Markt Schwaben Trügerische Fassade

Zwei Psychologen, eine Bühne: Bärbel Wardetzki, 65, aus München und Wolf Büntig, 80, aus Penzberg, am Sonntag vor 120 Gästen in Markt Schwaben.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Zwei Psychologen sprechen am Gymnasium über Ursprünge, Symptome und Lösungsansätze beim Thema Narzissmus

Von Viktoria Spinrad, Markt Schwaben

Am Ende bleiben zwei Frauen nachdenklich auf ihren Plätzen in der Aula des Markt Schwabener Franz-Marc-Gymnasiums sitzen. "Und sie zieht sich dann auch immer gleich zurück" schildert die eine ihre Erfahrung mit einer Bekannten, die andere nickt. Gerade noch hatten zwei Psychologen im Rahmen der Schwabener Sonntagsbegegnung eine Stunde lang über Auslöser und Lösungen aus einem bekannten und sehr menschlichen Phänomen gefachsimpelt: dem Narzissmus. Zusammen mit Kränkung und Liebe ist dieses Thema in der sehr ergänzenden Debatte zwischen den beiden fachlich ähnlichen Psychologen Bärbel Wardetzki, die eine psychotherapeutische Praxis in München führt, und Wolf Büntig, Leiter eines Therapiezentrums in Penzberg.

"Narzissmus ist, wo die Liebe fehlt, Kränkung ist da, wo das Selbstwertgefühl verletzt wird, und Liebe ist Zusammengehörigkeit", sagt Wardetzki im Hinblick auf die vermeintlich gegensätzlichen Gefühle, die aber "viel miteinander zu tun haben". 120 Gäste sind gekommen, lebendig gestikulierend skizziert sie Narzissmus als Reaktion auf zu wenig Selbstwert, wodurch sich Menschen als Gegenmaßnahme ein "besonderes Ich" aufbauen. Wenn so jemand gekränkt wird, sei das Ergebnis "eine Wut, die zerstören will", so Wardetzki. Wie entsteht Narzissmus? Ihr Kollege Büntig lehnt sich auf sein Stehpult und ergänzt, dass man mit der Selbstüberhöhung falsche Selbstbilder aus der Kindheit bediene, "egal ob nach oben oder nach unten", also auch, wenn sich jemand mit der eigenen vermeintlichen Schwäche identifiziert.

Wardetzki umreist Narzissmus als Produkt eines Elternhauses, in dem das Kind von den Erwartungen der Familie abweicht: "Dann wird es sich eine Fassade machen, mit der es durch die Welt geht". Eine Fassade, die beide als eine durchaus effektive Methode zum Überleben beschreiben. Das Dilemma: "Es ist auch ein Verrat an unserer Eigenart", so Wardetzki, die zahlreiche Bücher zum Thema verfasst hat. Den Drang zur Anpassung in der Gesellschaft kritisiert auch Büntig: Autonomie sei als "regellos" verpönt, dabei habe "jeder von uns den Auftrag, sein eigenes Lied zu singen." Auch führe die Kopplung des Selbstwertgefühls an die eigene Leistung häufig zum Burnout: "Man arbeitet sich im Dienste am Selbstbild zu Tode." Eine Verwechslung von Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung, die sich die freie Wirtschaft gerne zunutze mache, "ansonsten wird man abgeschrieben".

Die Rolle der dritten Themenkomponente, die Liebe, sprechen beide im Hinblick auf das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Beachtung an. "Wir brauchen Beachtung, um uns selber als beachtenswert zu erfahren", so Büntig. Wohl auch in Anspielung auf die Flüchtlingspolitik bemerkt Wardetzki: "Wir haben viele Menschen hier, die sich bei weitem nicht zugehörig fühlen." Das berge ein massives Kränkungspotenzial, woraus viel Wut entstehen könne - "auch bei Erwachsenen".

Auf die Fragen aus dem Publikum, wie man Narzissmus erkenne, antwortet Büntig prägnant: "Durch Leiden." Zum Beispiel, wenn man häufig von Partnern verlassen werde oder immer nur das Gefühl habe, es anderen recht machen zu wollen. Andersherum umschreibt Wardetzki mit Blick auf die Fragestellerin aus dem Publikum, wie man innere Stimmigkeit erkenne: "Durch ein Gefühl der Stille." Wer sich aus dem "Umweg" des Narzissmus befreien wolle, dem rät Büntig, sich selber "wahrhaftig" zu fühlen.

"Wir können auch mit Verleugnung und unterdrückten Gefühlen leben", betont er, nur lebe man dann im ewigen Spannungszustand, einem falschen Selbst. Daraus präsentiert Wardetzki eine überraschende These: "Kränkungen sind eine der besten Lehrerfahrungen". Denn dann ließen sich die eigenen wunden Punkte erkennen. Das Gefühl von Wahrhaftigkeit, das sich breit mache, wenn man sich aus dem Narzissmus herauswindet, also zu sich findet, umschreibt sie so: "Dann sitzt man zum Beispiel oben auf dem Berg und weiß: Jetzt stimmt's."