Puchheim An der Quelle Europas

Friedrich Maier setzt sich für die alten Sprachen ein.

(Foto: privat)

Der emeritierte Professor Friedrich Maier wird mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Er widmet sein Leben der Forschung und Lehre alter Sprachen

Von Julia Bergmann, Puchheim

Schneller, höher, weiter: In einer Zeit, in der die Ökonomisierung wie eine monströse Krake um sich greift, gibt es einen, der beständig bleibt. Einen, der will, dass das Wissen um Zahlen und Märkte nicht die einzigen Instrumente sind, die einem jungen Menschen auf seinen Lebensweg mitgegeben werden. Was er dazu braucht, sind die alten Sprachen Griechisch und Latein. "Wichtig ist, dass man über die rein wirtschaftliche Grundbildung hinaus die Humanität herausstellt, den Schülern unter anderem ermöglicht, Empathie zu entwickeln", sagt Friedrich Maier. "Das gehört zu einer heute modernen Schulbildung dazu", sagt er.

Der 79- jährige Puchheimer, der als Professor an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und an der Humboldt-Universität in Berlin gelehrt hat, setzte sich sein Leben lang für die Vermittlung klassischer Sprachen und Literaturen sowie ihres Fortwirkens in Europa ein. Er widmete sich auch dem Wiederaufbau der klassischen Studien in den neuen Bundesländern, veröffentlichte mehrere hundert wissenschaftliche Arbeiten und gab mit "Cursus Latinus" ein Latein-Unterrichtsbuch heraus, das schaffte, was keinem anderen vor ihm vergönnt war: Nach über 50 Jahren wird es auch heute noch im Lateinunterricht verwendet. Für sein Lebenswerk wird Maier jetzt mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Maier vertritt als ehemaliger Präsident und heutiger als Ehrenpräsident des Altphilologenverbands die klassischen Fächer in der Öffentlichkeit. Wenn er von den alten Griechen und Römern spricht, wohnt seinen Worten eine Begeisterung inne, die nur schwer mit dem Klischee eines verstaubten Lateinlehrers in Einklang zu bringen sind. Denn für ihn sind die alten Sprachen der Schlüssel zu unserem modernen Europa. "Und wenn Europa als Einheit zusammenwachsen will, muss es sich auf seine Wurzeln besinnen", erklärt er. Denn die Antike, mag es auch klingen wie ein Antagonismus, findet sich in der Moderne wieder. Etwa in der Literatur von Christa Wolf oder Goethe, der nach Jahrhunderten Iphigenie in seinem Drama wieder auferstehen lässt. Oder noch zeitnäher: Wenn die filmische Erzählung der Schlacht um Troja vor wenigen Jahren Millionen Besucher in Kinosäle lockte.

Und dann beginnt Maier zu erzählen von den alten Griechen, die auf der Suche nach dem Urstoff waren. Dem Stoff aus dem alles uns Bekannte einst hervorging. Er beschreibt eine Suche, die viele frühe Philosophen umgetrieben hat. Die mit den Überlegungen Anaximanders zu seinem abstrakten Apeiron, das das Unendliche und Unbegrenzte beschreibt, um 500 vor Christus in dem gipfelt, woraus sich später die Atomlehre entwickelt hat. Eine Forschungsrichtung, die später die Herstellung der Atombombe ermöglichen sollte. Maier verdeutlicht Entwicklungen, öffnet die Augen für jahrhundertealte Gedanken, die uns - im Guten wie im Schlechten - auch heute noch beeinflussen. Genau das ist sein wertvollster Baustein für einen modernen und schülergerechten Latein- und Griechischunterricht, an dessen Basis freilich auch Vokabeln und Übersetzungen stehen müssen.

Seiner Begeisterung ist auch der Aufbau der alten Studien in den neuen Bundesländern zu verdanken. Nach dem Fall der Mauer gab es dort nur noch wenige Schulen, an denen die Fächer unterrichtet wurden. "Ein nervenaufreibendes, zeitaufwendiges Unterfangen", für das es sich gelohnt habe zu kämpfen. Maier schaffte es schließlich gemeinsam mit einem Kollegen, bei einer Versammlung von etwa 100 Schuldirektoren in Brandenburg, seine Begeisterung zu vermitteln. "Danach wurde an fast 90 Schulen der Unterricht wieder eingeführt". Das größte Problem? Nach Jahrzehnten ohne Latein- und Griechischunterricht fehlten die Lehrer. Die Lösung: Russischlehrer wurden innerhalb von drei Jahren umgeschult. "Die Grundgrammatik hatten sie ja im Kopf, sie ähnelt stark der Griechischen", so Maier.

Auch im Privaten schafft Maier es zu begeistern, etwa seine Kinder und Enkelkinder. Einer seiner Söhne, der heute als Jurist arbeitet, habe etwa in seiner mit summa cum laude bestandenen Dissertation die Gewaltenteilung bereits in der griechischen Philosophie und in der Verfassung Athens nachgewiesen. Eine Leistung, die Maier besonders freut. Denn die Begeisterung für die alten Sprachen und Kulturen in den Menschen zu wecken, ist das, wofür der Professor lebt.