Immobilien Versorgungskammer will Milliarden in Wohnungen investieren - aber kann nicht

Wie hier am Hirschgarten sind in München zuletzt viele Neubauviertel entstanden - als Mischung aus sozialem und gehobenerem Wohnungsbau.

(Foto: Lukas Barth)

Der Freistaat gibt die nötigen Flächen für Neubauten nicht her.

Von Katja Riedel

Daniel Just nennt sich selbst einen "ungeduldigen Manager". Dem Chef der Bayerischen Versorgungskammer geht alles nicht schnell genug. Denn wenn es nach ihm ginge, würden gleich morgen die Bagger anrollen, um Baugruben auszuheben, aus denen viele neue Münchner Wohnhäuser gen Himmel wachsen: Tausende Wohnungen, bezahlbar auch für Krankenschwestern oder Polizisten. Für diejenigen also, die sich in München kaum mehr Wohnraum leisten können. Doch er fürchtet, dass all dies ein Wunschtraum bleiben könnte - auch wenn München genau diese Wohnungen braucht und dies das größte Problem der Stadtpolitik ist. Doch Just hat ein Problem: Ihm fehlt der Baugrund, auf dem er solche Wohnungen bauen kann.

Just hat sich deshalb im November mit Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und mit Vertretern des bayerischen Finanzministeriums getroffen. Weil die Stadt einige, der Freistaat viele Grundstücke hat, die infrage kämen. Die will die Versorgungskammer zu einem "vernünftigen Marktpreis" kaufen. Während sich die Münchner Stadtspitze offen zeigt für Justs Initiative, hat er vom Freistaat nun eine Absage kassiert: Jedes staatliche Grundstück, das für den Wohnbau geeignet sei, werde gegenwärtig benötigt, um Asylbewerber unterzubringen oder um Wohnraum für Staatsbedienstete zu schaffen, heißt es aus dem Finanzministerium auf SZ-Anfrage. Der Freistaat könne derzeit keinerlei Grundstücke für den Mietwohnungsbau verkaufen, sondern wolle selbst geeignete Flächen zukaufen. Von dort hat Just also kein günstiges Bauland zu erwarten.

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Weil Grundstücke so knapp sind, ende jede Ausschreibung auf dem freien Markt in einer Preisspirale, sagt Just - am Ende stünden dort Wohnungen, die für Normalverdiener unbezahlbar seien. Und für die Versorgungskammer Bayern sind sie uninteressant. Just will günstigen Wohnraum, der passe zu seinem Wohnungsbestand. 6500 Wohnungen hat die Bayerische Versorgungskammer schon jetzt in München. Die Durchschnittsmiete liegt noch immer unter der Zehn-Euro-Grenze. Wichtig sindsolche Wohnungen auch, weil sie den Mietspiegel dämpfen. 7,5 Milliarden Euro hat die Versorgungskammer pro Jahr zu investieren, und zwar sicher und langfristig.

Bei dem Geld handelt es sich um die Altersvorsorge von bayerischen Ärzten, Apothekern, Ingenieuren, von Rechtsanwälten, Psychotherapeuten, Orchestermusikern und auch von Landtagsabgeordneten oder Kaminkehrern - von zwei Millionen Mitgliedern. "Wir bauen jetzt Wohnungen in Chile und in Tokio, wir investieren sogar in Einzelhandel in New York", sagt der Vorstandsvorsitzende Just und fügt das Wörtchen "notgedrungen" hinzu. "Dabei würde ich wahnsinnig gern Mietwohnungen in München bauen", sagt er. "Bei dem Treffen im November habe ich sehr engagierte Worte von Stadt und Land gehört", sagt er. "Und hier steht ein Investor, der das in Worte und Taten umsetzen möchte".

OB Dieter Reiter zeigt sich aufgeschlossen. "Wenn Herr Just findet, das gehe alles nicht schnell genug, dann sind wir völlig einer Meinung". Die Stadt lasse keine Zeit verstreichen, "wir arbeiten mit Hochdruck daran, solche Modelle möglich zu machen", sagt der OB. Doch in Chile oder Japan sei es rechtlich für Investoren wie die Kammer eben etwas einfacher, Großprojekte schnell voranzubringen.

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Freistaat und Stadt müssten klären, unter welchen Bedingungen sie einem bestimmten privaten Unternehmen überhaupt Bauland überlassen dürfen. Es geht dabei um komplizierte Förderbestimmungen und Vergabevorschriften, es geht aber auch um bestehende Baustandards, die man absenken müsste, sagt Reiter. Schall- und Wärmeschutz, Vorschriften zu Stellplätzen und zur Barrierefreiheit gehören dazu. Die Versorgungskammer will für weniger als 2000 Euro pro Quadratmeter bauen, gern in Modulbauweise - das geht nur, wenn sie bei solchen Auflagen sparen kann.

"In unserem Handlungsprogramm haben wir kürzlich schon formuliert, dass künftig neben den städtischen Wohnungsbaugesellschaften auch private Unternehmen in den Miet- und Sozialwohnungsbau einsteigen sollen", sagt Reiter. "Das ist völlig neu. Die Versorgungskammer wäre dafür ein idealer Partner - der aber zur Kenntnis nehmen muss, dass es ein bisschen dauert", sagt Reiter. Zur Kenntnis nehmen muss Just auch, dass ihm Reiters Sympathien zwar helfen - dass die Stadt selbst jedoch nur wenige Flächen zu bieten hat.

Just hofft, dass es bald vorangeht. Zumal solche Projekte ohnehin dauern, etwa in Fürstenried, wo die Kammer auf einem eigenen Grundstück enger bauen will. Sollte der Stadtrat den Plänen zustimmen, folgt ein Architektenwettbewerb samt Bürgerbeteiligung. Baubeginn: 2019 oder 2020. "Es mangelt nicht an Ideen, nicht an Bedarf, nicht an Geld", sagt Just. "Wir stehen Gewehr bei Fuß."

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