Fürstenfeldbruck Der Mann als Täter

Alexander Schmiedel als Mr. Punch macht Barbara Galli-Jescheck als Mrs. Judy das Leben zur Hölle.

(Foto: Günther Reger)

Felix Ebner inszeniert "Mr. Punch und Mrs. Judy" als brutalen Aufruf zum Feminismus. Alexander Schmiedel spielt den gewalttätigen Ehemann so gelungen, dass man als Besucher einen echten Hass auf ihn bekommt

Von Valentina Finger, Fürstenfeldbruck

Es war fraglos ein Zufall, dass das Premierenwochenende an der Neuen Bühne Bruck mit der Inauguration des neuen US-Präsidenten zusammenfiel. Einen aktuelleren Kontext als die vielen Protestmärsche, bei denen insbesondere Frauen weltweit gegen Donald Trump auf die Straßen gingen, hätte es für "Mr. Punch und Mrs. Judy" jedoch nicht geben können. Das als Komödie ausgewiesene Stück der Britin Debbie Isitt behandelt seelische und körperliche Misshandlung in der Ehe. Der Mann ist der Täter, die Frau das Opfer. Doch Isitt hat keine Dokumentation geschrieben. Im Grunde ist ihr Drama, an der Neuen Bühne inszeniert von Felix Ebner, ein Aufruf zum Feminismus, zum Zur-Wehr-Setzen gegen Männer wie Trump, der durch sexistische Kommentare auf sich aufmerksam gemacht hat.

Die Grundlage für die Komödie, die eigentlich keine ist, ist eine vermeintliche Vorzeige-Ehe. Punch und Judy, die im englischen Puppentheater die Pendants zu Kasperl und Gretel sind, sind hier keine Märchenfiguren. Dafür tritt das Paar, gespielt von Alexander Schmiedel und Barbara Galli-Jescheck, als Performance-Duo auf. Das Ungleichgewicht, das in der Beziehung herrscht, ist von der ersten gemeinsamen Nacht an präsent. Ein Boxsack, im Englischen bezeichnenderweise "punching bag", dient ihm als übergroßes Phallussymbol; für sie hingegen ist es das erste Mal überhaupt. Das Zerbrechliche an ihr, das ihn zunächst mit Liebe erfüllt, wird Projektionsfläche seiner Aggressionen.

Schnell wird klar, dass Punch nicht ganz normal ist. Die Entwicklung, die Schmiedel für seine Figur zeichnet, ist meisterhaft. Erste Eifersuchtsattacken werden gefolgt von impulsiven Ausbrüchen, nervöser Hyperaktivität und akuten Stimmungsschwankungen. Eigentlich interpretiert Schmiedel Punch als Borderline-Persönlichkeit. Von bedrohlichem Geflüster wechselt er in Geschrei, irrt über die Bühne wie ein eingesperrter Tiger und geht von Beleidigungen nahtlos in "Verlass mich nicht"-Gejammer über. Mit Erfolg: Seine Frau verlässt ihn nicht. Stattdessen spielt sie seine Attacken herunter. Man kennt das aus Medienberichten über häusliche Gewalt. Wie jedes Mal, wenn man von einer solchen Ehe-Tragödie hört, fragt man sich schnell: Warum geht sie nicht einfach, sondern lässt sich derart demütigen?

Irgendwann versucht Judy, dennoch zu gehen. Doch die Reaktionen, auf die sie bei einem Anwalt, einem Arzt, der Polizei und auf dem Sozialamt stößt, sind ekelerregend. Die Männer nehmen ihre Klagen nicht ernst. Das Aufeinandertreffen von Punch und Judy vor Gericht, dem ein männlicher Richter vorsteht, ist so unfassbar absurd, dass man lachen muss, wohl wissend, dass es Frauen in der Realität ähnlich ergehen kann. Man nimmt es Judy nicht übel, dass die Bestrafung am Ende selbst in die Hand nimmt. Im Gegenteil: In der Interpretation von Ebner, Schmiedel und Galli-Jescheck wirkt "Mr. Punch und Mrs. Judy" wie eine Rechtfertigung für Männerhass. Aber nicht alle sind wie Punch. Die Macher wissen das. Allerdings haben sie auch verstanden, dass man überspitzen muss, um auf diejenigen aufmerksam zu machen, die doch so sind.

Bis zu ihrem finalen Rückschlag ist Galli-Jesckeck als Judy der naiv-gedulige Gegenpart zu Schmiedels aufbrausendem Punch. So sehr die beiden Darsteller in den Rollen auch harmonieren, im Grunde ist die Inszenierung großteils eine Ein-Mann-Show. Schmiedel mit Kasperlmaske im Halbdunkel ist ein Horrorszenario, weit entfernt von Kinderunterhaltung. Als er sich ins Publikum setzt und Judy, die nun allein auf der Bühne steht, stellvertretend für alle Frauen vor fiktiven Partygästen demütigt, vergisst man fast, dass das alles Theater ist. Man möchte einschreiten und dem widerlichen Kerl, als Stellvertreter für eine von Sexismus geprägte Gesellschaft, Einhalt gebieten. Es erfordert Können, um beabsichtigt so gehasst zu werden. Alexander Schmiedel kann es: Sein Punch ist ein äußerst glaubwürdiges Hassobjekt.

Mr. Punch und Mrs. Judy, Neue Bühne Bruck, nächste Vorstellungen Samstag, 28. Januar und Freitag, 3. Februar, jeweils 20 Uhr.