Dokumentarfilm über Neonazis Undercover mit Glatze

Rechte Rockmusik, Hitlergruß und verbotene Texte: Auf Konzerten rekrutieren Neonazis ihren Nachwuchs - weitgehend ungestört von der Polizei. Thomas Kuban hat in der Szene recherchiert, herausgekommen ist der erschreckende Dokufilm "Blut muss fließen".

Von Thomas Schuler

Es ist jetzt fast sechs Jahre her, dass Thomas Kuban ein senfgelbes Sakko aus dem Schrank holte, eine blonde Perücke, die an Heino erinnert, aufsetzte und eine dunkle Sonnenbrille. So ging der Journalist, begleitet von einem Filmteam, im März 2007 zu einer Pressekonferenz ins bayerische Innenministerium und saß Günther Beckstein gegenüber. Der damalige Minister Beckstein sprach über die Gefahren des Rechtsterrorismus und wie konsequent Bayern dagegen vorgehe. Kuban schien nur auf dieses Stichwort gewartet zu haben. Er widersprach und berichtete aus seiner Erfahrung: Er filme seit Jahren verdeckt auf Konzerten von Neonazis; entgegen der Behauptung von Beckstein gingen Ermittler keinesfalls hart gegen Neonazis vor, wenn sie die Hand zum Hitlergruß heben und verbotene Texte singen.

Dabei zitierte er die Neonazis, die "Juden den Bauch aufschlitzen" wollen und die Rückkehr Adolf Hitlers erwarten. Beckstein antwortete, wenn die Staatsanwaltschaft nicht dagegen vorgehe, dann liege das eben daran, dass man die Straftaten unterschiedlich bewerte. Als Kuban nachhaken wollte, bügelte ihn Becksteins Sprecher ab. Themenwechsel.

Die Aufnahmen in München 2007 waren der Beginn seines Dokumentarfilmes "Blut muss fließen" über seine verdeckten Recherchen unter Neonazis. Die Geschichte erzählt er auch in einem Buch mit dem gleichen Titel. Der Verlag Campus hat das Vorwort als Leseprobe online gestellt. Film und Buch sind vor einem Jahr erschienen, beides eine Anklage wegen des mangelnden Interesses von Medien und Öffentlichkeit an seiner Arbeit.

Undercover mit Glatze

Thomas Kuban ist ein Pseudonym. Der etwa 40-jährige Journalist hatte vor 15 Jahren von einem Kollegen erfahren, dass Neonazis sich bei rechter Rockmusik treffen, die Hand zum Hitlergruß heben, verbotene Lieder singen und so Nachwuchs rekrutieren. Kuban ließ sich eine Glatze rasieren, tauchte in die Szene ein und filmte mit versteckter Kamera bei Konzerten. 2003 liefen seine ersten Bilder bei "Spiegel-TV". Neonazis reagierten geschockt über den Eindringling. Kuban machte weiter.

Zeitweise hat Kuban 40 Identitäten zugleich gepflegt, um an Infos zu kommen. Davon erzählt er im Film. In rund 50 Konzerten im In- und Ausland hat er heimlich gefilmt. Davon leben konnte er jedoch nicht. Er blieb auf mehr als 150.000 Euro Kosten sitzen. 2006 war er bankrott. Monatelang überlegte er: aufhören oder weitermachen?

Der Freiburger Dokumentarfilmer Peter Ohlendorf überredete ihn zu einem Dokumentarfilm. Der Film zeigt, dass Polizisten Neonazis die Hand geben, statt Straftaten zu verfolgen und Konzerte aufzulösen. Polizisten fehle die Kenntnis verbotener Lieder, heißt es in einer Stellungnahme des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann.

Der Film erlebte seine Premiere 2012 auf der Berlinale. Es war die bislang einzige Vorführung, bei der Kuban sich öffentlich zeigte, weil ihm das Festival Leibwächter zur Seite stellte. Kuban und Ohlendorf glaubten, dass sie dank des Festivals den Durchbruch geschafft hätten. Doch ein Jahr später gibt es immer noch keinen Sendetermin für die Ausstrahlung im TV. Eine Sprecherin des Bayerischen Rundfunks verweist auf Verhandlungen des NDR, "um gemeinsam mit dem BR und anderen ARD-Sendern Rechte an dem Film zu erwerben". Die Verhandlungen sind kompliziert, weil Ohlendorf "eine Alibiausstrahlung nach Mitternacht" verhindern will.

Wut über die unglaublichen Texte der Nazilieder

Ohlendorf häufte 200.000 Euro Schulden an. Er tourt seit Monaten mit einer Kopie durchs Land und hat den Film rund 150-mal präsentiert, mal vor 20, mal vor 200 Leuten. In München lief der Film 2012 auf dem Dokfest. Im Oktober präsentierte Ohlendorf seinen Film im vollbesetzten Gabriel Kino am Karlsplatz.

Nach der Vorstellung stellte sich Marian Offman, der Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde und Stadtrat der CSU, spontan vor die 400 Zuschauer und sprach darüber, wie betroffen ihn diese Bilder machten. "Ich war sehr bedrückt und wütend über die unglaublichen Texte der Nazilieder", erinnert er sich. Er äußerte "großen Respekt" darüber, dass jemand unter Gefahren für Leib und Leben filmte.

Am Montag zeigt Regisseur Ohlendorf seinen Film um 19 Uhr im Monopol-Kino und am Mittwoch, 20 Uhr in Gröbenzell, Gröbenlichtspiele. Am Mittwoch um 18 Uhr wird er einen 20-minütigen Ausschnitt an die Feldherrnhalle projizieren - 80 Jahre nach der Machtergreifung der Nazis.