Kochkultur Grafinger Schüler treffen sich mit Muslimen zum kochen

Ein Kochabend in der Grafinger Kostbar. Die Schüler bereiten zusammen mit Syrern und Tunesiern Msachan zu.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im P-Seminar des Grafinger Gymnasiums wird religionsübergreifend das Brot gebrochen - und mancher Stereotyp gleich mit.

Von Victor Sattler, Grafing

Rosa Schweinchen sind weithin als Glücksbringer bekannt. Aber die Partei, über die Schülerin Attitaya Bredenhöller sich empört, hatte auf ihren Plakaten mit einem quickfidelen rosa Ferkel und dazu dem Spruch "Der Islam passt nicht zu unserer Küche" gehetzt. "Wenn man statt näherzukommen auf Abstand geht, dann passiert so etwas Schreckliches wie die AfD", sagt Atittaya.

Essgewohnheiten als Konfliktherd anzuheizen, als emotionale Reizung für den Wähler auszuweiden - diesen Spieß wollten Schüler des Grafinger Gymnasiums umdrehen und stattdessen lieber auf kulinarischem Wege Brücken schlagen. Im Rahmen ihres P-Seminars "Muslimen und Musliminnen begegnen" luden sie Frauen und Männer syrischer und tunesischer Herkunft, die sie über Deutschkurse oder in der eigenen Nachbarschaft kennenlernten, zu einem Kochabend in der "Kostbar" ein. Die Zutaten beschafften die Schüler, die Rezepte brachten die Frauen aus ihren Geburtsländern mit.

Später wird gemeinsam gegessen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Das Zubereiten und Verzehren von Essen sind doch die verbindenden Dinge", findet auch Rektor Paul Schötz. Mit 17 Jahren sind sich Attitaya und die Mitorganisatorinnen Greta Ingerling und Sabrina Schlutmann ihres Privilegs und ihrer Pflicht bereits bewusst: Im jungen Alter fiele es ihnen leichter, tolerant auf jemanden zuzugehen und Barrieren zu durchbrechen, sagen die drei.

2015 und 2016 waren Geflüchtete direkt neben ihrem Gymnasium untergebracht, seitdem versucht die evangelische Religionslehrerin Katrin Wagenlast "positive Begegnungen zu schaffen" und hat in diesem Sinn mit ihrer katholischen Kollegin Amelie Spitznagel dieses ökumenisch angelegte P-Seminar gestartet. Tatsächlich gibt es Vieles, das verbindet. Schnell wird klar: Kochen ist in beiden Kulturen Frauensache. Die anwesenden Frauen verdrehen schelmisch die Augen.

Auch Makluba steht auf dem Speiseplan.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Du musst dem Mann hier eben sagen, was er machen soll"

Amany Alshraree, die an diesem Abend die Küche schmeißt, ist eine resolute Hobby-Köchin mit Prinzipien. Erst nach einigem Verhandeln lässt sie sich gemeine Zwiebeln als Ersatz für die versprochenen Frühlingszwiebeln, die doch eigentlich im Rezept standen, andrehen. Die einzige Bedingung, die unverhandelbar bleibt, haben die Schüler dafür vorbildlich eingehalten: Weil Alshraree und ihre Freundinnen alle Musliminnen sind, essen sie nur Fleisch, das halāl ist. Das bedeutet, dass das Tier betäubungslos geschächtet wurde und ganz ausbluten musste. Mit diesem Fleischkauf will Greta auch ein Zeichen setzen: dass jeder in Deutschland seine Kultur und seine Religion frei ausleben dürfe.

Die kleinen Töchter der Syrerinnen toben sich in ihren bauschigen Rosenkleidern mindestens eben so frei aus, sie wollen lieber malen und seilspringen als kochen. So nötigen sie ein paar Jungs aus dem P-Seminar zum Mitspielen, die ohnehin nur untätig rumstehen und also gut ein Seil festhalten können. Widerstand ist bei den frechen Mädchen zwecklos, die Schülerinnen ermutigen sie außerdem. "Das ist die richtige Erziehung für Mädchen in Deutschland! Du musst dem Mann hier eben sagen, was er machen soll", kommentiert Religionslehrerin Amelie Spitznagel das Geschehen und lacht. Vielleicht geschieht es aus Höflichkeit, dass die anderen Frauen so tun, als hätten sie den Seitenhieb nicht gehört.

Während seine Kumpels von den Töchtern auf Trab gehalten werden, hat sich der 17-jährige Quirin als Quotenmann in die Höhle der Löwinnen gewagt und wendet unter strikter Anleitung die Auberginen in der Pfanne. Er wird wie beim Gesellschaftstanz geführt - und er nimmt seine Aufgabe ernst. Auch Sabrina hat Respekt und kann erst von Khouloud Bechihi dazu getrieben werden, eine halbe Flasche Olivenöl über die Zwiebeln auszugießen. Mit dem Fett wird nicht gegeizt, bei allem anderen geht es aber präziser zu. Ständig wird abgeschmeckt, wieder korrigiert und nachgewürzt, die Löffel quer über die Kellen gekreuzt. Zwischendurch haben nur die Küchenchefinnen den Überblick, was denn eigentlich wie zusammenpasst.

Immerhin entstehen ganze drei Gerichte parallel: Das Hühnchen und die Zwiebeln werden zu Msachan gerollt, einer Art Mini-Wraps. Aus Schichten von Hackfleisch, Aubergine und Reis türmen sie eine herzhafte Maklube-Torte auf, von welcher der Zimt in die Luft stäubt, als sie umgestülpt wird. Der Linseneintopf Mjadara rundet das nahöstliche Buffet schließlich ab.

Die Gewürze wie etwa der säuerliche Essigbaum und der nussige Mahlab, die dabei zum Einsatz kommen, sind den Grafingern bisher zwar kein Begriff, das könnte sich aber bald ändern: Moofaq Talleb erzählt stolz, während er das fast fertige Hack kostet, dass seine älteste Tochter kürzlich bei der Stadt Grafing angefragt habe, um einen Laden für arabische Spezialitäten zu eröffnen. Wenn es dazu kommen sollte, können sich die Schüler vielleicht schon bis zu ihrer Abiturfeier Msachan in Massen rollen.