Denkmäler in München Die rekonstruierte Stadt

Soll vor Touristen geschützt werden: ein Löwe an der Münchner Residenz.

(Foto: sde)

Sie haben den Dreißigjährigen Krieg überlebt, den Brand von 1674 und den Zweiten Weltkrieg. Doch nun müssen die Löwen vor der Residenz geschützt werden, vor der Witterung und vor dem Massentourismus. An ihre Stelle treten Kopien - und die sind nicht die einzigen in München.

Von Jakob Wetzel

Die Löwen sind weg, ihre Sockel stehen leer, zum Schrecken aller abergläubischen Münchner. Es soll Glück bringen, mit der Hand über die kleinen Schnauzen am unteren Ende der Wappenschilde zu reiben. Doch zwei der vier Löwenstatuen vor der Residenz sind verschwunden, sie werden gesäubert und restauriert. Zwei Löwen sind übrig, wer sein Glück sucht, dessen Chancen sind also vorerst halbiert. Doch in rund sechs Monaten kommen auch sie in die Werkstatt, danach landen sie im Museum, unerreichbar für alle Abergläubischen und deren Finger. In der Residenzstraße werden an ihrer Stelle Abgüsse stehen.

Kopien anstelle der Originale: Damit gleichen sich die Löwen dem Stadtbild an. Denn München ist eine rekonstruierte Stadt, große Teile der Innenstadt sind Replikate, wenn auch unfreiwillig. Die Frauenkirche, das Alte Rathaus, das Nationaltheater, selbst der Alte Südfriedhof: Viele alt wirkende Gebäude und Anlagen sind mal mehr, mal weniger exakte Rekonstruktionen dessen, was Bomben im Zweiten Weltkrieg zerstört haben.

Auch die Residenz ist eine Kopie ihrer selbst, ein leicht modifizierter Nachbau des im Krieg ausgebrannten Stadtpalastes der Wittelsbacher. Die Residenzlöwen dagegen sind Originale aus den 1590er-Jahren. Seit 1616 standen sie an Ort und Stelle, sie haben den Dreißigjährigen Krieg überdauert, den verheerenden Residenzbrand 1674, die Besetzung durch die österreichische Armee 1705 und auch den Zweiten Weltkrieg. Doch nun werden sie ersetzt, München erhält neue Kopien auf Kosten des Authentischen, diesmal aus freien Stücken.

Für die Stadt ist das bedauerlich, doch die Schlösserverwaltung hat gute Gründe. Denn die Löwen sind zwei Herausforderungen nicht gewachsen: der Witterung und dem modernen Massentourismus. Die Löwenschnauzen glänzen golden - abgegriffen und angegriffen von zahllosen Händen. Deren Streicheln erweist sich schädlicher als Kriege und Feuerkatastrophen.

Es ist nur konsequent, die Figuren in die Sicherheit eines Museums zu bringen, um sie vor der täglichen Abreibung zu bewahren - Aberglaube hin oder her. Die Residenzstraße ist ohnehin kein ungefährlicher Standort. Zuletzt touchierte vor drei Jahren ein Lastwagen eine der Statuen.