Homophobie "Pöbeleien sind wieder an der Tagesordnung"

Lesben werden im Restaurant nicht bedient, der Chef macht abfällige Bemerkungen über einen schwulen Kollegen: Seit zehn Jahren kämpft in München die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen gegen Homophobie. Leiter Andreas Unterforsthuber sagt, die Ausgrenzung Homosexueller ist subtiler geworden - und deswegen noch besorgniserregender.

Interview: Lisa Sonnabend

Lesbische oder schwule Münchner, die sich diskriminiert fühlen, können sich an die Koordinierungsstelle der Stadt wenden. Diese feiert an diesem Montag zehnjähriges Bestehen mit einem Festakt mit Oberbürgermeister Christian Ude im Rathaus. Überflüssig ist sie leider noch längst nicht geworden. Der 49-jährige Andreas Unterforsthuber, Sozialpädagoge und Leiter der Koordinierungsstelle, sagt, die Ausgrenzung Homosexueller ist subtiler geworden - und deswegen noch gefährlicher.

Süddeutsche.de: Vor zehn Jahren wurde in München die Koordinierungsstelle gegründet. Wie waren damals die Reaktionen?

Andreas Unterforsthuber: Im Stadtrat wurde ein Antrag eingereicht - und der wurde zügig und klar beschlossen. Allerdings haben nicht alle Hurra geschrien. Teile der Bevölkerung und der Verwaltung haben gefragt: "Warum gibt die Stadt für so etwas Geld aus? Das braucht es doch gar nicht."

Was machen Sie genau?

Wir bündeln und koordinieren die Maßnahmen der Stadt für die Gleichstellung von Lesben, Schwulen und Transgendern. Dazu beraten wir den Oberbürgermeister, den Stadtrat und die Referate. Als die Standesämter 2009 zum Beispiel auch die Zuständigkeit für Lebenspartnerschaften übernommen haben, haben wir alle Standesbeamten geschult. Da ging es um Fragen wie: Kann ich sagen, "ich erkläre Sie hiermit zu Mann und Mann oder Frau und Frau". Außerdem betreiben wir Aufklärungsarbeit, bringen Broschüren heraus oder führen Antidiskriminierungskampagnen durch.

Und Münchner können sich an Sie wenden, wenn sie sich wegen ihrer Sexualität diskriminiert fühlen?

Genau, wir beraten bei Themen wie Ausgrenzung oder Coming-out am Arbeitsplatz. Wir sind zuständig für Beschäftigte der Stadt, aber auch diejenigen Münchner und Münchnerinnen, die nicht bei der Stadtverwaltung arbeiten, erhalten ein Gespräch bei uns. Und sofern es eine städtische Zuständigkeit gibt, kümmern wir uns, wenn Bürger das Gefühl haben, sie werden ungerecht behandelt, weil sie schwul oder lesbisch sind. Wenn ein erkennbar lesbisches Paar zum Beispiel in eine Kneipe geht und zum Gehen aufgefordert wird.

So etwas passiert immer noch?

Immer wieder leider. Wenn bei uns eine Beschwerde eingeht, binden wir das zuständige Referat mit ein. Wenn ein schwules Paar sich in ein Hotel einmieten will und das wird verweigert, weil man keine zwei Männer in ein Zimmer lässt, dann ist das eine eindeutige Diskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz AGG. Wir nutzen dann unsere städtischen Einflussmöglichkeiten.

Hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel zum Positiven verändert?

Jede städtische Führungskraft und jeder Mitarbeiter weiß inzwischen: Wenn sie offen ausgrenzt, dann bekommt sie Probleme. Doch die Diskriminierung am Arbeitsplatz ist subtiler geworden. Und das Subtile ist fast schwieriger, weil es schwerer zu greifen ist und man oft keinen Beweis hat.

Wie sieht diese subtile Diskriminierung aus?

Ein Betroffener kann oft nicht mehr sagen: "Der hat gesagt, ich bin eine Schwuchtel." Sondern es passiert zum Beispiel, dass sich zwei Kollegen unterhalten und abfällige Bemerkungen über Homosexuelle machen, ohne den Kollegen unmittelbar anzusprechen. Dann steht die Frage im Raum: "War da wirklich was? Oder lag es an mir selber, habe ich mich womöglich falsch verhalten?" Das führt oft zu einer großen Verunsicherung. Im Gespräch mit uns ist es für die Betroffenen wichtig, für sich selber Klarheit zu bekommen, es zu verarbeiten. Es geht oft gar nicht darum, dass Sanktionen erfolgen. Aber wenn es nicht anders geht, kann auch das passieren.