Kandidat für den Tassilo 2018 Kafka an der Bushaltestelle

  • Thomas Goerge wurde mit dem Kultur-Sozialpreis ausgezeichnet.
  • Der Preis wird vom SZ-Adventskalender unterstützt und ist mit 1000 Euro dotiert.
Von Luise Helmstreit, Freising

Thomas Goerge arbeitete gerade an einer Inszenierung von Wagners "Ring der Nibelungen", als er beim Joggen an der Halle des Ringervereins SV Siegfried in Hallbergmoos vorbei lief. "Die haben Siegfried in ihrem Wappen", sagt Goerge. Die Idee zu einer unkonventionellen Version der Sage von Siegfried, dem Drachentöter, war geboren.

Neben den Ringern des SV Siegfried holte Goerge auch noch junge Flüchtlinge mit ins Boot, die im Haus Chevalier wohnen. "Siegfried ist ja eigentlich ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling", meint Goerge. Hinzu kamen ein kleinwüchsiger Schauspieler und einer mit Glasknochenkrankheit. "Und schon wurde das Ganze zu einem integrativen und inklusiven Projekt", sagt Goerge. Für "Siegfried" arbeiteten Kinder und Erwachsene, Deutsche und Ausländer, Menschen mit und ohne Handycap zusammen. "Es hat allen großen Spaß gemacht", meint Goerge. Für seine Arbeit ist er für den Tassilo Kultursozialpreis nominiert, eine Sonderkategorie der SZ-Auszeichnung. Flucht und Migration sind Themen, die Goerge nicht loslassen. "Das hängt bestimmt auch damit zusammen, dass mein Vater 1945 aus Ostpreußen fliehen musste und damit seine Heimat verloren hat. Auch mein Großvater wurde im Krieg vermisst, in meiner Familie war das deswegen immer präsent."

Die Erzählungen des Vaters, meint Goerge, decken sich in vielen Teilen mit dem, was er nun von Saad Alryafi höre, einem seiner Schauspieler, der aus dem Irak geflohen ist. Alrya wird in Goerges nächstem Stück die Hauptrolle übernehmen. Neben jungen Ringern, die sich auf der Bühne Schaukämpfe liefern, und unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen brachte Goerge noch andere unerwartete Dinge in Zusammenhang mit der Nibelungensage: "Auch in dem Computerspiel Minecraft gilt es, am Ende einen Drachen zu töten. Im Endeffekt sind es immer die gleichen Geschichten, nur anders erzählt. Riesen, Zwerge und Drachen tauchen immer wieder überall auf."

Junge Ringer, unbegleitete Flüchtlinge und Schauspieler mit Handycap: So hat Thomas Goerge die Siegfried-Sage als inklusives und integratives Projekt inszeniert.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Figuren in Goerges Version von "Siegfried" sahen deswegen zum Teil so aus wie aus dem Computerspiel. Als Schüler ärgerte sich Thomas Goerge im Theater über ein schlechtes Bühnenbild. "Das war einfach nur langweilig. Also habe ich beschlossen, es besser zu machen." Er begann, Modelle zu bauen und Kostüme zu entwerfen. Später studierte Goerge Bühnen- und Filmgestaltung. "Inzwischen mache ich aber keine Bühnenbilder mehr, sondern bin Regisseur", erzählt Goerge. Seine unzähligen Projekte haben ihn schon mehrfach nach Afrika geführt, zusammen mit dem 2010 verstorbenen Christoph Schlingensief. "Er hatte die Idee, dort ein Operndorf zu bauen. Wir haben einen geeigneten Ort gesucht, Entwürfe gemacht und einen Architekten dazu geholt. Ich war oft auf der Baustelle. Das war eine gute Zeit", erinnert sich Goerge. "Afrika, das sind nicht nur hungernde Menschen, Savannen und Elefanten. Es gibt dort, genau wie überall sonst, nette Leute und Leute, die dich über's Ohr hauen wollen." Das Operndorf soll ein Ort der internationalen Begegnung und der Hoffnung sein. Inzwischen gibt es dort eine Schule und ein Krankenhaus, regelmäßig finden Projekte und Veranstaltungen statt.

"Kunst und Theater haben immer auch einen sozialen Anspruch", findet Goerge. Schließlich gehe es darum, sich mit seinem Umfeld zu befassen. "Kunst gehört nicht nur elitär in einen weißen Saal, sondern auch auf die Straße." Natürlich inszeniere er auch Stücke an der Oper. Aber unkonventionellere Orte finde er interessanter. "Für ,Siegfried' habe ich bewusst nicht den Gemeindesaal in Hallbergmoos, sondern den Sportpark ausgewählt", erzählt Goerge. Sein Lieblingsort für Aufführungen in seiner Heimatstadt Freising ist der Furtnerbräu. "Die Leute sitzen da mit einem Bier und schauen sich Kafka an. Ich mag das." Für seine zukünftigen Stücke denkt Goerge noch über ausgefallenere Orte nach: "Ich würde gerne mal etwas an einer Bushaltestelle aufführen." Das Tassilo-Preisgeld würde Goerge gleich in das nächste Projekt stecken. Vielleicht gibt es dann Kafka an der Bushaltestelle.