Fürstenfeldbruck Ergreifende Geschichtsstunde

Schauspieler Thomas Darchinger führt am Graf-Rasso-Gymnasium das Schicksal des Holocaust-Überlebenden Solly Ganor vor Augen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Lesung aus der Biografie eines Holocaust-Überlebenden für Brucker Gymnasiasten

Von Julia Huss, Fürstenfeldbruck

Die dunkle Bühne des Graf-Rasso-Gymnasiums wird nur von einem Scheinwerfer angestrahlt. Das grelle Licht fällt auf die ernste Miene des Schauspielers Thomas Darchinger, der an einem kleinen Tisch sitzt und aus dem Buch "Das andere Leben" des Zeitzeugen Solly Ganor vorliest. Fast auswendig gibt er die Geschichte des aus Litauen stammenden Holocaust-Überlebenden wieder. Darchingers raue Stimme steht im harten Kontrast zu den leisen und leichten Tönen des von Wolfgang Lackerschmid gespielten Vibraphons, das aus dem Hintergrund erklingt. Trotz der deutlichen Unterschiede harmonieren die beiden und können die Schüler der Oberstufe im Rahmen ihrer Kampagne zur Förderung der Demokratie fesseln.

90 Minuten hat Darchinger Zeit, um ausgewählte Passagen aus der Autobiografie des Zeitzeugen vorzutragen und damit den zuhörenden Schülern einen ergreifenden Einblick in das Nazi-Regime zu geben. "Diktaturen sind keine Wohlfühloasen und die Demokratie, die wir heute haben, gewährleistet, dass jeder sein Leben so gestalten kann, wie er das möchte", klärt Darchinger die Zuhörer auf. Ganor hatte diese Möglichkeit nicht. Er und seine Familie werden 1941 in ein Ghetto gezwungen. Zusammen mit seinem Vater wird der heute 90-jährige Ganor später in die Außenlager des KZ Dachau bei Landsberg und Kaufering gebracht. Eine Einheit der US-amerikanischen Armee befreite Ganor am 2. Mai 1945 bei Waakirchen, sein Vater überlebte den Todesmarsch ebenfalls. Die Darstellung der traumatischen Erfahrungen, die der Holocaust-Überlebende in dieser Zeit durchlebte, hinterlässt sprachlose Schüler. Auch der 16-jährige Simon muss sich erst einmal sammeln, trotzdem hat ihn die Inszenierung begeistert und die Veranstaltung überzeugt. "Ich finde es gut, die jungen Leute zu warnen und aufzuklären", sagt der Schüler.

Die ausgewählten Passagen verdeutlichen die immer wieder erschreckenden Ausmaße des Holocausts. Beispielsweise hat Darchinger eine Textstelle vorbereitet, welche die Todesangst der Gefangenen widerspiegelt. Während sein ehemaliger Lehrer, Herr Edelstein, heimlich versucht ihm ein Buch zuzustecken, werden die beiden erwischt. "Was hast Du da versteckt, Du dreckiger Jude", brüllt Darchinger und imitiert damit die kalte und zischende Stimme eines SS-Offiziers und lässt die Schüler augenblicklich zusammenzucken. Im Hintergrund erklingen wieder die sanften Töne des Vibraphons. Sein Lehrer deckt Ganor und bezahlt seine Gutherzigkeit mit seinem Leben. "Ich hörte einen Schuss. Ich drehte mich um und sah wie Herr Edelstein auf die Knie stürzte", liest der Schauspieler vor.

Darchinger variiert seine Stimme im Laufe der Lesung. Manchmal schießen die Worte förmlich aus seinem Mund hervor. Seine Stimme wird immer lauter, um dann wieder zu einem leisen, kratzenden Flüstern zurückzukehren. Nur die Intensität, die er in seine Worte einfließen lässt, besteht bis zum Schluss. Durch die Wiedergabe der drastischen Beispiele und grausamen Geschichten, die Ganor in seinem Buch verarbeitet versucht der Schauspieler die Schüler aufzurütteln, sich für Demokratie und Freiheit einzusetzen.

Dabei spielt vor allem ein lebendiger Austausch eine große Rolle - und das nicht nur mit Gleichgesinnten. "Jeder von Euch ist anders und jeder bringt eine eigene Qualität ein, und durch diese Vielfalt ist der Organismus der Demokratie lebendig", sagt Darchinger. Deshalb gehört die Lesung zu einer Veranstaltungsreihe des Graf-Rasso-Gymnasiums, um das demokratische Bewusstsein der Jugendlichen zu fördern. Nachdem der Zeitzeuge Max Mannheimer, der jahrelang die Schule besuchte und von seiner Gefangenschaft erzählte, 2016 verstorben ist, versucht die Schulleitung weiterhin die Jugend über das Nazi-Regime aufzuklären. "Es ist uns trotzdem wichtig die Zeitzeugenlesungen fortzusetzen, damit die Gewaltverbrechen nicht in Vergessenheit geraten", sagt der Lehrer und Organisator Wolfgang Seufert.