Vaterstetten Praktikum im Bällebad

Der "Boys- and Girls-Day" bietet Schülern die Möglichkeit, in typische Männer- und Frauenberufe reinzuschnuppern. Drei Jungs üben sich am Donnerstag im Vaterstettener Kinderland-Hort als Erzieher

Von Viviane Rückner und Antonia Gottwald, Vaterstetten

"Der Kaugummi muss raus,", kam gleich zu Beginn als Ansage vom Zweitklässler Lauren. Beim Rundgang durch den Hort rennen Grundschulkinder wild umher, dazwischen drei jugendliche Praktikanten. Zum diesjährigen Boys-Day am Donnerstag hatte auch der Kinderland-Schulhort Vaterstetten interessierte Schüler zu sich eingeladen, sich einen Tag lang über den Beruf eines Erzieherszu informieren. Jakob,13, Felix, 12, und Berkant, 14 haben die Chance ergriffen, diese als "Frauenberuf" geltende Tätigkeit näher anzusehen. "Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht in den Kindergarten will, sondern lieber in den Hort", erklärte Jakob. "Da sind die Kinder schon etwas klüger und nicht so anstrengend."

Aufmerksam wurden die Jungs auf den Boys-Day durch Plakate in der Schule. Auf einer dafür eingerichteten Suchfunktion auf der Website suchten sie sich dann ihr bevorzugtes Berufsfeld heraus und bewarben sich. Allerdings wird das Projekt nicht an allen Schulen unterstützt. Bei Berkant allerdings war es sogar ein verpflichtender Praktikumstag. Frauen in "Männerberufen" zu sehen wird inzwischen immer selbstverständlicher, doch Männer in "Frauenberufen" wie diesen sind dagegen noch selten, berichtete Hortleiterin Melanie Elsner. Auch in Vaterstetten sei die Frauenquote hoch, weshalb sie sich wünschen würde, dass gerade für die Jungs mehr Männer zum Fußballspielen oder Toben da wären. "Ich finde es super, dass Jungs auch mal die Möglichkeit haben, sich einen solchen Frauenberuf anzuschauen, das ist immerhin ein erster Schritt zum Wandel", erklärte sie weiter. Die drei Praktikanten sehen das Thema etwas entspannter, inzwischen wäre es ihrem Freundeskreis eigentlich kein Problem mehr, wenn einer einen Frauenberuf als Traumberuf hätte, "aber so etwas wie Erzieher wollen dann doch eher Mädchen werden".

Beim Boys' Day im Vaterstettener Schulhort können Buben den Beruf des Erziehers kennenlernen.Mehrere haben die Chance ergriffen und sich diese als "Frauenberuf" geltende Tätigkeit näher angesehensehen.

(Foto: Christian Endt)

Jakob nimmt bereits das zweite Jahr in Folge am Boys-Day teil, letztes Jahr unterstützte er eine Gymnastikgruppe und möchte auch nächstes Jahr wieder diese Gelegenheit nutzen, um weitere Berufsfelder kennenzulernen. "Zwei bis drei Tage wären natürlich besser, um auch einen richtigen Eindruck von der Arbeit zu bekommen", gab er zu bedenken.

Nachdem die Schulkinder am Mittag alle nach und nach in den Hort kamen, fing die Arbeit an: Lego spielen, im Bällebad toben, gemeinsam Mittagessen und den Eiffelturm aus Holzblöcken bauen. Die drei Jungs verstanden sich von Anfang an bestens mit den Kindern und diese schienen auch ziemlich begeistert davon, neue Spielpartner gefunden zu haben. Aufgeregt wurden den Praktikanten alle Spielräume - vom Abenteuerraum bis hin zum Bällebad - gezeigt und auch die Jugendlichen waren sichtlich begeistert von all den Möglichkeiten. Es wurden Burgen gebaut und Bälle-Schlachten veranstaltet. Als es dann schließlich doch Zeit für's Mittagessen war, wurden schon enge Freundschaften geknüpft: "Jungs, wir sehen uns dann beim Eiffelturm, den müssen wir neu aufbauen", kam die Ansage von einem Grundschulkind.

"Es macht schon Spaß, aber ich weiß noch nicht, ob das auch für später mein Berufswunsch wäre", erzählte Berkant. Jakob und Felix dagegen können sich vorstellen, später einen Beruf in dieser Richtung auszuüben, "aber wir haben ja noch Zeit", stellte Jakob gelassen fest. Vor diesem Schnuppertag konnte sich noch keiner der Jungs etwas unter den Aufgaben eines Erziehers vorstellen.

Um richtige Verantwortung für die Grundschüler zu übernehmen, sind die Jungs vielleicht auch noch zu jung und auch sie selbst sehen ihre Aufgabe eher darin, mit den Kindern zu spielen.

Die Teilnehmer

Am Boys-Day haben sich laut Anmeldung bei der Arbeitsagentur dieses Jahr die AWO-Kinderhäuser in Anzing, Baldham, Zorneding, Eglharting, und Steinhöring beteiligt. Auch von der Arbeiterwohlfahrt dabei war die Ganztagesklasse Baldham, das Offene Haus in Baldham und der Kinderhort in Eglharting. Jungs konnten sich in den Kinderland-Einrichtungen in Vaterstetten und Ebersberg ausprobieren, aber auch in DM-Drogeriemärkten in Kirchseeon und Baldham. Beim GirlsDay waren Mädchen im Landratsamt und bei der Josef Grabmeier GmbH in Ebersberg willkommen. Schülerinnen und Schüler konnten außerdem Berufe im Einrichtungsverbund Steinhöring ausprobieren. SZ

Die Hortkinder, Jungs sowie auch Mädchen, antworteten auf die Frage, ob sie sich mehr männliche Erzieher wünschen würden, dass es ihnen eigentlich egal sei.

"Wir haben öfter mal Praktikanten da", erklärte der kleine Tourguide Lauren sachlich. Das Leitungsteam des Schulhorts hat für den Boys-Day dieses Jahr allerdings das erste Mal geöffnet und drei Plätze angeboten. "Wir wollen auch nächstes Jahr wieder daran teilnehmen", kündigte Elsner an. Die Leitung bei diesem Projekt hatte die Öffentlichkeitsbeauftragte des Kinderlands, Simone Klein.

Die Ausbildung zum Erzieher liegt mit 19 Prozent Männeranteil auf Platz fünf der 30 populärsten Boys-Day‐Ausbildungsberufen. Unter den Top fünf befinden sich außerdem noch die Berufsfelder Altenpfleger, Augenoptiker, Bürokaufmann und Ergotherapeut. Seit 2011 bietet die Aktion, initiiert vom "Kompetenzzentrum" und "Neue Wege für Jungs", in diversen Berufen und Studiengängen mit einer Männerquote unter 40 Prozent einen Schnuppertag an. Es ist wohl noch ein weiter Weg, bis nicht mehr von "Frauen-" und "Männerberufen" gesprochen wird, aber zumindest ist es ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, Mädchen sowie auch Jungs die verschiedenen Berufe und Studiengänge näher zu bringen.