Konzertkritik Überraschend solo

Da Anna Schackow krankheitsbedingt absagt, verzaubert Fabian Wittkowski das Publikum allein.

(Foto: privat)

Ohne Partnerin zeigt Fabian Wittkowski auf der Gitarre, was "Liebe auf den ersten Ton" ausmacht

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

In der Ebersberger Praxis für Kultur spielen Krankheitsfälle normalerweise keine Rolle. Wenn es dann doch dazu kommt, ist aber auch kein Doktor da, der sich darum kümmert. Also musste sich Fabian Wittkowski am Freitagfrüh schon selbst etwas einfallen lassen, als sich seine Duo-Partnerin Anna Schackow bei ihm abmeldete. Das Konzert "Klet'z Tango" am Abend in Ebersberg konnte nicht wie geplant stattfinden.

Statt abzusagen, griff der junge Gitarrist aus Glonn zu seinen Gitarren, legte ein paar Extra-Übungsstunden ein, um sein Repertoire aufzufrischen und widmete den Auftritt um - in eine Hommage an die Gitarrenmusik aus verschiedenen Epochen. So war er nicht nur überraschend solo, sondern das Publikum bekam solo eine Überraschung serviert.

Nun ist es verständlich, dass ein 22-jähriger Musiker, mögen er und sein Instrument auch noch so innig verbunden sein, ein abendliches Solokonzert nicht einfach so aus dem Hut zaubert. Andererseits zählt einer, der schon ein paar Wettbewerbe an der Spitze beendet hat, auch in jungen Jahren zu jener Spezies Künstler, die sich nicht mit Beiläufigem zufriedengibt.

Dem begeisterten Schlussapplaus in der randvoll besetzten Praxis sei es vorweggenommen: Fabian Wittkowski hat seine Aufgabe mit Bravour gemeistert. Dazu hat nicht zuletzt die inspirierte, lebensnahe und lebensfrohe Moderation des in Berganger ausgebildeten Schauspielers und derzeitigen Schauspielstudenten beigetragen. Er ist ein guter Geschichtenerzähler, der aufmerksam die Stimmung seines Publikums aufnimmt und aus dem Monolog zwischen Bühne und Zuhörerraum einen Dialog im Geiste spinnt, der berührt.

Dasselbe gilt in noch größerem Maße für sein Spiel auf der Gitarre. In der ersten Hälfte war es eine Konzertgitarre aus der Werkstatt Voigt in Wasserburg. "Liebe auf den ersten Ton" habe ihn mit diesem Geschenk zur Konfirmation verbunden, erzählt er. Eine Liebe, die gleichermaßen auch ein Zuhörer empfinden mag, wenn darauf Villa-Lobos' "Präludium Nr. 1" erklingt; gedankentief und spielfreudig zugleich - ein vollkommener Genuss.

Das anschmiegsame Volumen in der Tiefe, die elegante Kontur in der Höhe: Wittkowski brachte die ganze Kraft und Schönheit spanischer Gitarrentradition so intensiv zum Klingen, wie es nur einer kann, der mit seinem Instrument innig verbunden ist. In diesem Augenblick war das kein Solo mehr.

Zuvor schon hatte er, Schelm und Genießer zugleich, an einem feinen Arrangement des Stücks "Nothing else matters" von Metallica demonstriert, wie sich Klassik und Moderne in Einklang bringen lassen, wenn Interpret und Instrument dafür taugen. Auch eine anmutig umgesetzte Sonata des Nicolo Paganini ließ einen spüren, dass es nicht nur berechtigt, sondern mitunter sogar Pflicht ist, die Gitarre aus ihrer begleitenden Funktion herauszunehmen und in die Rolle der Tonangeberin zu versetzen. In Werken wie den munter vorgetragenen "Danzas" von Mauro Giuliani ist dies eine Selbstverständlichkeit. Auch hier deutete sich an, was aus diesem jungen Musiker noch werden kann, wenn er sich und seinem Instrument treu bleibt: Gebannt lauschte das Publikum den Takten, in denen eine Hand spielte, aber zwei auf den Saiten zu tanzen schienen.

Mit einer Flamenco-Gitarre von Antonio Aparicio in der Hand und am Herzen bestätigte Fabian Wittkowksi dann in der zweiten Hälfte des Konzerts seine Könnerschaft. Eine Melonga aus Argentinien, "Höhenflug" und "Curry Landler" von Willy Astor sowie die mitreißende Improvisation eines Flamencos - der einzigen Nummer aus dem ursprünglichen Duo-Programm, die es in den Abend geschafft hatte - weckte er eine enorme Vorfreude auf künftige Konzerte und weitere Überraschungen. Ob als Solist, als Schauspieler oder in anderer Rolle.