Gesunde Ernährung Von der Region auf den Teller

Bio-Gemüse kommt gut an beim Verbraucher, vor allem wenn es aus der Region stammt.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Ein Ernährungsbeirat könnte den Verkauf von heimischen Lebensmitteln fördern. Münchner Initiativen haben einen Stimmungswandel bei den Kunden bemerkt: weg vom Preis und hin zum Wert

Von Franz Kotteder

Einen Betriebsrat kennen die meisten. Auch beim Aufsichtsrat wissen viele Bescheid, worum es sich da handelt, ebenso beim Stadt- und dem Gemeinderat. Aber was macht ein Ernährungsrat? Gibt der Tipps, was man essen soll?

In gewisser Weise ist das so. Und auch wieder nicht. Ein Ernährungsrat ist ein Gremium, das eine Kommune dabei beraten soll, wie sie ihre Lebensmittelversorgung organisiert und verbessert, kurz: Er formuliert Ziele für eine Ernährungspolitik. Wie so etwas aussieht, wissen noch nicht allzu viele, was auch daran liegen mag, dass es in Deutschland noch nicht allzu viele Ernährungsräte gibt. Genau genommen sind es gerade einmal drei: in Berlin, Köln und seit Ende März auch in Hamburg. Und jetzt soll München ebenfalls einen bekommen.

Das stellt sich jedenfalls die Grünen-Stadträtin Katrin Habenschaden vor, die neulich einen entsprechenden Antrag in den Stadtrat eingebracht hat. Die Stadt soll den Ernährungsrat initiieren, Vertreter aus Politik, Verwaltung, von Produzenten und Verbraucher sollen ihm angehören. Habenschaden ist bei weitem nicht die Einzige, die das gut fände. Vergangene Woche veranstaltete die GLS Bank - eine sozial-ökologische Genossenschaftsbank - zusammen mit der Münchner Dependance des Instituts für Welternährung ein Symposium zum Thema "München auf dem Weg zur Ernährungswende - lokal statt global". An die 70 Vertreter von Organisationen, die in irgendeiner Weise mit Ernährung zu tun haben, kamen, um sich anzuhören, was Fachleute und Vertreter von bereits bestehenden Ernährungsräten zum Thema zu sagen hatten. Prominenteste Vertreterin im Publikum war wohl die Schauspielerin Uschi Glas. Sie war für ihren gemeinnützigen Verein "BrotZeit", der bedürftige Schulkinder mit Frühstück versorgt, gekommen und sagt: "Man muss die Sache auch mal selber in die Hand nehmen. Wenn jeder nur wieder auf die Stadt wartet, passiert ja nix."

In München aber passiert schon relativ viel. Sagt jedenfalls Wilfried Bommert vom Institut für Welternährung, dessen Projekt "Ernährungswende" auch von der Bundesregierung gefördert wird. Der gelernte Umweltjournalist und Landwirt berichtet, dass "gerade in München das Meiste los ist in der Zivilgesellschaft, was Ernährungspolitik angeht". Generell gebe es einen Stimmungswandel in der Kundschaft, was Lebensmittel betrifft: weg vom Preis und hin zum Wert. Die Ernährungswende sei aber allein schon deshalb notwendig, so Bommert, "weil die Fundamente der Welternährung bröckeln: durch den Klimawandel, durch Spekulation mit Lebensmitteln, durch Kriege, Krisen und Transportschwierigkeiten". Alle großen Städte der Welt verfügten heutzutage über einen Lebensmittelvorrat, der gerade mal für drei Tage reiche. Es gehe also auch um eine Überlebensfrage.

München stehe noch vergleichsweise gut da, sagt die Grünen-Stadträtin Habenschaden, "das hängt sicher auch mit dem landwirtschaftlich geprägten Umland und mit der Kaufkraft in der Stadt zusammen". Trotzdem gebe es noch einiges zu tun, auch von städtischer Seite, die zum Beispiel mit ihren Markthallen eine entsprechende Struktur hätte, um regionale Lebensmittel besser zu vermarkten. Außerdem gehe es ja auch darum, Themen wie Ernährungsbildung, Direktvermarktung, Urban Gardening und Lebensmittelverschwendung zu beackern.

Das findet auch Michael Böhm vom Freisinger Büro Ecozept, einer Beratungsfirma, die sich vor allem mit Agrar- und Umweltthemen befasst und eine Studie zum Thema Regionalität in und um München erarbeitet hat. Die Idee der Ernährungsräte, die vor gut 30 Jahren in den USA entstanden ist, kann aus seiner Sicht mit Lebensmitteln aus der Region zur Versorgung einen großen Beitrag leisten. München habe innerhalb seiner Grenzen zwar etwa 100 Landwirte, die Hälfte davon im Hauptberuf. Aber das reiche natürlich bei weitem nicht für die Versorgung der Münchner aus. Um die Stadt mit den notwendigen Lebensmitteln zu versorgen, so Böhm, benötige man eine Fläche von genau 342 600 Hektar. München selbst sei aber nur etwa 31 000 Hektar groß. Es sei also mehr als sinnvoll, Konzepte für eine Nahversorgung mit Lebensmitteln zu entwickeln, und auch da könne ein Ernährungsrat gute Dienste leisten. Böhm: "Es wird Zeit, sich auf den Weg zu machen."

Wie das auch gehen kann, erläutert Jürgen Müller von der Genossenschaft Kartoffelkombinat. In der haben sich mittlerweile an die 1000 Haushalte zusammengetan, um in einer ehemaligen Baumschule bei Oberschweinbach Bio-Gemüse anzubauen. Eine "gemeinwohlorientierte Selbstversorgungsstruktur" wolle man so aufbauen, sagt Müller. Auch er erhofft sich von einem Ernährungsrat Unterstützung bei diesem Vorhaben. Und der Dokumentarfilmer Valentin Thum ("Taste the Waste"), selbst Mitglied des Kölner Ernährungsrats, kann Tipps geben, wie so etwas funktioniert: "Man muss alle Beteiligten ins Boot bekommen und sich stark auf regionale Projekte beziehen." So könne es auch gelingen, Ernährungspolitik zu einem lokalen Thema zu machen und die Parteien dafür auch zu begeistern. Wichtig sei auch ein breites Bündnis von der Gastronomie über die Politik und die Verbraucher bis hin zu Landwirten. Thun: "In Köln hatten wir schon vor der Kommunalwahl von allen großen Parteien die Zusage, die Gründung eines Ernährungsrats zu unterstützen."

Auch in München sieht es da gar nicht schlecht aus. Denn auch die städtische Referentin für Gesundheit und Umwelt, Stephanie Jacobs, kann sich mit dem Gedanken an einen Ernährungsrat anfreunden. "Gerade bei einem so persönlichen Thema wie Ernährung ist es wichtig, dass wir Leute haben, die ihr Wissen in die Stadtgesellschaft miteinbringen und anderen die Bedeutung eines gesunden Ernährungsstils bewusst machen." Die Initiative zum Ernährungsrat begrüße sie, wie die Umsetzung in der Praxis aussehe, müsse noch diskutiert und besprochen werden. Allzu lange wird es wohl nicht dauern, das war beim Fachtag der GLS Bank schon spürbar: Die verschiedenen Initiativen haben es offenbar eilig und wollen die Sache nicht aufschieben. Und Katrin Habenschaden sagt: "Ich kann mir schon vorstellen, dass das jetzt Fahrt aufnimmt."