Ebersberg Netzwerk gegen das Vergessen

Über Herausforderungen angesichts steigender Demenzkranker sprechen Hans Gnahn, Maria Kotulek, Claudia Pfrang, Andreas Bohnert und Sabine Tschainer (v. l.).

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Bei der Auftaktveranstaltung zur Themenwoche "Demenz" im Landkreis sind sich Fachleute einig: Nur gemeinsam können Angehörige und Helfer Betroffene auffangen, denen die Erinnerung an ihr Leben entgleitet

Von Karin Kampwerth, Ebersberg

Eine regelmäßige monatliche Infoveranstaltung oder eine Beratungsstelle analog zur Fachambulanz für Suchterkrankungen, also eine Fachambulanz für Alzheimer, das sind Wünsche, die Gäste der Auftaktveranstaltung zum Thema Demenz am Dienstagabend im Ebersberger Landratsamt geäußert haben. Dazu eingeladen hatte das Katholische Kreisbildungswerk (KBW), das Caritas-Zentrum im Landkreis sowie das Ebersberger Landratsamt. Zunächst aber diskutierten Fachleute aus verschiedenen Perspektiven, wie man Betroffene und deren Angehörige in den einzelnen Phasen der Erkrankung professionell begleiten kann. KBW-Geschäftsführerin Claudia Pfrang zufolge gibt es derzeit 1,4 Millionen Menschen in Deutschland, die unter einer demenziellen Erkrankung leiden. Bis zum Jahr 2050 könnte sich diese Zahl verdoppeln.

Grund genug für die Kirche, sich mit einem seelsorgerischen Ansatz der Erkrankung zu nähern. Maria Kotulek, die bei der Erzdiözese München Fachreferentin für Demenz ist, verknüpfte die Bedürfnisse der Erkrankten mit den Aufgaben von Angehörigen und medizinischen Helfern zu einer Schnittmenge der Spiritualität. Darunter versteht die Theologin, die Bedürfnisse eines Menschen in allen Dimensionen wahrzunehmen und achtsam mit ihnen umzugehen. Das gehöre zur Grundkompetenz bei der Begleitung eines an Demenz Erkrankten, darin waren sich die Diskutanten einig. Doch dabei, so auch ein Ergebnis der Diskussion, ist noch viel Luft nach oben.

Wohl auch deshalb, weil es Dementen im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr möglich ist, sich mitzuteilen, also weder Angehörigen noch Ärzten oder Pflegern zu sagen, was ihnen fehlt. Hans Gnahn, Neurologe und Vorsitzender der Alzheimer-Gesellschaft im Landkreis, sieht darin die Verpflichtung, sich stärker der medizinischen Versorgung von Patienten mit fortgeschrittener Demenz zu widmen. Studien zufolge erhielten diese nur die Hälfte an Schmerzmitteln, die anderen Kranken verabreicht würden. Stattdessen therapierten Ärzte die Kranken immer noch häufig mit Psychopharmaka, wenn sich ihr Verhalten ändere. Verstärkte Unruhe etwa würde selten auf Schmerzen zurückgeführt, sondern als Symptom der Demenz gewertet. "Wir kümmern uns viel zu wenig um diese Menschen", sagte Gnahn. In Pflegeheimen gebe es so gut wie keine Palliativversorgung. Ein menschliches wie medizinisches Problem, dem sich die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) im Landkreis widmen könnte. "Wir müssen das Hospiz zu den Menschen nach Hause bringen", zitierte Gnahn SAPV-Leiterin Katja Goudinoudis. Das Zuhause, das sei für viele Demenzkranke das Pflegeheim - das im übrigen, darin waren sich alle Diskutanten einig, für Betroffene nicht immer die schlechteste Lösung sei.

Caritas-Geschäftsführer Andreas Bohnert sieht im Einsatzfeld des SAPV-Teams einen von vielen Ansätzen, um sich für die Vernetzung der stationären und ambulanten Dienste zu engagieren. Dies sei eine der Aufgaben, die sich der Landkreis auch politisch mit der Teilnahme an der Gesundheitsregion Plus gesetzt habe.

Doch nicht nur das Endstadium der Erkrankung berge eine große Last, auch alle anderen Phasen fordere Patienten und Angehörige, sagte Sabine Tschainer, Gerontologin und Coach für Pflegeeinrichtungen und deren Personal. Zu Beginn einer Demenz merke die Familie davon nicht viel, "bis dann die Streitereien und die faulen Ausreden kommen". Tschainer appellierte an Angehörige, sich früh ein Entlastungsnetzwerk zu schaffen, "denn es ist illusorisch, das alleine zu schaffen". Aber auch Pflegeheime und Krankenhäuser müssten an ihrem Management und dem Umgang mit Demenzkranken arbeiten, forderte Tschainer und erhielt dafür Zuspruch. Hans Gnahn warnte allerdings davor, nur mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wer Verbesserungen wolle, müsse vielmehr bei sich selbst anfangen, "denn dann können wir im Landkreis Ebersberg hinsichtlich einer besseren Begleitung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu einer Avantgarde in Deutschland werden".