Abschluss der Demenzwoche Ein Ausflug, der Erinnerungen weckt

Auch der Kuhstall bietet vielfältige Eindrücke und regt in der Gruppe zu Gesprächen an. So manchem Besucher fällt es schwer, sich von den Tieren zu trennen.

(Foto: Christian Endt)

Eine Gruppe von Demenzerkrankten erlebt bei einem Nachmittag auf dem Glonner Bauernhof Reisenthal mit allen Sinnen die Landwirtschaft

Von Daniela Gorgs, Glonn

Die Frau mit den weißen Haaren ist 88 Jahre alt. Mehrere Schlaganfälle hat sie erlitten, die Ärzte hatten sie aufgegeben. Ihr Sohn erzählt, sie sei schon im Sterbezimmer gelegen. Jetzt stehen die beiden auf dem Reisenthaler Hof in Glonn und sehen den Hühnern beim Körnerpicken zu. Es ist schwer zu sagen, wer in dem Moment glücklicher ist. Die Frau, die auf einen Rollator gestützt die Tiere beobachtet. Oder der Sohn, der sich freut, dass seine Mutter einen schönen Nachmittag im idyllischen Kupferbachtal erlebt.

Die Mutter ist dement. Gehen und stehen fällt ihr sichtlich schwer. Sie setzt sich auf den Rollator, schließt die Augen und hält ihr Gesicht in die Sonne. Morgen, sagt ihr Sohn, wird sie geschafft sein und jammern. Allein die Anreise aus dem nördlichen Landkreis hinunter nach Frauenreuth sei schon anstrengend genug gewesen. Danach der Rundgang über den Hof, einmal quer durch den Kuhstall, an den Kälbern vorbei, zu den Shetlandponys und dem Esel. Lange hat sie die Ponys gestreichelt und mit ihnen geredet. Hat erzählt, von der Zeit, die sie als Kind auf dem Bauernhof der Großeltern verbrachte. Und sich erinnert, wie sie damals für die Ziegen sorgte.

Der Nachmittag im Kupferbachtal ist eine von vielen Aktion in der Demenzwoche. Die Zeit auf dem Erlebnisbauernhof, so schrieb das Kreisbildungswerk in seiner Ankündigung, sei gedacht als Erlebnis für alle Sinne, ein ortsnahes Angebot für demenziell erkrankte Menschen und ihre Angehörigen oder Begleitpersonen. "Man möchte es den Menschen ermöglichen, Bezüge zu früher herzustellen", sagt Christine Deyle. Die Sozialpädagogin von der Caritas Markt Schwaben hat die Aktion mitorganisiert. Viele ältere Menschen auf dem Land seien mit Bauernhöfen groß geworden, den Tieren und der Arbeit im Garten. Sie fühlten sich bei den Beschäftigungen auf dem Hof direkt beteiligt und im Umgang mit den Tieren sehr wohl.

Nun, nicht alle. Die Erlebnisbäuerin Julia Esterl, die am Montag ein Dutzend Menschen über ihren Hof führt, fragt zu Beginn, ob alle die Landwirtschaft kennen. Alle, bis auf einen, nicken. Ein älterer Mann schüttelt den Kopf. Er kommt aus München und wirkt ein wenig skeptisch. Doch die Bäuerin lässt sich nicht entmutigen und erzählt von ihrem Alltag, als sie die Gruppe über den Hof führt.

Es ist ein sehr lustiger Rundgang. Plötzlich fangen die Senioren zu erzählen an. Immer wieder bleiben sie stehen, entdecken alte Gerätschaften. Julia Esterl zeigt auf eine alte Dreschmaschine, die zur Dekoration unter einem Balken vor dem Heuschober hängt. "Bestimmt weiß einer von euch, wie das Ding funktioniert hat", sagt sie. "Ich weiß es nämlich nicht." Josef Soyer weiß es. Er und seine Frau Maria-Luise nehmen als Begleitpersonen an dem Rundgang teil. Sie kümmern sich um zwei Senioren. Maria-Luise Soyer engagiert sich ehrenamtlich als Demenzkrankenbetreuerin. Das Ehepaar aus Neuhausen hatte auch einen Bauernhof. Jetzt führt ihn der Sohn - und die Eltern haben Zeit, sich für andere zu engagieren. Maria-Luise Soyer sagt: "Ich möchte etwas Gutes tun." Und das macht sie zusammen mit ihrem Mann auf sehr warmherzige, offene Art. Sie hilft einem älteren Mann, er ist 92 und benötigt einen Stock, auf dem holprigen Weg durch den Bauernhof. Und schaut, dass später im Hofcafé alle einen Platz finden. Kaffee gibt es und Feuerwehrkuchen. Fruchtiger Kirschkuchen mit Sahne und Schokostreuseln. Danach selbstgemachte Limonade.

Der 88-jährigen Frau aus dem nördlichen Landkreis gefällt es sichtlich gut. Sie sitzt mit der Bäuerin am Tisch, in ein Gespräch vertieft. Und ihr Sohn freut sich, dass sie in diesem Moment ihre innere Ruhe gefunden hat.