bedeckt München 19°

Buch über Sendlinger Boazn:Lob der verstaubten Topfpflanze

Gibt es in München noch urige Trinkstüberl? Nach dem Abgesang auf die Giesinger Boazn hat Maximilian Bildhauer einen zweiten Band über die Stüberl und Stadl in Sendling herausgebracht. In seinem neuem Buch "Munich Boazn" beschreibt er die Besuche in 37 teils skurrilen Kneipen.

Von Sabine Buchwald

Als vor einem Jahr beim "Kloa Sendlinger Metzger" in der Valleystraße die letzte Leberkäs-Semmel über den Tresen ging und kurz danach die braunen Wandfließen in den Container flogen, da wurde manchem, der das sah, recht flau im Bauch. Nie wieder schnell ein Bier holen oder Gehacktes für den Überraschungsgast? Nie wieder übers Wetter schimpfen mit Zustimmung von zwei, drei Männern, die am Imbissbrett lehnend Brotzeit machen?

Einige Monate später stand an Stelle des in die Rentenjahre gekommenen Metzgermeisters ein ebenso netter, jüngerer, in München verwurzelter Libanese, der seitdem Falafel mit Pfefferminze verkauft und bunte Biolimo. Die Kunden von früher sieht man dort nicht mehr. Dafür junge Familien, Pärchen, die von Gott weiß woher mit dem Radl angefahren kommen. Von so viel Kundschaft konnte der alte Wurstmacher zuletzt nur träumen.

Dass noch mehr verschwinden wird von dem, was seit Jahrzehnten das ehemalige Arbeiterviertel Sendling prägt, ist so sicher wie der Rausch nach vier Maß Bier. Sendling und die Sendlinger verändern sich, langsam, aber beständig. Überhaupt wandelt sich München. Man kann dies "traurig und beklagenswert" finden, wie Maximilian Bildhauer im Vorwort seines zweiten Bandes "Munich Boazn", in dem es um Sendling geht.

Man sollte das auch. Denn es gibt nicht nur Falafel-Vegetarier, die mit vollem Bauch in ihre gemütliche Wohnung zurückfahren. Für viele andere Menschen sind Boazn Ersatzwohnzimmer mit Ersatzfamilienanschluss. Und wenn es die nicht mehr gibt, was dann?

Aber noch existieren sie. In Sendling bislang offensichtlich weniger gefährdet als rechts der Isar. Dem im vergangenen Sommer erschienenen ersten Band über die nicht selten unscheinbaren Lokalitäten der Trinkkultur im Stadtteil Giesing hatte Bildhauer Trauerflor beilegen lassen - zum Selbsteinkleben. Schon in der Zeit zwischen Recherche und Druck gingen in einigen Lokalitäten für immer die Lichter aus.

Dieses Trauerspiel hat der Autor in Sendling nicht erlebt. Alle 37 Kneipen, die er im vorliegenden Buch in wenigen Sätzen beschrieben und mit einer Art Schnappschuss doppelseitig bildlich verewigt hat, existieren noch. Aufgeteilt hat Bildhauer seinen Boazn-Atlas in vier Kapitel, die sich logisch ergeben aus der Einteilung des recht großen Stadtteils: Sendling, Untersendling, Mittersendling und Obersendling. Um die verstreut liegenden Stüberl, Stub'n, Stadl - ein oft verwendeter Namenszusatz dieser Lokale - besser zu finden, steckt ein großer, faltbarer Plan in jedem Buch, das im praktischen Format für die hintere Hosentasche gedruckt ist.

Bierpreis selten höher als drei Euro

Die von Bildhauer ausgewählten Kneipen gehören nicht zu jenen, in die Horden von Touristen bei einem Münchenbesuch einfallen würden. Die kämen sich in den meisten wie Eindringlinge vor, und das wären sie auch. Die Bierpreise (nach Angaben des Autors selten über drei Euro für eine Halbe) würden ihnen freilich schmecken.

Ausnahme: die "Gruam" unterhalb der Bahngleise bei der Großmarkthalle. Hier hat Partyvolk das ehemalige Publikum von Schlachthof und Markt vertrieben. Bildhauer stöhnt über laute Musik und Gedränge, lobt aber den Hausschnaps mit Chili. Zu eng, zu hell, zu sauber, das ist seine Sache nicht.

Wenn sich der Wirt, wie im "A 21" in der Aberlestraße um Modernisierung bemüht, dann legt er ihm das eher negativ aus. Hingegen schwärmt er von den angestaubten Topfpflanzen bei Johanna in der Lindenschmitstraße oder den Böhmischen Knödel im Bistro Schmidhofer in der Boschetsrieder Straße.

Es ist schon erstaunlich, dass sich ein 1987 geborener, akademisch gebildeter Mann (das Giesing-Buch war seine Bachelor-Arbeit) in solchen Kaschemmen heimisch fühlt. Seine Boazn-Führer dokumentieren, dass es nicht nur teure Bars in München gibt. Wünschen würde man sich eine Ausgehkultur wie im angelsächsischen Raum: Pubs, in denen alle Schichten, alle Generationen zusammenfinden.

Maximilian Bildhauer, "Munich Boazn" Band 2: Sendling, Volk Verlag, 114 Seiten, 11,90 Euro

© SZ vom 23.08.2013/mmo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite