, trifft sich junges Publikum, gerne Hipsterbärte und -brillen tragend.

Gott schütze das Maibaumstüberl!

Welches Lokal wird das nächste sein, das dichtmachen muss? Wenn der Giesinger heute durch sein Viertel schweift, wird er leicht sentimental. Nun legt Maximilian Bildhauer ein famoses Buch über die Giesinger Boazn vor. Mit Trauerbändern. Rudolf Neumaier mehr ...

Aber um diese Neuinterpretationen geht es Maximilian Bildhauer, Jahrgang 1987, überhaupt nicht. Er trauert den tatsächlich miefigen Lokalen hinterher. Ob er damit ebenso nur einem Trend folgt oder es tatsächlich ernst meint, spielt keine Rolle. Das Buch ist auf jeden Fall ein weiterer Einblick in die alten Zeiten der Münchner Kneipenkultur - ob man die Boazn nun gut findet, oder nicht.

Munich Boazn Band 3: Isarvorstadt und Altstadt. Volk Verlag, 110 Seiten, 11,90 Euro