Internationales Restaurant "Glockenbach" Auf der Yacht gen Untergang

Mag sein, dass dieses Restaurant ein weiterer Sargnagel für das In-Viertel ist - aber zumindest kann man im Glockenbach jetzt hervorragend essen.

Von Michael König

Der Name ist eine Anmaßung. "Glockenbach", das stand einmal für das lebendigste Viertel Münchens, für die hiesige Schwulen- und Künstlerszene sowie einige der besten Kneipen und Clubs der Stadt. Doch mit dem Hype kamen die (Immobilien-)Haie, der Stadtteil ist im Wandel (Pessimisten sagen: dem Untergang geweiht) - und nirgendwo sonst ist das so gut zu beobachten wie an der Kreuzung Müllerstraße/Pestalozzistraße, wo nun der beleuchtete Schriftzug hängt: Glockenbach, einer der neuesten Ausgeh-Tipps im Viertel.

Im ersten und zweiten Stock eines terrakottafarbenen Neubaus ist das Lokal beheimatet, das Tagesbar, Mitnahme-Restaurant und Edel-Restaurant verbindet. Wer gut (und teuer) essen will, muss in den ersten Stock - und gelangt dorthin über eine große Treppe, die den Raum dominiert und mit Chrom- und Edelholz-Elementen sowie einer schneeweißen Reling ein wenig an den Stil einer Luxusyacht erinnert.

In spätrömischer Pose

Überhaupt haben die Inhaber, zwei bekannte Köpfe der Münchner Gastro-Szene, bei der Gestaltung Liebe zum Detail bewiesen - und Wagemut. Entstanden ist ein bunter Mix aus Stilelementen der fünfziger und sechziger Jahre: Lack-Nierentische in einem Türkis, das auch jedem OP-Saal gut stehen würde - angestrahlt von schmalen Lampen mit OP-Lichtstärke. Daneben Klubsessel in orange und gelb mit Palmwedelmuster. Und ein Sofa, das sich "organisch", wie es auf der Website des Lokals heißt, an der Wand entlang schlängelt - und an einigen Stellen so breit ist, dass man darauf gerne in spätrömischer Pose Platz nehmen würde.

Wer auf der gegenüberliegenden Seite sitzt, auf einem der schwarzen Stühle, wird zwangsläufig aus einem der großen Fenster schauen, die ringsherum angeordnet sind und den Blick freigeben auf alles, was "Glockenbach" hieß, bevor Michael Dietzel (auch bekannt durch das Café am Hochhaus, Bar Corso) und Valentina Schunk im September 2009 hier ihr Restaurant eröffnet haben.

Der Kultclub Pimpernel, ein Saunaclub, die Bar Edelheiss und ein Piercing-Salon unterscheiden sich nicht nur angebotsweise, sondern auch durch die Abgas-Patina ihrer Außenfassaden deutlich vom Neuankömmling.

Dort blickt der Gast von oben herab auf die einstigen Platzhirsche, lässt sich von der überaus freundlichen Bedienung die Jacke abnehmen - und studiert die Speisekarte, in der sich kein Gericht inklusive Vorspeisen für unter fünf Euro findet.

Das Menü ist übersichtlich, aber exklusiv. 16 Gerichte stehen zur Wahl - und die fällt nicht leicht: Weil Vorspeisen und Hauptspeisen nicht grafisch voneinander getrennt sind - und sich zu unserem Erstaunen teilweise auch preislich kaum unterscheiden - muss die Kellnerin her und Orientierung bieten. Sie klärt auf: Einige der Gerichte können als Vor- und Hauptspeise bestellt werden, die Größe werde entsprechend angepasst.

Besser als das Original

Wir starten mit einer gebundenen Fischsuppe mit Safran und Artischocke (für 5,20 Euro) und sind begeistert - vom Geschmack, aber auch von dem modernen Porzellan in Größe XXL, in dem die Suppe serviert wird. Auch der Feldsalat mit Rettich, Granatapfelkernen, Brezelpesto und Obadzacrostini (8,50 Euro) überzeugt - wer diese Neuinterpretation bayerischer Klassiker probiert hat, wird das Original nicht so schnell vermissen.

Weiter geht es mit dem Hauptgang. Wir bestellen Geflügel: Die rosa gebratene Entenbrust mit Kürbis-Ingwerchutney und karamellisierter Schwarzwurzel für 17,80 Euro kommt auf einem Schiffchen-Teller daher - die Luxusyacht lässt grüßen. Der optische Eindruck täuscht nicht: Das Essen ist vom Feinsten. Das Fleisch zergeht auf der Zunge, die Beilagen sind reichlich und reichlich gut. Kleine Abzüge gibt es für das Chutney, dessen äußerst starker Ingwergeschmack alle anderen Aromen überlagert.

Stapelweise Essen

Auch die gefüllte Perlhuhnbrust mit Erbsenpüree, Birne und gebratenem Speck (16,50 Euro) ist ein Gedicht. Weil der Koch offensichtlich praktisch veranlagt ist - oder seinem Spieltrieb freien Lauf lässt, sehen beide Gerichte zunächst übersichtlich aus: Fleisch, Gemüse und Beilagen sind stapelweise angeordnet.

Wer sich Schicht für Schicht bis zum Teller hindurch schlemmt, ist allerdings bald so satt, dass er von einem anschließenden Besuch im Saunaclub absehen sollte.

Als Abschluss wählen wir Rhabarbertörtchen mit Amaretto-Erdbeeren und Pfeffer-Honigparfait (sechs Euro) und einen Schokoladen-Käsekuchen mit Vanillesauce, der uns als eine etwas merkwürdige Kombination erscheint - und auch so schmeckt. Wir gönnen uns noch einen Espresso, zahlen knapp 80 Euro und steigen die Treppe herab in Richtung des "eigentlichen" Glockenbachs.

Draußen angekommen, ziehen wir ein Fazit: Mag sein, dass dieses Restaurant ein weiterer Sargnagel ist für das Viertel, das wir einst für das lebenswerteste Münchens hielten. Aber zumindest kann man hier jetzt ganz vorzüglich essen.

Glockenbach, Müllerstr. 49, 80469 München, Tel.: 089/45240622, www.glockenbach.com