75 Jahre Hitler-Attentat Viele Königsbronner sind stolz auf das Vermächtnis

Wegen Nebels hatte der Diktator die Parteiveranstaltung früher verlassen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

2010 hat der Sontheimer Künstler Friedrich Frankowitsch die überlebensgroße Metallskulptur geschaffen. Überlebensgroß: Empfinden die Königsbronner ihren einstigen Mitbürger Georg Elser so? Die Schule haben sie 2003 nach ihm benannt, 1998 eine Erinnerungs- und Forschungsstätte eingerichtet, gegen Drohungen aus der rechten Szene. Ja, sagt Hauptamtsleiter Joachim Ziller beim Gespräch im Rathaus, mittlerweile seien viele Menschen in der Gemeinde stolz auf den berühmten ehemaligen Mitbürger, den Mann, der Hitler töten wollte, um millionenfaches Töten zu verhindern.

Das war nicht immer so. Im barocken Gebäude des Rathauses, dort, wo mit der Amtsübernahme eines jungen Bürgermeisters im Jahr 1990 ein neuer Geist im Umgang mit Georg Elser einzog - dort hatte sich in den Wochen nach dem gescheiterten Attentat der ganze Ungeist des Nazi-Regimes breitgemacht. Im Rathaus verhörte die Gestapo viele der damals 1400 Einwohner. Ziller weiß von Fällen, in denen Königsbronner zur Strafe an die Front versetzt wurden. Familienmitglieder Elsers wurden inhaftiert.

Der Ort wurde als "Attentatshausen" verhöhnt. Mit diesem Elser, der ihnen all das eingebrockt hatte, wollten die Königsbronner nichts zu tun haben. Zumal ja völlig unklar war, was das überhaupt für ein Kerl war. Wenn doch sogar ein Nazi-Gegner wie der Pastor Martin Niemöller bis zuletzt behauptete, Elser sei ein Agent Provocateur des Regimes gewesen, ein Mitglied der SS.

Elser war ein Einzeltäter und handelte aus Gewissensgründen

Unfug, sagt dazu Dirk Riedel, Historiker an der KZ-Gedenkstätte Dachau. Niemöller hatte - obwohl im Frühjahr 1945 ebenso wie Elser als Sonderhäftling im Bunkerbau des Konzentrationslagers Dachau eingesperrt - gar keinen Kontakt zum Hitler-Attentäter. Und dass Elser ein Einzeltäter war, der aus Gewissensgründen handelte, ist seit den späten Sechzigerjahren unstrittig, als das Gestapo-Protokoll der Vernehmung entdeckt und wissenschaftlich ediert wurde.

Georg Elser, 1903 in Hermaringen geboren, versuchte am 8. November 1939 Adolf Hitler in die Luft zu sprengen. Die Bombe verfehlte ihn um 13 Minuten.

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Was also hat die Königsbronner, die Münchner, die bundesrepublikanische Öffentlichkeit (und übrigens auch die Führung der DDR) davon abgehalten, Elser als mutigen Widerstandskämpfer zu würdigen? Einen Mann aus einfachen Verhältnissen, der keiner politischen Gruppe verpflichtet ist, der nur seinem Gewissen gehorcht und handelt: eigentlich die perfekte Identifikationsfigur. "Das ist vielleicht das Problem", sagt Riedel. "Elser hält der deutschen Gesellschaft den Spiegel vor."

So sieht es auch die Münchner Schriftstellerin Hella Schlumberger. Elser war der Beweis: Wer sehen wollte, konnte sehen - und seine Schlüsse ziehen. "Ich war bereits voriges Jahr um diese Zeit der Überzeugung", sagte Elser bei der Vernehmung am 19. November 1939, "daß es bei dem Münchner Abkommen nicht bleibt, daß Deutschland anderen Ländern gegenüber noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und daß deshalb ein Krieg unvermeidlich ist." Elser handelte, plante sein Attentat ein Jahr lang, heuerte bei einem Steinbruch an, um sich Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff anzueignen, zog dann in die Türkenstraße, um das Attentat vorzubereiten, ließ sich nächtelang unbemerkt im Bürgerbräukeller einsperren.

Bombenleger als Identifikationsfigur nicht erwünscht

"Verschweigen, vergessen, verdrängen": Was Joachim Ziller über die Königsbronner der Nachkriegszeit sagt, galt für Deutschland als Ganzes. In den Siebzigerjahren schließlich, als die Dokumente auf dem Tisch lagen und Elsers späte Rehabilitierung hätte beginnen können, ließ der Terror der RAF einen Bombenleger als Identifikationsfigur nicht opportun erscheinen.

Und heute? In Königsbronn freuen sich engagierte Menschen wie Hauptamtsleiter Ziller darüber, dass die Erstarrung früherer Jahre verschwunden ist, dass jährlich bis zu 3000 Besucher in die Gedenkstätte kommen, dass es vor allem die Schulen - Rektoren, Lehrer, Schüler - sind, die sich für Elser interessieren. Auch in der KZ-Gedenkstätte Dachau spielt Elser, wie Dirk Riedel bemerkt hat, bei Schulklassen eine größere Rolle, vielleicht gerade, weil dieser "kein Held sein wollte". Am 9. April 1945, zwanzig Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers, wurde Elser aus seiner Zelle geholt und in der Nähe des Krematoriums erschossen. Sein Leichnam wurde verbrannt. Ein Grab gibt es nicht.

Nur wenige Passanten bleiben stehen, als um 21.20 Uhr die Kunst-Explosion den Georg-Elser-Platz in rotes Licht taucht. "Das wird jeden Tag um diese Zeit so geschaltet", erklärt ein junger Mann seinem Freund. "Ach so", sagt der. Es ist kalt auf dem nächtlichen Platz, um 21.21 Uhr gehen sie in die benachbarte Kneipe zurück. Dort kostet das "Georg-Elser-Frühstück" 11,90 Euro. Die Kneipe heißt Zeitgeist.