Ortsgeschichte Zorneding "Sepp hoaß i, Gruber schreib i mi, da Vordermoar bin i"

Der alte Zehetmairhof mit Blick auf Schule und Kirche.

(Foto: Heimatkundekreis Zorneding)

Alte Hofnamen aus dem Landkreis Ebersberg sind historisches Kulturgut. Was Namen wie "Kandler", "Neumair" oder "Schlagmüller" heute noch verraten können.

Von Viktoria Spinrad, Zorneding

"Sepp hoaß i, Gruber schreib i mi, da Vordermoar bin i." Das Zitat soll zeigen: Ein bedeutsames Stück der eigenen Identität war früher neben dem Vor- und Nachnamen der Name des Hofs, auf dem man lebte. Aber wie kamen solche Hofnamen zustande? Der Frage widmeten sich der Glonner Heimatforscher Hans Obermair und Hans-Joachim Lang vom Zornedinger Heimatkundekreis in einem Vortrag, der vor allem eine Botschaft transportierte: "Hofnamen sind uraltes und wichtiges Kulturgut", wie Obermair sagte, "sie verraten die Herkunft unserer Dörfer und Vorfahren".

Der Glonner, der für seine vielen Recherchen zur Heimatgeschichte eine Bundes-Verdienstmedaille erhalten hatte, erläuterte im Zornedinger Gasthaus Neuwirt, wieso Hofnamen lange so wichtig für die eigene Identität waren: Denn sie waren im Gegensatz zu Nachnamen beständig - eine Eigenschaft, die auch erst zur Geburtsstunde der verpflichtenden Haus- und Hofnamen führte. Denn die Menschen wurden immer mehr und damit immer unbestimmbarer. Unter gebanntem Lauschen der rund 50 Anwesenden, von denen der ein oder andere an dem Abend eine ganz neue Perspektive auf die eigenen Wurzeln oder die Bekannter bekommen haben dürfte, erläuterte Obermair: "Da brauchte die Verwaltung stabile Namen". Also gab es 1760 einen Beschluss von der Verwaltung, dass ab sofort jedes Anwesen einen eigenen Namen zu tragen hatte - und die kamen ganz unterschiedlich zustande.

Züchtigten die Schlagmüllers gerne ihre Frauen?

Zum Beispiel ganz pragmatisch nach der Eigenschaften des Hofherrn. So könnte ein Schlagmüller jemand gewesen sein, der dafür bekannt war, seine Frau zu züchtigen. "Heute denkt kein Mensch mehr an diesen Ursprung", führte Obermair unter Gewitzel der Zuhörer aus. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Eigenschaften in den Hofnamen übergehen konnten, ist der Name "Rumpl", der gleich drei mal in Glonn vorkommt und etwa auf einen eher destruktiven Charakter ("rumpieren", also vernichten) oder auch auf den Vornamen "Rupert" zurückzuführen sein könnte. Und in Pliening gab es den Kirschschneider, also den Schneider neben der Kirche. Das Wort "kirrn" war noch in seiner Jugend für überlautes Singen in der Kirche gebräuchlich, wie Obermair unter amüsiertem Gelächter der Zuhörer erläuterte.

Die Familie Zeichinger vor ihrem Hof am Schmiedweg, an dessen Stelle sich inzwischen Wohnungen und Büros befinden.

(Foto: Heimatkundekreis Zorneding)

Noch viel gängiger aber war es, für die Familien- und Hofbenennung nach der geografischen Ansiedlung im Ort zu gehen. Auf einer Karte des Glonner Ortsteils Frauenreuth im 19. Jahrhundert zeigt Obermair, dass er seinen Familiennamen auf einen nördlichen, eben den oberen Hof zurückverfolgen könnte. Südlich davon in der Niederung fanden sich dann die Niedermairs, dahinter die Hintermairs, daneben die wohl später Zugezogenen: die "Neumairs". Dasselbe Muster findet sich im Plieninger Ortsteil Landsham, wo man die Hof- und Familiennamen gleich an die oberbayrische Aussprache anpasste: Dort lebten und leben die "Obermoars", "Niedermoars" und "Neimoars" auf ihren gleichnamigen Höfen. Und so mancher Hof residierte auf einem Bichl, also einer Anhöhe, wie zum Beispiel der Bichlbauer-Hof, den es bis 2011 in der Wasserburger Landstraße in Zorneding gab.

