Humor:Bloßstellen

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Der Münchner Karikaturist Agostino Natale hat eine Zeichnung für das Buch "Lachen gegen den Fremdenhass" beigesteuert. Es geht auch gegen Politiker, die überfordert sind

Von Gerhard Fischer

MünchenEine Karikatur heißt "Wie Europa die Flüchtlinge untereinander aufteilen will". Die Zeichnung zeigt die blaue Europa-Flagge mit ihren zwölf goldenen Sternen. Aus jedem Stern ragt ein Finger hervor - und zeigt auf den Nachbarstern.

An diesem Montag kommt ein Buch mit 43 Karikaturen heraus, es heißt "Lachen gegen den Fremdenhass". Es geht um die vielen Flüchtlinge, die zur Zeit nach Europa kommen, und um die Politiker, die überfordert sind; und es geht gegen rechte Kleingeister, die von manchen Karikaturisten schnörkellos als "Pack" bezeichnet werden. "Nichts stellt den Menschen so bloß wie Humor", heißt es im Vorwort; er ärgere die "besorgten Bürger" häufig mehr als jedes noch so gute Argument. "Der Lächerlichkeit preisgegeben, wirken sie oft nicht mehr halb so bedrohlich."

Der Münchner Agostino Natale hat eine Zeichnung zu diesem Buch beigesteuert. Um sie zu verstehen, muss man wissen, was Tinder ist. Tinder ist eine Dating-App, man bekommt Profile auf sein Smartphone geschickt und kann die Menschen kontaktieren oder einfach beiseite wischen. Natale hat Horst Seehofer gezeichnet, Seehofer wischt auf seinem Telefon herum und sagt: "Hava, zwei Kinder, Kosovo: Nein! Mohammed, Senegal: Nein! Deriya, Kurdin: Nein! Nein. Nein. Nein!!!!!" Für Natale ist das "die neue App: Asyl-Tinder! Und mit einem Wisch sind alle weg."

Agostino Natale kommt ins Café Puck in Schwabing und guckt sich um. Er sieht seinen Gesprächspartner, grüßt freundlich und drückt fest die Hand. Er setzt sich, antwortet ernsthaft, erzählt ruhig, lässt Überflüssiges weg, ist zurückhaltend und höflich, stellt selbst Fragen, hört zu. Er ist ein selten angenehmer Mensch.

Es ist das zweite Mal, dass er bei einem Projekt des Riva-Verlags mitmacht; bereits im Januar wurden zwei Natale-Zeichnungen in dem Buch "Je suis Charlie" ("Ich bin Charlie") veröffentlicht. Damals hatten Islamisten in Paris Zeichner der Zeitschrift Charlie Hebdo getötet. Es war ein Buch für die Meinungsfreiheit. Und ein Zeichen der Solidarität.

Agostino Natale, 47, ist Bauingenieur von Beruf. Er zeichnet in seiner Freizeit, schon sehr lange. Früher hat er Porträts von Verwandten oder Landschafts-Bilder angefertigt. Irgendwann lief sich das tot. Ein neuer Reiz musste her. Da dachte er sich: Ich bin ein politischer Mensch - wieso mache ich keine politischen Karikaturen? Er versuchte es, erst daheim und in aller Stille - und vor fünf Jahren begann er, die Karikaturen auf die Internetplattformen Kleinert und Toonpool zu stellen. "Im Prinzip zeichnen unsere Künstler das, was sie gerade für besonders interessant halten, laden diese Cartoons dann bei uns hoch und bieten sie direkt an", sagt Frank Tölle, Sales Manager bei Toonpool. Tageszeitungen und Verlage entscheiden dann, ob sie zugreifen. Manchmal werden Agostino Natales Karikaturen genommen, etwa von der Sächsischen Zeitung, vom Hamburger Abendblatt oder von den Nürnberger Nachrichten. Oder vom Riva-Verlag.

Das Buch "Lachen gegen Fremdenhass" entstand in einem Gespräch des Toonpool-Leiters Bernd Pohlenz mit Oli Kuhn, dem Geschäftsführer der Münchner Verlagsgruppe; der Riva-Verlag gehört zu dieser Verlagsgruppe. Unter den Karikaturisten, die ihre Bilder zur Verfügung gestellt haben, sind auch bekanntere Namen wie Harm Bengen oder Erl, die regelmäßig in deutschen Zeitungen abgedruckt werden.

Natales Seehofer-Karikatur ist eine der besten in diesem Buch. Die Idee dazu entstand, als er einen Bericht über Tinder gelesen hatte. Tinder und Flüchtlinge - das passt eigentlich nicht zusammen. Aber gerade das ist es. "Karikaturen funktionieren unter anderem, wenn man zwei fremde Welten zusammenführt", erklärt er.

Zur Flüchtlingspolitik sagt Natale das, was jeder vernünftige Mensch sagt: Dass Europa an einem Strang ziehen müsste; und dass es viel weniger dramatisch wäre, wenn man die Migranten über Europa verteilen würde. "Aber wenn es um Pflichten geht, berufen sich einige EU-Länder auf ihre nationale Souveränität." Prinzipiell finde er es gut, wie die Wir-schaffen-das-Kanzlerin reagiert habe, und auch, dass sie nun zu ihrer Entscheidung stehe.

Natale zeichnet hauptsächlich am Wochenende, aber da sehr viel. 70 bis 80 Karikaturen fertigt er pro Jahr an. Beim deutschen Cartoonpreis des Carlsen-Verlags und der Frankfurter Buchmesse landete er 2014 unter den besten Zehn. Das Thema war "Verboten". Natale zeichnete das Eingangstor des Alten Friedhofs in Schwabing und schrieb dazu auf ein Verbotsschild: "Anlieger frei". Was den Humor angeht, nennt er als Vorbild René Goscinny, den Asterix-Texter. Als Zeichner gefallen ihm "der feine Strich" von Kal, der für den Economist arbeitet, aber auch der Stil von Reiner Schwalme und Thomas Plassmann.

Für ihn ist das Zeichnen jetzt ein bisschen mehr als bloß Hobby; er ist sozusagen freiberuflich. "Aber ich bin noch in der Entwicklung", sagt er, "und ich schaue, wo es mich hinführen wird". Das kann man, so ähnlich, über die Flüchtlingspolitik in Europa auch sagen.

"Lachen gegen Fremdenhass". Riva-Verlag. München 2015. Gebundene Fassung: 4,99 Euro. Kindle Edition: 3,99 Euro.

© SZ vom 10.10.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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