Ebersberg Knall und Rauch im Alten Speicher

Bälle gehören zu den bewährten Utensilien für Zaubertricks. An den Messeständen zeigen die Händler aber auch neue Techniken und chemische Gemische.

(Foto: Endt)

Während die einen bei der Zaubermeisterschaft ihr Können zeigen, informieren sich die anderen auf einer Fachmesse über die neuesten Trends

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Beinahe kann man den Eindruck bekommen, sich inmitten einer großen Familienfeier zu befinden: Man duzt sich, schüttelt sich zur Begrüßung länger die Hände, als es der Anstand verlangen würde. Manchmal umarmt man sich auch und fragt neugierig, wie es denn der Familie geht. Jeder scheint hier jeden zu kennen. Und doch sind es Fachbesucher und Aussteller einer Händlermesse, die sich hier begrüßen. Denn am Rande der Vorentscheide für die Deutsche Meisterschaft der Zauberkunst und eines Kongresses mit Seminaren und Shows für Zauberkünstler findet im Alten Speicher zeitgleich auch eine Fachmesse für Magie statt.

Einer der ausstellenden Händler ist Harold Voit. Seit 35 Jahren betreibt er in München die Zauberzentrale. Vor etwas mehr als 30 Jahren eröffnete er zusätzlich die Zauberakademie in München, in der die angehenden Magier von etablierten Profis das richtige Handwerk der Zauberkunst erlernen können. Als einziger verkauft Voit auch Fachliteratur. Auf seinem Ausstellertisch reihen sich überwiegend englischsprachige Titel nebeneinander.

Die Sprache der Literatur fällt auf, ist doch schließlich Deutschland weltweit als eine der professionellsten und seriösesten Zauberkunstnation anerkannt. Weshalb dann also nur so wenig deutschsprachige Literatur? Für Harold Voit ist das eine Mentalitätssache: In den USA verfalle das Publikum sofort in freudiges Kreischen, wenn ihnen etwas tolles dargeboten wird. "Bei uns guckt man immer erst einmal zum Nachbarn, um zu sehen, was der so macht, bevor man selbst zu klatschen beginnt." Ihn überrascht es daher gar nicht, dass auch im fachlichen Publikationsbereich die amerikanischen Zauberkünstler die extrovertierteren sind.

Bei Ralph Uhligs Stand hingegen sieht es ein bisschen aus wie in einem Vorratsschrank für den Chemieunterricht. "Ohne Spezialtechnik und -effekte kommt heute kaum noch eine Show aus", sagt er. Um diese Branchenbewegung abzudecken, hat er vor fast 35 Jahren in der Schweiz seine Firma Kaktus FX gegründet. Seine Produkte aus chemischen Gemischen sorgen dafür, dass es bei den Zaubershows ordentlich knallt, raucht, riecht und brennt - in kontrollierter Weise natürlich. Wenn man eine Münze mit einer kleinen Rauchwolke oder einem Knall verschwinden lässt, dann sei die Sensation beim Zuschauer gleich viel größer, sagt er. "Frei nach dem Motto: Die Sachen sind zwar für den Zaubertrick nicht notwendig, aber verstärken eben die Emotionen."

Bei Christian Holzner und seinem Zaubershop Frenchdrop aus Fürstenfeldbruck gibt es alles für Close-Up- und Partyzauberei. "Frenchdrop ist übrigens einer der ersten Zaubertricks, die man als Zauberer lernt", erklärt Holzner: Eine Münze oder ein Ball verschwindet in der einen Faust und taucht in der anderen wieder auf. Genau solche Kunststücke, ebenso wie Kartentricks, seien vor allem bei den jugendlichen Magiern stark in Mode. "Die wollen keine aufwendige Show vorbereiten, sondern schnell und spontan ihre Tricks vorführen können", sagt Holzner.

Der Close-Up-Zauberer Hakan Varol betreibt seinen Handel in Paderborn seit 14 Jahren; fast doppelt so lange ist er schon Zauberkünstler. "Ich zaubere am liebsten so, dass es in den Händen der Zuschauer passiert", sagt er und schon lässt er einen von ihnen drei Medaillen mit einem Loch in der Mitte auf einen roten Faden auffädeln. Mit einem Ruck sind die Medaillen wieder frei und liegen in der Hand, dann sind sie mit einer kurzen Bewegung von Varol verschwunden. Daraufhin wird die Hand aufgehalten, eine der Medaillen fällt von oben herab. Ein Schreck. Und plötzlich holt Varol sogar noch zwei gekochte Eier aus seinem Schuh - bevor er ganz unauffällig eine aufgezogene Spielmaus in Hand zaubert.

Wo sollte man da nur als erstes hinblicken? Keine Frage: Varol versteht sein Kunstwerk, eine direkte Verbindung zum Zuschauer ist ihm wichtig. Deshalb hat er vor einiger Zeit auch zusammen mit einem Kollegen die "Fühlbox" erfunden: ein weißer Kasten, in den ein Zuschauer hineingreift und dabei etwas völlig anderes fühlt, als wenig später herausgenommen wird.

Varols Standnachbar ist Cédric Hornecker. Er stammt aus einer traditionellen "Zaubererfamilie", wie man sie sich besser nicht ausdenken könnte: Sein Vater war 60 Jahre lang Zauberkünstler, sein Bruder ist es seit 35 Jahren und er selbst "zaubert" seit 25 Jahren. Zwei Filialen betreibt Hornecker in Frankreich. In seiner Heimat sei man ein wenig kreativer als in Deutschland, "dafür sind die Zauberkünstler hier aber professioneller", lautet seine Einschätzung zu einem Vergleich der beiden Länder. Generell sei die Zauberkunst mit den Jahren aber immer internationaler geworden. Die Woche zuvor hat er seinen Stand bei einer Messer in Italien aufgebaut und Ende des Monats ist er schon wieder in Deutschland zu Besuch.

So kam auch Mr. Jupiter für die Händlermesse in Ebersberg zusammen mit seiner Frau aus Budapest angereist. In Ungarn gebe es bei weitem nicht so viele Zauberkünstler wie in Deutschland, erzählt Mr. Jupiters Alter Ego Molnár Gergely. Nur etwa 200 bis 250. Und da seien Profis und Amateure schon zusammengenommen. Er selbst ist seit 44 Jahren "Zauberer". Den Handel von Utensilien für Zaubertricks betreibt er nebenbei. Heute sei die Stand-Up-Magie auf dem Vormarsch, ist sich Gergely sicher, also Comedy in Verbindung mit Zauberkunst. "Die klassische Bühnenshow ist nicht mehr modern. Im Trend ist jetzt eher viel Blabla", sagt er und schafft es nicht zu verbergen, dass er dieser Zauberkunstsparte nur mit Widerwillen das Attribut "Kunst" zuschreiben kann. Während er all dies erzählt, hält er ein Kartenspiel in seiner linken Hand. Ein klassisches Requisit in der Zauberkunst. Ohne großes Aufsehen lässt er eine seiner Karten in der Luft verschwinden.