Jobs am Flughafen München Probleme im Paradies

In Freising und Erding werden händeringend Arbeitskräfte gesucht - dass der Airport 11.000 weitere Jobs verspricht, sieht man hier mit einiger Sorge. Bezahlbare Wohnungen sind in der Gegend längst knapp geworden.

Von Kerstin Vogel

Benno Zierer muss immer noch den Kopf schütteln. Drei Männer aus Litauen seien dieser Tage bei ihm auf dem Hof erschienen, erzählt der dritte Bürgermeister der Stadt Freising - auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung, die sie sich teilen könnten. Einen Arbeitsplatz hätten sie schon vorweisen können: Ein-Jahres-Verträge für eine Beschäftigung am Münchner Flughafen. Klar würden dort Jobs geschaffen, schnaubt Zierer, nur Wohnungen könne sich von dem Gehalt keiner leisten.

30 000 Menschen arbeiten bereits am Flughafen. Mit der geplanten dritten Startbahn sollen es noch einmal 11 000 mehr werden, wie die Flughafenbetreiber bekräftigen. Durch die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen dem Airport und der Region entstehe zudem "mit jedem Arbeitsplatz am Flughafen ein weiterer im Umland". Die Kehrseite aber zeigt sich an den drei Männern aus Litauen: Bei weitem nicht alle diese Arbeitsplätze sind hoch dotiert. Auch Karin Weber, Chefin der Arbeitsagentur Freising und Erding, sieht die zunehmende Zahl von Billigjobs dort durchaus mit Sorge. Denn das Leben in der Region ist mit dem enormen Zuzug teuer geworden.

Allein in der Kreisstadt Freising leben heute 45 199 Menschen, 1990 waren es noch 40 010. Und mit der Bevölkerung explodierten die Mieten: 10 bis 12 Euro pro Quadratmeter sind in Freising keine Seltenheit, und der Wohnungsvergabebericht der Stadt für 2011 belegt, dass immer mehr Menschen Sozialwohnungen brauchen, darunter auch solche mit Jobs am Flughafen. Sozialamtsleiter Robert Zellner hat hier Löhne von sieben bis acht Euro recherchiert: "Das reicht kaum aus, um frei finanzierten Wohnraum zu mieten."

Bei einer Arbeitslosenquote von etwas mehr als zwei Prozent herrscht in den Kreisen Freising und Erding zudem Vollbeschäftigung. Am Flughafen selbst wird immer gesucht: Speditionskaufleute, Lagerarbeiter, Köche, Flugzeugabfertiger oder Sicherheitspersonal. Außerhalb des Flughafenareals fehlen laut Arbeitsagentur vor allem Kraftfahrer, Mitarbeiter im Hotel- und Gaststättengewerbe und im Pflegebereich sowie Facharbeiter im Handwerk. Der Fachkräftemangel beschäftige die Region seit bald einem Jahrzehnt, sagt Weber, und Kreishandwerksmeister Martin Reiter hat große Sorgen, weil immer weniger junge Menschen Maurer, Zimmerer oder Bauelektriker werden wollen. Die Arbeitsvermittler jedenfalls können die Nachfrage nach Arbeitskräften schon jetzt nicht mehr decken - nicht mit Menschen, die auch in der Region leben.

Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher aber formuliert deutlich, warum es keine Lösung sein könne, noch weitere Arbeitskräfte in die Region zu locken: "10 000 Arbeitsplätze bedeuten 25 000 Menschen, und das würde uns infrastrukturell absolut überfordern." Denn all die neuen Arbeitsplätze sind für die Kommunen im Flughafen-Umland vor allem eines: teuer. Sie kommen mit der Finanzierung der Infrastruktur für all die neuen Bürger nicht nach: Straßen, Kindergärten und Schulen, Freizeiteinrichtungen, Supermärkte, ein kulturelles Angebot. Kein Wunder also, dass der Landkreis Freising einen Schuldenberg von 70 Millionen Euro vor sich herschiebt, bei der Stadt Freising werden es Ende 2012 alles in allem 112 Millionen sein.

Braucht die Region also noch weitere Arbeitsplätze, gerät der "Jobmotor" Flughafen ohne Expansion womöglich ins Stottern? Karin Weber sieht das eher nicht so, zumal die Zahl der Jobs am Flughafen auch ohne Ausbau auf 32 000 steigen würde. Gerne zitiert Weber, dass ihre Agentur schon seit 1990 im Jahresdurchschnitt die günstigste Arbeitslosenquote bundesweit hat - und seit 1987 in Bayern. Für den Erfolg gibt es neben dem Flughafen andere Gründe, die sie sehr hoch bewertet. Den gesunden Branchenmix etwa, der in dieser Region schon immer herrsche; die zehn größten Arbeitgeber gehören zehn verschiedenen Wirtschaftszweigen an. Noch arbeiten hier mit knapp 19 000 genauso viele Menschen in Kleinbetrieben von bis zu neun Mitarbeitern wie in den Großfirmen mit mehr als 1000 Beschäftigten. Unsichere Jahresverträge mit Litauern werden in den bodenständigen kleineren Betrieben eher nicht geschlossen.