Puchheim Zwei Welten dicht nebeneinander

Zwischen den Flüchtlingen, die in der Turnhalle des Puchheimer Schulzentrums untergebracht sind, und den Schülern von Gymnasium und Realschule gibt es kaum Kontakt. Auch, weil die Unterkunft vor allem Durchgangsstation ist

Von Peter Bierl, Puchheim

"Die Schule ist gut, ich gehe gerne hin", sagt Mahmud S. Seit ein paar Wochen lebt der 21-Jährige in den Turnhallen direkt neben dem Gymnasium und der Realschule von Puchheim. Zu den Jugendlichen, die diese Schulen besuchen, hat er keinen Kontakt, er bekommt sie kaum zu Gesicht. Denn die Schule, von der er spricht, ist die Berufsschule in Pasing, wo er Deutsch lernt. Wenn er morgens von der Turnhalle zum Bahnhof geht, um dorthin zu fahren, kommen die Gymnasiasten und Realschüler gerade an. Kehrt er am Nachmittag aus Pasing zurück, gehen sie nach Hause.

Es gebe praktisch keinen Kontakt, bestätigen einige Schüler, die auf dem Pausenhof vor der Halle stehen. Ein Junge hat mal einen Flüchtling kennengelernt, aber auf dem Bahnhof, beim Warten auf einen Zug. Dass der Kontakt zwischen Asylbewerbern und Schülern in Puchheim so minimal ist, obwohl die Turnhallen inzwischen seit fast einem halben Jahr als Notquartier dienen, liegt am Charakter der Einrichtung und an den Örtlichkeiten.

Die Hallen liegen zwar mitten auf dem Schulgelände, lassen sich aber leicht abschotten. Auf der einen Seite, zum Hartplatz hin, ist der Bereich der Halle ohnehin immer abgezäunt. Der Durchgang zwischen Halle und Platz zum Pausenhof hin ist mit einem Bauzaun versperrt, so dass die Flüchtlinge vom Haupteingang der Halle nicht zu den Schulen gehen können. Der überdachte Bereich auf der anderen Seite, der Nordwestseite der großen Halle, ist wie eh und je mit Fahrradrädern zugestellt. Die Türen dienen lediglich als Notausgang. Eine Pforte öffnet sich diesem Vormittag just zur Pause, ein junger Flüchtling tritt heraus und steckt sich eine Zigarette an, ein Anblick, der dem Direktor des Gymnasiums sehr missfallen würde.

Statt Schulsportstätten sind die Turnhallen am Schulzentrum Puchheim seit einem halben Jahr Herbergen für Flüchtlinge.

(Foto: Günther Reger)

Bisher habe es nicht den geringsten Konflikt gegeben, keinen einzigen Vorfall, betonen Schulleiter Georg Baptist und Herbert Glauz, sein Kollege von der Realschule. Eine Mutter habe sich mal gemeldet und geäußert, sie sorge sich um ihre Tochter, aber das seien irreale Ängste. "Es läuft völlig ruhig dahin", sagt Glauz. Der Gymnasialdirektor Baptist ärgert sich lediglich über Flüchtlinge, die rauchen. Bloß stehen die in der Regel nicht auf dem Schulgelände, so dass ihn das nichts angeht. Anders verhält es sich mit einem Mann, der es sich auf dem Schulgelände in geschützter Lage in einem Durchgang bequem macht, um gemütlich eine Shisha-Pfeife zu rauchen. Dreimal habe man den schon ermahnt, doch der kehre immer wieder zurück, berichtet Baptist.

Der eigentliche Ärger richtet sich gegen Landrat Thomas Karmasin (CSU), weil der Sportunterricht sein Monaten nicht in den Hallen stattfinden kann und die Schüler unter großem Aufwand und Zeitverlust mit dem Bus in umliegende Hallen gekarrt werden müssen. Bei einer Versammlung der Klassenelternsprecher sei einiger Unmut geäußert worden, erzählt Baptist. Es sei unbegreiflich, dass es ausgerechnet die Hallen im Landkreis trifft, die von den meisten Schülern, insgesamt rund 1900, in Anspruch genommen würden.

Als Fahrradabstellplatz dient wie eh und je der überdachte Bereich an der Nordwestseite der Dreifachhalle.

(Foto: Günther Reger)

Ähnlich wie Stadträte und Asylhelfer verweisen beide Rektoren darauf, dass die Halle nur spärlich belegt sei. Teilweise leben nur knapp 40 Leute dort, obwohl fast 200 Betten vorgehalten werden. "Die Menschen kommen und gehen. Die Zahl wechselt täglich, von 30 bis 180 Personen", sagt der Landrat zu dieser Kritik. Im übrigen handele es sich ja nicht um ein Gefängnis. Die Halle ist eine Durchlaufstation für Flüchtlinge. Von dort werden sie in reguläre Unterkünfte wie in der Siemensstraße in Puchheim verlegt.

Das ist der zweite Grund, warum es kaum Kontakte zwischen Schülern und Flüchtlingen gibt. In den ersten Wochen wollten Eltern und Schüler eine Hausaufgabenbetreuung für Flüchtlingskinder organisieren, aber die waren schnell wieder weg. Inzwischen sind keine Kinder mehr da, erzählen Baptist und Glauz. Der Asylhelferkreis von Schülern der Realschule ist aktiv bei den Flüchtlingen in der Siemensstraße. Die Halle sei aus der Perspektive des Landkreises doch für einen "Schnäppchenpreis" zu haben, sagt Glauz, billiger als alle anderen Lösungen, vor allem Traglufthallen. Dabei sei so eine Halle für die Unterbringung völlig ungeeignet. Im Herbst hätten sie an einem Tag nur zehn Grad Raumtemperatur gemessen und an das Landratsamt gemeldet.

Mahmud S. ist zufrieden mit der Unterkunft. Sagt er jedenfalls in ziemlich gutem Englisch, und angesichts seiner Geschichte kann man es verstehen. Er sei aus Bagdad in die Türkei geflohen, weil sein Vater für die Regierung arbeite und die Familie bedroht wurde. Doch die Killer seien ihm nachgereist. Weil die EU-Landgrenze durch einen meterhohen Stacheldrahtzaun abgeriegelt ist, setzte er im Schlauchboot von der Türkei auf eine griechische Insel über und kam auf der Balkanroute nach Deutschland. Er hofft auf ein neues, sicheres Leben. Die Schule in Pasing ist dafür der Anfang.