Mammendorf Verwitwet in der Fremde

Malübungen: Thi Anh Nga Truong und ihr Sohn Dinh Cong Minh Duc arbeiten mit Buntstiften.

(Foto: Günther Reger)

Nach dem Tod des Mannes lebt die Vietnamesin Thi Anh Nga Truong mit ihrem Sohn sehr zurückgezogen und von wenig Geld

Von Ariane Lindenbach, Mammendorf

Das Handy von Thi Anh Nga Truong ist praktisch immer aus. "Der Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar", heißt es am anderen Ende der Leitung - vormittags genauso wie nachmittags oder am frühen Abend. Thi Anh Nga Truong ist 39 und verwitwet. Ihr Mann starb vor eineinhalb Jahren. Seinen Tod hat sie offenbar noch nicht verkraftet. Thi Anh Nga Truong lebt mit ihrem vierjährigen Sohn Dinh Cong Minh Duc in der Wohnung in Mammendorf, in die sie kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland mit ihrem Mann eingezogen ist. Thi Anh Nga Truong besucht zwar gerade einen Deutschkurs, die Sprache beherrscht sie aber noch nicht. Für das Gespräch mit der Frau von der Zeitung übersetzt Huy Dai Nguyen, ein guter Freund und Landsmann.

Thi Anh Nga Truongs Händedruck ist kraftlos, als sie den Gast höflich hereinbittet. Nguyen und seine Frau, die sich während des Gesprächs um den Vierjährigen kümmert, übernehmen die konventionellen Begrüßungsgepflogenheiten: er zeigt, wo die Garderobe ist, sie bringt Artischockentee. "Seit ihr Mann gestorben ist, haben ihr viele Landsleute geholfen, auch wir", sagt Nguyen, der in Deutschland studiert und bei Siemens gearbeitet hat. Inzwischen ist er Rentner. Er und seine Frau würden Thi Anh Nga Truong vor allem dabei unterstützen, in ihrer Trauer in dem fremden Land mit ihrem kleinen Kind zurechtzukommen, erklärt der Freund der Familie. Sie begleiten die 39-Jährige zu Arztbesuchen oder Behördenterminen, um zu dolmetschen, helfen ihr bei der Haushaltsführung und der Kinderbetreuung. "In unserem Auto ist auch ein Kindersitz", erklärt Huy Dai Nguyen.

Der Tod ihres Mannes hat offenbar eine tiefe Lücke im Leben der 39-Jährigen hinterlassen. Über dem Stockbett im Wohnzimmer hängt ein großes Hochzeitsfoto von Thi Anh Nga Truong und ihrem gut 20 Jahre älteren Mann. Er habe als Mechaniker schwer körperlich gearbeitet und sei irgendwann erkrankt, berichtet Nguyen. Da war der kleine Minh Duc schon auf der Welt. Die Eltern beschlossen, dass der Mann als Frührentner zu Hause bleiben und das Kind versorgen solle, während sie Deutsch lernt und sich eine Arbeit sucht. Doch diese Pläne konnte das Paar nicht mehr umsetzen. Eine Ader platzte im Gehirn des 60-Jährigen. Er lag noch zwei Monate im Koma, dann starb er.

Während Nguyen ihre Schilderung übersetzt, steht Thi Anh Nga Truong kurz auf, um sich ein Taschentuch zu holen. Sie hat Tränen in den Augen, ihre Trauer, das Gefangensein in dieser Situation sind offenkundig. Sie fühle sich sehr einsam und allein seit dem Tod ihres Mannes, bejaht sie unter Tränen. Auf die Frage nach Heimweh nickt sie stumm, Tränen in den Augen. "Seit dem Tod ihres Mannes hat sie keine Wünsche mehr", erklärt Huy Dai Nguyen etwas hilflos. Doch dann fällt ihm noch etwas ein: "Ein kleines Laptop mit Wifi, damit sie sich mit ihrer Familie in Vietnam unterhalten kann." Derzeit habe sie mangels Geld nicht einmal einen Festnetzanschluss, geschweige denn einen Internetzugang, sagt Nguyen.

"Ihr Mann hat einige Schulden gehabt", die Schuldnerberatung der Caritas habe ihr dabei geholfen, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Wie der Rentner darlegt, hat die 39-Jährige mit nicht einmal 700 Euro zum Überleben für zwei Personen nicht gerade viel Geld zur Verfügung. Doch Vietnamesen seien generell anspruchslos, sagt er und übersetzt: "Es ist okay, wie sie jetzt lebt."

Erst später, wenn ihr Sohn größer ist, dann würde sie sich eine größere Wohnung wünschen, damit sie beide ein eigenes Zimmer zum Schlafen haben; aktuell schlafen beide gemeinsam in dem kleinen Schlafzimmer. Und Thi Anh Nga Truong würde gerne den Führerschein machen, die Sprache besser lernen und eine Arbeit finden, berichtet der Rentner. Dann wäre sie auch mobiler, könnte mit den Leuten hier reden, ihren Alltag selbständig bewältigen. Doch momentan, so scheint es, fehlt ihr dafür vor Trauer die Energie.

"Deutsch zu lernen ist für sie momentan sehr schwer in ihrer aktuellen Familiensituation", erklärt Nguyen entschuldigend. Sie lebe derzeit sehr zurückgezogen, auch der Bub habe kaum Kontakte nach draußen. Jetzt besucht er den Kindergarten.