Marga Beckstein hat sich geweigert, eines zu tragen. Viele Frauen wollen unbedingt eines anziehen: Ein Dirndl. Wir waren der Wiesn-Kleiderordnung auf der Spur.
Es gibt im modernen Bayern zwar keinen Tapferkeitsorden mehr, weil militärische Auszeichnungen in unserer Gesellschaft wenig Akzeptanz haben, aber wenn es einen gäbe, hätte ihn Marga Beckstein verdient. Was hat diese Frau aushalten müssen! Schon seit Tagen war die Gattin des Ministerpräsidenten unter Frontalbeschuss, weil sie sich standhaft, ja eisern weigerte, ihre Pflicht als Landesmutter beim Oktoberfest-Anstich zu erfüllen.
Die Bedienungen tragen selbstverständlich Dirndl auf der Wiesn, mit großem Dekolleté - des Trinkgeldes wegen, versteht sich. (© Foto: dpa)
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Ein ungeschriebenes, aber von Brauchtumsrichtern peinlich genau überprüftes Gesetz sieht vor, dass sich erste Ehefrau im Freistaat aus diesem Anlass gewissermaßen in ein Festtagsdirndl verwandeln muss. In ein gut geschnürtes Dirndl, wie es Vorgängerin Karin Stoiber trug, die eine ganze Kollektion im Wolfratshauser Wandschrank hängen hat.
In ein Dirndl, wie es am Tag der Wiesneröffnung wieder alle anhaben, die zur Boxen-Gesellschaft zählen wollen, also auch Verona Pooth, Veronica Ferres, Frau Lauterbach und Frau Lehmann sowie die Spielerfrauen der Lederhosen-Truppe des FC Bayern und nicht zuletzt die grüne Bierzelt-Madonna Claudia Roth.
Überhaupt kann man sich als Frau ohne Schürze gar nicht mehr auf die Wiesn trauen. Figurbetont muss es sein, die ganze Weiblichkeit betonend, Beinfreiheit und Dekolleté -Betonung sind absolut erwünscht, das Ganze hübsch drapiert mit Schnüren und mit Spitzen überzogen. Der Dirndl-Fetischismus treibt seltsame Blüten, und manchmal hat man das Gefühl, nicht im Wiesnzelt, sondern in einer volkstümlichen Jodelparade von Florian Silbereisen gelandet zu sein.
Nun, Marga Beckstein hat es abgelehnt, sich in ein Korsett schnüren zu lassen. Obwohl das Gemurre in der Frauen-Union, in der oberbayerischen CSU und bei den Wiesnwirten beträchtlich war. Ironischerweise sprang ausgerechnet Oberbürgermeister Christian Ude, dessen Ehefrau Edith das Trachten-Gebot gewissenhaft befolgt, für den Ehrengast aus Franken in die Bresche: Es gebe keine Kleidervorschrift, "man darf auch zeigen, dass man nicht dazugehört". Das ist ein klassischer Ude, vordergründig nett, aber doch sehr gemein, und unsere Bewunderung für Marga Beckstein wächst noch mehr.
Als das Blitzlichttheater im Bierdunst begann, ließ sie sich nicht aus der Fassung bringen. Sie hatte eine schwer definierbare, im weitesten Sinne trachtenähnliche, eher längliche und wild geblümte Jacke mit Stehkragen an. Sie sah darin keinesfalls lächerlicher aus als in einer Zwangstrachtenjacke. Sie hat es im Dirndl-Gate-Skandal allen gezeigt. Und dieser Auftritt erforderte durchaus Mut und große Tapferkeit.
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(SZ vom 22.09.2008/wib)
Partyzone Flußufer
Die neueste Antwort
Wieso muss es eigentlich traditionell sein ??
In erster Linie muss es gut ausschauen !
Alles entwickelt sich weiter.
Eine häßliche, traditionelle Tracht wäre masochistisch.
An Ihrem Beitrag erkennt man vor allem eines: man kann Jahrzehnte in München leben ohne mit echter bayrischer Kultur in Kontakt zu kommen. Aber es ist halt wie überall: wenn einen etwas interessiert muss man schon "hingehen"; das echte Brauchtum kommt in München nicht auf einen zu wie das dagegen auf dem Land der Fall ist.
Die Tatsache, dass Sie keine Münchner Tracht kennen zeugt aber eher von einer Unkenntnis der Trachtentradition. In München gibt es sogar sehr viele Trachten, die sich nach sozialer Herkunft (bürgerliche Gewänder, Lohnarbeiter, Tagelöhner, etc.) und nach Zünften bzw. Berufsgruppen stark unterscheiden. Diese bestehen aber selten aus der klassichen Lederhosen/Dirndl-Kombination und sind selbst für Fachleute nur schwer zuzuordnen. Die heute als klassisch betrachtete Lederhosen/Dirndl-Kombination entstammt der sogenannten Miesbacher Gebirgtracht, manchmal auch der Werdenfelser oder Inntaler Gebirgstracht, die von vielen Leuten aufgenommen wurde.
Da Mode allerdings immer auch ein dynamischer Prozess ist, der auch von Geschmäckern und Sozialisierung der Träger abhängt, ist es doch auch zu begrüssen, wenn diese Dynamik weitergeht (ich meine damit echte Trachten und nicht Landhausmode).
Mir persönlich gefallen die echt traditionellen Dirndl z.B. tausendmal besser als irgendwelche adaptierten Wiesnvarianten. Um die schönen Dirndl zu sehen kann man sich ja z.B. den Wiesn-Umzug anschauen.
Mich hamm's schon oft gfragt: Kommen Sie aus Österreich ? Alles blos wegen am Lodensakko. (und weil's mit'm Dialekt ned klar kemma) Damit kann man ja noch leben, aber mit einem Phantasy-G'wand a'la Angermaier würde man sicher gfragt werden ob man von einer Karnevalssitzung kommt.
... der Dirndl-Mode Höhepunkt ist erreicht!
Man bedenke: in den 80ern und den frühen 90ern war Dirndl und Tracht auf der Wiesn relativ wenig verbreitet, lediglich Trachtenvereine sowie ein paar Politiker traten in Tracht auf, sowie einige Trachtler vom Land.
Dass jetzt Lederhosn bzw. Dirndl quasi "Pflicht" sind, ist ein reines Modediktat ...
Und Moden ändern sich ....
In 10 Jahren spätestens ist das Dirndl wieder mega-out ....
Sehr gut, Frau Landesmutter!
Ich halte diese Bayerntümelei rund um die Wiesn ohnehin für höchst peinlich!
Ausgerechnet die lieben Münchner, welche ansonsten mit Bayern und dessen Kultur übehaupt nichts am Hut haben, mimen dann für gut vierzehn Tage den "echten Bayern"
Selbst höchst affektierte Münchner Tussen oder arrogant-vorlaute Gschaftlhuber bemühen sich dann zwischen dem gewohnt oberflächlich prolligen Privatsenderkauderwelsch um eine paar Brocken echtes Bairisch...
Aba zünftig samma, so gamiatliche laid-pchost, aba lustich samma!!
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