Ebersberg Gitarristische Wundertüte

Ausbruch aus Jazz-Konventionen (von links): Larry Coryell, Sven Faller und Paulo Morello im Alten Speicher.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Larry Coryell, Paulo Morello und Sven Faller präsentieren in Ebersberg eine Art musikalischer Biografie

Von Claus Lochbihler, Ebersberg

Man kann Jazzgitarre noch so gut spielen - und Larry Coryell und Paulo Morello tun dies: Aber wenn man sich nichts einfallen ließe an Arrangements, Repertoire, Besetzungen und Stimmungen, dann kann aus einem Trio-Konzert von zwei Jazzgitarristen und einem Bassisten ganz leicht ein hochvirtuoses Runternudeln von Standards werden, das nur Gitarren-Nerds wirklich interessiert.

Also muss man sich etwas einfallen lassen: Einen Spannungsbogen, eine gitarristisch-musikalische Wundertüte. Und so fängt das Konzert der beiden Gitarristen in Ebersbergs Altem Speicher gleich mal nicht als Gitarren-, sondern als Kontrabasskonzert an: "My Romance" lässt den Trio-Auftritt zart und lyrisch als ein Solo- und Melodie-Feature für Sven Faller, den Mann am Kontrabass, beginnen, der die Ballade - Rodgers & Hart-Songbook vom Feinsten - tieftönend zum Singen bringt.

Dann übernimmt Coryell, dieser weißhaarige Grand Old Man des Jazz, der sich auf dem Höhepunkt seiner Soli immer lustvoll nach hinten lehnt und mit geschlossenen Augen leise in den Gitarristenhimmel stöhnt: Mit aufblitzenden Oktavläufen à la Wes Montgomery, die so etwas wie den Scatgesang der Jazzgitarristen darstellen.

Wie ein Schwarm aggressiver Bienen klingt "Jailbreak"

Auf die melodieselige Romanze mit dem Jazzstandard folgt Larry Coryells "Jailbreak". Und der Kontrast könnte nicht größer sein: Abgehackt, abstrakt bluesig, rhythmisch vertrackt und doch immer wieder rockig kommt dieser "Gefängnisausbruch" daher. Die Nummer mit ihren typischen Larry Coryell-Läufen, die zweistimmig so klingen, als ob er einem Schwarm aggressiver Bienen beigebracht hätte, in Be-Bop-Formation ganz, ganz symmetrisch zu summen, steht für Fusion und Jazz-Rock à la Coryell: Einen Ausbruch aus dem Gefängnis der Konventionen des Mainstream-Jazz, eine Suche nach dem Jazz jenseits der Jazz-Standards, irgendwo zwischen Rock-Ekstase und harmonischer Jazz-Raffinesse.

Und weil man so etwas Verrücktes wie "Jailbreak" einen ganzen Abend gar nicht hören könnte - außer man lebte in den Siebzigern und würde fleißig Drogen konsumieren - geht es harmonisch und brasilianisch weiter: "Noites Cariocas", ein fetzig charmanter Chorino von Jacob do Bandolim, umschmeichelt das Ohr, so wie "Jailbreak" es zuvor herausgefordert hat. Paulo Morello gibt auf der Gibson L5-Gitarre seine beste Mandolinen-Imitation und stellt die harmonische Ordnung wieder her, die bei "Jailbreak" ins Purzeln geraten ist.

Auf den Chorinho folgen ein Gipsy-Walzer von Morello und vor der Pause die beiden Höhepunkte des ersten Sets: Eine Soloversion von "Like Someone in Love", ein romantischer Drahtseilakt des jazzigen Solospiels, bei dem Morello alle Register seines Könnens zieht. Und zum Abschluss nochmals eine Kostprobe Coryellscher Fusion-Komposition: "Spaces Revisited", eine Rakete von einem modalen Fusion-Funk, der einen bluesig in die Pause katapultiert.

Das zweite Set ist ähnlich aufgebaut wie das erste: Aus musikalischen Wegstationen Larry Coryells, der in seinem Gitarristenleben mit Jimi Hendrix genauso jammte wie mit Stéphane Grappelli, dem Partner Django Reinhardts auf der Violine, leitet sich das Repertoire ab, so vielfältig wie der Werdegang Coryells und seiner jüngeren Kollegen. Und so ergibt das Ganze eine Art musikalischer Biografie Coryells, elektro-akustischer und mainstreamiger als im wahren Leben, aber nicht weniger spannend.

Auf Reinhardts "Nuages" als Gitarrenduo folgt Horace Silvers "Cookin' At The Continental", das man von den beiden - wie so manch andere Nummer - auch schon als Teil ihres Gitarrenquartetts "Night of Jazz Guitars" zu hören bekam. Das große Finale im Alten Speicher bestreitet Coryell mit seinem Evergreen: Seiner auch diesmal mit dem größten Applaus bedachten Solo-Gitarren-Version von Ravels Boléro. Am Ende gibt es noch "Spain" von Chick Corea, Zugaben und ganz viele zufriedene Gesichter. Nicht nur bei Gitarren-Nerds.