Ebersberg:Jeder hat seine Geschichte

Lesezeit: 2 min

Theaterpädagogisches Projekt im Alten Kino wird fortgesetzt

Jeden Dienstagnachmittag stapelt Max Weis die Stühle im Saal des Alten Kinos zu hohen Türmen und schiebt die Tische an die Wand. Wo sonst die Gäste mit einem Glas Wein sitzen und den Kabarettisten auf der Bühne lauschen, öffnet sich dann eine leere Fläche. Draußen ist es gerade dunkel geworden, da machen auf dieser freien Saalfläche ein gutes Dutzend Männer und zwei Frauen ihre Arme und Beine unter unsichtbaren Wasserstrahlen locker, so als würden sie sich waschen. Theaterpädagogin Friederike Wilhelmi leitet die Aufwärmübung an, während sie mit einem imaginären Schwamm über ihre Arme rubbelt. Die jungen Leute haben sichtlich Spaß an den Verrenkungen.

Seit Oktober vergangenen Jahres treffen sie sich im Rahmen eines theaterpädagogischen Projekts, das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterstützt wird, jeden Dienstag im Alten Kino. Einmal die Woche haben sie abwechselnd Improvisationstheater gespielt, gesungen, Hip-Hop getanzt, akrobatische Kunststücke eingeübt und gefilmt. Die jungen Männer sind zwischen 18 und 23 Jahre alt, stammen aus Mali, Eritrea, Libyen, Somalia, Afghanistan und Syrien und leben in Ebersberg, Grafing, Kirchseeon, Zorneding und Vaterstetten. Dazugesellt haben sich außerdem zwei junge deutsche Frauen. "Ich finde es bemerkenswert, wie sich innerhalb kürzester Zeit eine Gruppe mit einem festen Kern und Mitgliedern aus vielen verschiedenen Nationen gefunden hat", sagt Geschäftsführer Markus Bachmeier. Und Mitarbeiter Max Weis, der für das Projekt verantwortlich ist, fügt hinzu: "Es hat sich ein richtiger Teamgeist entwickelt."

Nach einer ersten Phase des Kennenlernens untereinander und von verschiedenen Ausdruckformen, geht es nun um die Konzeption der eigentlichen Theaterarbeit. Die Gruppe hat entschieden, dass Tanz und Theater ihr am meisten liegt, und mit einem Premierentermin im Mai auch ein festes Ziel vor Augen. In einer ersten Runde haben die Teilnehmer Situationen, Themen und Erfahrungen gesammelt, die sie gerne auf die Bühne bringen möchten. Da sind sie aufgesprungen beim Erzählen, jeder hat eine Geschichte beigetragen, alle haben einander aufmerksam zugehört. Und als Robel Radea berichtete, wie ihn eine Frau beschimpft habe, der er die verloren gegangene Fahrkarte nachgetragen hatte, da haben sie alle ähnliche Erlebnisse parat gehabt.

Am Ende unterschieden sie zwischen lustigen und ernsten Themen. Zur ersten Kategorie gehören Mülltrennung, Bürokratie, Sauberkeit, Kartoffeln, Bier, Brot und Pünktlichkeit. Zur zweiten Kategorie gehören vor allem die Themen Zukunft und Angst. Einer von ihnen etwa hat erst kürzlich seinen Abschiebebescheid erhalten, und bei diesem Thema breitet sich eine eigentümliche Stille im Saal aus. Es ist das Thema, das jeden einzelnen angeht. Auch eine Geschichte darüber würden sie gerne auf die Bühne bringen.

Die Gruppe trifft sich nach den Ferien wieder jeden Dienstag um 17.30 Uhr im Alten Kino. Neueinsteiger gleich welcher Herkunft sind willkommen.

© SZ vom 09.01.2017 / SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: