Zeitzeugenbericht Unmenschliche Strapazen und zwei spektakuläre Fluchten

Volodymyr Iwanowitsch Dshelali (Mitte) beeindruckt etwa 120 Dachauer und seine Tochter (re.) am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

(Foto: Toni Heigl)

Volodymyr Iwanowitsch Dshelali erzählt im Dachauer Rathaus, wie er ins KZ Dachau gekommen war und was er dort erdulden musste

Von Benjamin Emonts, Dachau

Volodymyr Iwanowitsch Dshelali grinst, wenn er daran zurückdenkt, wie er als Jugendlicher heimlich an den Autos der Deutschen geschraubt hat, um sie fahrunfähig zu machen. "Ich musste ziemlich schnell laufen, als sie mich mal erwischt haben", erzählt er. In seiner ukrainischen Heimatstadt Mariupol leistete er schon als Jugendlicher Widerstand gegen die Wehrmacht, die in das Land einmarschiert war. Gemeinsam mit Freunden unterstützte der einer griechischen Minderheit angehörige Junge Untergrundorganisationen, verteilte Flugblätter und wirkte bei der Vorbereitung von Sabotageakten mit. Im Sommer 1942, im Alter von 17 Jahren, wurde er von den Nazis verhaftet und später ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Aus dem Außenlager Mühldorf gelang ihm kurz vor Kriegsende die Flucht.

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar spricht der inzwischen 92-Jährige im Dachauer Rathaus zu mehr als 120 gebannt zuhörenden Gästen, unter denen sich auch seine Tochter Vera und Enkelsohn Vladimir sowie der Zeitzeuge Ernst Grube befinden. Der ehemalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog hat den Gedenktag 1996 eingeführt. In der Stadt Dachau, in der die Nazis ihr erstes Konzentrationslager errichteten, ist es seither Tradition, dass an diesem Tag ein Zeitzeuge über seine Erlebnisse spricht.

Viele gibt es von ihnen nicht mehr - das macht die Gespräche mit den Zeitzeugen umso wertvoller. Der Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) mahnt, wachsam zu sein, in einer Zeit, in der Antisemitismus und Antiislamismus in Deutschland an Boden gewinnen.

Volodymyr Iwanowitsch Dshelali erzählt fast eineinhalb Stunden seine so bewegende Geschichte. Nach seiner Festnahme hatten ihn die Nazis im April 1942 zunächst in ein Zwangsarbeiterlager nach Saarbrücken verschleppt, in dem es kaum etwas zu essen gab und katastrophale hygienische Zustände herrschten. Der damals 17-Jährige arbeitete in einem Eisenhüttenwerk. Mit einem älteren Mann wagte er die Flucht und war bereits nahe der französischen Grenze, wo er bei Partisanen Zuflucht suchen wollte. Sein Begleiter aber bestahl auf dem Weg einen Bauern, der den Vorfall sofort meldete. Als der Begleiter dann nachts auch noch ein Lagerfeuer im Wald entzündete, brachte dies die Nazis auf ihre Schliche. Dshelali wurde erneut festgenommen und nach einem Monat im Gefängnis am 24. Juli 1942 ins Konzentrationslager Dachau transportiert.

Dort lernte er Niko Zachariadis kennen, den langjährigen Generalsekretär der Kommunistischen Partei in Griechenland, der im April 1941 nach Dachau gebracht worden war. Zachariadis war Dshelali gleich wohlgesonnen, weil er griechische Wurzeln hatte. Im KZ leistete der Kommunist "Widerstandsarbeit", erinnert sich der Zeitzeuge. Er versorgte Mithäftlinge mit Informationen über den Kriegsverlauf oder schmuggelte Medikamente ins Lager. Dshelali bedachte er immer wieder mit kleineren Aufgaben und steckte ihm Brot zu. Schließlich gab er ihm den Ratschlag, sich für ein Außenkommando zu melden, weil dort die Überlebenschance größer sei. So kam Dshelali 1944 ins KZ-Außenlager Mühldorf.

Die Zustände dort waren allerdings sehr widrig. Er musste tagein tagaus 50 Kilogramm schwere Zementsäcke schleppen. Heute weiß man, dass mehr als 2900 Häftlinge die unmenschlichen Strapazen im Außenlager Mühldorf nicht überlebt haben. Als 1945 die Amerikaner immer näher rückten, befürchtete Dshelali, dass die Nazis ihn vor der anstehenden Befreiung noch erschießen oder vergasen würden. Mit seinem Freund Nikolai, der aus Aserbaidschan stammte, plante er die Flucht. Als die Nazis wie üblich bei Bombardements das Licht im Lager kurz ausschalteten, schnitten sie mit einer gestohlenen Schere ein Loch in den Zaun hinter einer Baracke. Sie schlüpften hindurch und flüchteten in die Nacht.

Im angrenzenden Wald kam ihnen dann ein Capo nach, der das Loch im Zaun bemerkt hatte und ebenfalls geflüchtet war. Seine Anwesenheit stellte sich als Glücksfall heraus. Auf Außenkommandos hatte der Capo Bekanntschaft mit mehreren Bauern in der Umgebung geschlossen. Einer von ihnen versteckte die drei Männer bis zur Ankunft der Amerikaner auf seinem Hof. Dshelali erinnert sich, dass der Mann ihnen später sein "größtes Geheimnis" gezeigt hatte: einen aus dem Lager geflohenen jüdischen Franzosen, den er ebenfalls versteckt hatte. Von dessen Anwesenheit hatten sie aber nie etwas mitbekommen.

Nach dem Krieg kehrte Volodymyr Iwanowitsch Dshelali in die Ukraine zurück und musste noch drei Jahre in der sowjetischen Armee dienen. Danach widmete sich der humorvolle Mann wieder seiner großen Leidenschaft: der Musik. Er arbeitete 45 Jahre lang als Musiklehrer und hat mehr als 200 Gedichte über seine Erlebnisse geschrieben.