Wanninger-Preis Kultur von unten ganz oben gefeiert

Im Schloss verleihen die Grünen den Wanninger-Preis an Vertreter der Dachauer Subkultur: den Freiraum. Und sie würdigen die Inklusionsband

Von Anna Schultes, Dachau

Es gibt gleich mehrere Listen, die an diesem Samstagabend im Dachauer Schloss eine Rolle spielen. Die Bezirkstagsfraktion der Grünen hat zur Verleihung des Wanninger-Kulturpreises geladen, der jedes Jahr an Menschen vergeben wird, die sich in herausragenden Projekten engagieren. Die Auszeichnung gibt es seit 1988, Grund genug, alle bisherigen Preisträger aufzuzählen. Eine andere Liste ist die mit den Aufgaben des Bezirkstags. Die ist zwar etwas trocken, aber die Gastgeber wollen eben sicher gehen, dass man auch weiß, was sie so machen. Außerdem ist da noch die obligatorische Aufzählung der Ehrengäste (eine lange Liste). Und dann kommt Margarete Bause.

Die Fraktionschefin der Grünen im Landtag spricht die lobenden Worte für die Band Das grüne Klapprad, die wie das Dachauer Jugend- und Kulturzentrum Freiraum den Grünen Wanninger 2014 erhält. Als Bause vor das Publikum tritt, sind schon gut eineinhalb Stunden vergangen, und manch einer rutscht ein wenig ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her. Dessen ungeachtet nennt sie jeden der 20 Musiker beim Namen. Und mit dieser Geste trifft sie genau auf den Punkt, was beide Preisträger auszeichnet: Jeder Einzelne zählt.

Die Dachauer Stadträtin Luise Krispenz hält die Laudatio auf das selbstverwaltete Jugendzentrum Freiraum in Dachau.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Beim grünen Klapprad ist es nicht wichtig, ob jemand ein Handicap hat. Der gemeinsame Nenner ist die Musik, der Antrieb ist die Freude daran. Und die Freude ist ziemlich groß, die Gruppe gibt es seit 16 Jahren. Initiator Florian Fischer ließ sich damals zum Heilerziehungspfleger ausbilden. Anstatt eine Facharbeit zu schreiben, die danach in der Schublade verschwindet, entwickelte er die Idee zur inklusiven Band.

Mittlerweile sind die Musiker fast 200 Mal aufgetreten, gerade haben sie ihr erstes Album aufgenommen. Für Fischer zählt aber noch etwas anderes. "Der größte Erfolg ist, dass die Idee weitergetragen wurde." Mehrere Behinderteneinrichtungen haben Bands nach dem Klapprad-Vorbild gegründet, sagt er. Für Bause sind sie die "Botschafter der Inklusion".

Nicht nur ihre Namensliste ist an diesem Abend bedeutend, auch die mit den Ehrengästen ist interessant. Natürlich sind unter ihnen viele Grüne, auch die Bundestagsabgeordneten Doris Wagner - aber bei weitem nicht ausschließlich. Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD), sein Stellvertreter Kai Kühnel (Bündnis für Dachau) und mehrere Stadträte sind da, ebenso wie Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) und Landrat Stefan Löwl (CSU). Das Who-is-Who der Kommunalpolitik ist zu einer Grünen-Veranstaltung gekommen, um die Preisträger zu beglückwünschen.

Das grüne Klapprad, eine Band aus behinderten und nichtbehinderten Laienmusiker, feiert die kulturelle Auszeichnung durch die Grünen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die 100 Sitzplätze reichen nicht aus, es müssen noch ein paar Dutzend Stühle aus dem Schlosscafé nebenan geholt werden. Der OB steht vor dem Grünen-Banner und wünscht sich von den Gewinnern: "Macht weiter so!" Anzugträger sitzen neben jungen Männern mit Dreadlocks. Gemeinsam hören sie zu, wie die Musiker vom grünen Klapprad "Rivers of Babylon" und "This Land is your Land" spielen. Bilder wie diese sind es, die den Abend ausmachen. Parteipolitik ist ausnahmsweise Nebensache.

Wie die Gruppe um Florian Fischer haben auch die Verantwortlichen vom Freiraum einen enorm langen Atem bewiesen. 19 Jugendliche waren es, die sich 2005 in den Kopf setzten, ein selbstverwaltetes Kulturzentrum in Dachau zu gründen. Dabei stießen sie auf Widerstand: Nachbarn hatten Bedenken, ein paar Stadträte auch. Doch sie blieben hartnäckig, 2008 zogen sie in die Räume in der Brunngartenstraße in Dachau ein. Dort organisieren sie Partys und Konzerte, Kunstausstellungen und Zeitzeugengespräche. Sie beteiligen sich auch an kulturellen Projekten.

Jugendreferentin Luise Krispenz hat das Projekt von Beginn an verfolgt. Die Grünen-Stadträtin schätzt vor allem den Gemeinschaftssinn und die Offenheit. Nur eine klare Grenze habe die Toleranz: Faschismus. Anfang des Jahres gab der Verein nach mehreren rechtsextremen Vorfällen den Anstoß für einen Runden Tisch, bei dem das breite Bündnis "Kein Platz für Rassismus - Dachauer zeigen Zivilcourage" entstand. "Ihr seid ein Gewinn für unsere Stadt", sagt die Laudatorin. Anna Dietze, Vorsitzende des Vereins Freiraum, ist sichtlich bewegt von der Wertschätzung an diesem Abend: "Ich hoffe, dass wir immer so bunt, laut und wild bleiben." Aber warum wird ein Preis für ein Zentrum der Subkulturen eigentlich im Dachauer Schloss verliehen? Krispenz findet gerade diese Spannung interessant. Außerdem zeige das Projekt, dass nicht nur die Mächtigen etwas bewegen können. Für die After-Wanninger-Party geht es dann aber doch noch in den Freiraum.