Ein Kandler war womöglich Kerzenmacher

Beim Neuwirt, der früher Partschmied hieß, kehren die Zornedinger schon seit 1864 ein.

(Foto: Heimatkundekreis Zorneding)

Als die Orte wuchsen, Wälder gerodet, Feuchtwiesen und Sümpfe trockengelegt wurden, entwickelte sich aus einem "Haupthof" oft mehrere Höfe und damit Namen, die der Hofgröße entsprachen - so zum Beispiel geschehen im Egmatinger Ortsteil Münster. "Man könnte sagen, die Ortschaft hat sich aus einem Haus heraus entwickelt", sagt Obermair, das will heißen: Hier tummeln sich die Tobelhubers und Hubers, die eine Hofhälfte bewirtschafteten: eben einen Huben. Wiederum geteilte Höfe, also die Lehen gehörten oft den Lechners, die im Vergleich zu den Meiers ("Herren") entsprechend nur ein Viertel an Angaben zu zahlen hatten. Noch bescheidener lebten die Häuslers in ihrem Gütl, die zwar kein Ackerland, dafür aber einen Garten vorzuweisen hatten..

In einer Zeit, in der man von morgens bis abends malochte, prägte natürlich auch der Beruf den Hofnamen. Ein Kandler, "der war eventuell Kerzenmacher von Beruf", mutmaßt Obermair und verweist auf das englische Wort für Kerze: candle. Die Vorfahren eines Herter waren wohl die Dorfhirten, und da, wo es eben besonders viele Tätigkeiten gab, entstanden auch besonders viele Berufsnamen: So gibt es im Glonner Ortsteil Herrmannsdorf heute noch besonders viele Kistlers, Bauernschusters und Häusleschmieds - typische Berufsnamen eben, "weil in der Nähe ein Schloss war, in dem handwerklich viel gemacht wurde", wie Obermair erklärte. Manche Höfe erhielten kreative Hybridnamen, die heute längst vergessen sind: Ein "Daimerschuster" und ein "Hieslschneider" in Zorneding sind Beispiele dafür, wie man Namen und Beruf ganz pragmatisch verband und damit die Ursprünge der Häuser in ihrem Namen festhielt.

Der Biohof Lenz hieß früher ganz anders

Den vielleicht weitverbreitetsten Nachnamen in Zorneding verdankt der Ort möglicherweise der Pest, die sich im 14. Jahrhundert von Venedig ausbreitete und viele Menschen aus Tirol in den Norden trieb: Darunter die Glonners, die heute ihren gleichnamigen Hof im Süden der Gemeinde betreiben. Sie schauen auf eine mehr als 500-jährige Geschichte im Ort zurück, in der Hofname und Familienname identisch waren. "Das ist sehr selten zu finden", sagt Lang, erst mit dem aktuellen Eigentümer untersteht der Hof nicht mehr einem Glonner.

Bekannt ist in Zorneding auch der Biohof Lenz, er liegt gleich am Ortseingang und besteht schon lange - aber unter anderem Namen. Früher war der Hof nach Bewohnern benannt, deren Name wiederum von ihrem Ursprungsort stammte: Hunger beziehungsweise Hungerberger hieß der Hof früher, "er wurde wohl von einem Bauer aus dem Weiler Hungerberg bewirtschaftet", vermutet Lang. Seit zehn Jahren durchforstet er die Archive, setzt die Puzzlestücke zusammen. Wie Obermair sorgt er sich darum, dass die historischen Hofnamen zunehmend verdrängt werden.

Auch die Gaststätte Neuwirt, in der die eingesessenen Zornedinger am Abend immer wieder lachten oder sich wahlweise ganz klein machten, wenn ihre alten Familien- oder Hochzeitsbilder auf die Wand projiziert wurden hat ihre ganz eigene Geschichte. "Der Neuwirt hieß früher Partschmied", verriet Lang. Wo man seit 1864 gesellig zusammenkommt, flogen früher also wohl die Funken eines Schmieds, der Äxte oder Waffen wie Hellebarden herstellte: Szenen aus der Vergangenheit, die mit dem Ausgraben der alten Hofnamen plötzlich wieder ganz lebendig werden.