Olching Erinnerungen an Prag 1989

Peter-Christian Bürger spricht über seine Ankunft in Deutschland und analysiert die aktuelle Flüchtlingssituation.

(Foto: Günther Reger)

Zeitzeuge erzählt von seiner Flucht aus der DDR

Von anna Landefeld-Haamann, Olching

Es muss ein ekstatischer Momente gewesen sein. Damals, am 30. September 1989, als rund 6000 ausreisewillige DDR-Bürger Zuflucht in der deutschen Botschaft in Prag suchten und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher den historischen Halbsatz "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise .."" sprach. Seine übrigen Worte gingen im frenetischen Jubel der Masse unter. Direkt hinter Genscher, auf dem Balkon des Palais Lobkowicz, stand Peter-Christian Bürger. "Ich hatte Tränen in den Augen. Das war Gänsehaut-Feeling pur", erinnert sich der damalige Sprecher der Botschaftsflüchtlinge. Auf dem Empfang zum Tag der Deutschen Einheit des CSU-Kreisverbandes erweckte Bürger diese Momente noch einmal zum Leben. In seinem knapp anderthalbstündigen Vortrag schilderte er den rund vierzig Gästen im Kom nicht nur die dramatischen Ereignisse in Prag 1989, sondern zog auch Parallelen zu den Flüchtlingen von heute. Gleichzeitig warnte er aber auch davor, die Sorgen der Bevölkerung herabzuspielen.

Auch die DDR-Flüchtlinge kamen damals mit Bussen und Sonderzügen in die Bundesrepublik. Die oberfränkische Stadt Hof war ihr erster Halt. "Auf dem Bahnsteig habe ich zuerst den Boden geküsst. Vielleicht klingt das pathetisch und albern, aber für mich bedeutete es, die Freiheit zu küssen", erzählt Bürger, der als politischer Gefangener im Zuchthaus saß und jahrelang von der Stasi schikaniert wurde. Damals wie heute habe die bayerische Bevölkerung die Flüchtlinge mit "christliche Liebe" empfangen, erinnert sich Bürger. Ein wesentlicher Vorteil sei dabei sicherlich gewesen, dass man sich auf derselben Sprache verständigen konnte und gemeinsame historische und politische Wurzeln hatte.

Der Politik der Bundeskanzlerin gegenüber den Flüchtlingsströmen der letzten Wochen steht Bürger kritisch gegenüber: "Willkommensgrüße sind gut und wichtig, aber sie können auch nicht unbegrenzt ausgesprochen werden", sagte der 59-jährige Chemnitzer. Die Aufnahmefähigkeiten des Landes seien erschöpft. Nach der Willkommens- müsste nun auch eine Anpassungskultur geschaffen werden. Bürger befürwortet deshalb den Vorschlag der CDU-Vizevorsitzenden Julia Klöckner , den Flüchtlingen an ihrem Ankunftstag ein übersetztes Grundgesetz zu überreichen.

"Wir dürfen nie damit aufhören , uns bewusst zu machen, was für ein Privileg es ist, in einem Land zu leben, in dem Frieden und Demokratie herrschen", appellierte Bürger. Die Ereignisse in den Jahren 1989/90 seien in der deutschen Geschichte einzigartig, zum ersten Mal erhob sich das Volk zum Souverän. Dieses friedliche Aufbegehren der einfachen Leute gelte es zu würdigen und nachfolgenden Generationen davon zu berichten.

Für Bürger ist es deswegen eine Schande, dass in der aktuellen thüringischen Regierung alte SED-Kader sitzen oder Margot Honecker in Chile eine deutsche Rente in Höhe von 1500 Euro erhält. "Für die Opfer des SED-Regimes sind das Schläge ins Gesicht", weiß Bürger. Die Aufarbeitung des Unrechts lasse noch sehr zu wünschen übrig.