Eisbach: Pionier Dieter Deventer "Das war unser zweites Zuhause"

sueddeutsche.de: Wie oft surfen Sie heute im Eisbach?

Deventer: Ich bin freiberuflicher Kameramann und Fotograf - wenn ich keine Jobs habe, dann bin ich sehr oft an der Welle. Früher war ich mit der ganzen Familie jeden Tag an der Floßlände. Das war unser zweites Zuhause.

sueddeutsche.de: Surfen Ihre Töchter auch?

Deventer: Meine Töchter haben mit acht oder zehn Jahren das Surfen im Meer gelernt. Toni ist 21 Jahre alt und fast besser als ich, sie ist richtig ehrgeizig. Meine älteste Tochter Lisa studiert in Berlin und kommt dort nicht so oft zum Surfen. Wenn sie dann hier an der Floßlände ist, will sie genauso gut sein wie ihre Schwester.

sueddeutsche.de: Was waren die schönsten Momente am Eisbach in den letzten 35 Jahren?

Deventer: In der offenen Isar gab es früher bei Hochwasser bis zu zwölf Wellen und ich wusste genau, bei welchem Wasserstand welche Welle am besten läuft. Da gab es manchmal Bedingungen wie im Meer und man konnte zu acht auf der Welle surfen. Leider gibt es diese Wellen durch die Renaturierung nicht mehr. Auch die menschlichen Momente sind toll, wenn man nach dem Surfen gemeinsam grillt, alte Freunde trifft oder Anfängern das Surfen beibringt. Absolute Glücksmomente sind für mich aber, wenn ich eine schöne Meerwelle mit meinen Töchtern surfe.

sueddeutsche.de: Gab es auch weniger schöne Momente im Eisbach?

Deventer: Meine Tochter Toni hatte einmal einen Unfall beim Surfen. Im Fluss besteht die Gefahr, dass man zum Beispiel mit einem Teil von seinem Anzug hängenbleibt. Toni ist das passiert, sie ist mit ihrem Schuh an einem Nagel hängen geblieben und hing dann wie leblos unter der Welle. Ich habe erst gar nicht verstanden, was da los war. Das Schlimmste war, dass ich wusste: Wenn ich sie jetzt nicht rausreiße, dann ist es zu spät. Zum Glück konnte ich sie retten.

sueddeutsche.de: Aber dieser Unfall hat Sie beide nicht davon abgehalten, wieder zu surfen?

Deventer: Wir waren natürlich zunächst paralysiert. Aber jeder Sport hat seine Risiken. Seit diesem Unfall surfen wir nicht mehr mit Schuhen, die Laschen haben.

sueddeutsche.de: Surfen Sie lieber im Meer oder im Eisbach?

Deventer: Als Surfer hat man den Traum einer richtigen Meerwelle immer vor Augen. Die Flusswelle macht sehr viel Spaß, ist aber kein wirklicher Ersatz.

sueddeutsche.de: Könnten Sie sich München ohne die Welle vorstellen?

Deventer: Die Welle ist für mich neben den Bergen ein Grund, wieso ich nie aus München weg wollte. Es ist für mich sehr traurig, dass die zwölf Wellen in der offenen Isar nicht mehr da sind. Das ist wie wenn ein Skihang vor deiner Tür plötzlich weggesprengt wird. Das Tolle an der Eisbachwelle ist, dass sie Sommer wie Winter läuft. Ich bin auch schon im Winter mit meinem Sieben-Millimeter-Anzug und einem Eispickel hingefahren.

sueddeutsche.de: Wie sehen Sie die Zukunft der Welle?

Deventer: Es werden immer mehr Leute kommen und man kann nur hoffen, dass die Stadt neue Wellen für uns Surfer baut. Der Architekt, der die Renaturierung gestaltet hat, wollte als Ersatz für die zwölf alten Wellen eine richtig schöne Welle für Surfer bauen. Aber dieser Plan ist leider an Parkplatz- und Haftungsfragen gescheitert. Dass die Stadt München den Eisbach jetzt gekauft hat und das Surfen dort somit legal ist, ist ein Riesenschritt für uns.