Thema Tierschutz Zögerliche Annäherung

Die Bundestagskandidaten von CSU, SPD, Grüne, Freie Wähler und der Linken treten für den Tierschutz ein. Aber das Thema bleibt schwierig.

Von Helmut Zeller, Dachau/Fürstenfeldbruck

Schon als Kind spürte Lilian Edenhofer, dass da etwas nicht stimmte. Den Dressurnummern im Zirkus konnte das Mädchen, obgleich Tiger und Löwen sie faszinierten, nichts abgewinnen. Heute, mit 49 Jahren, kann die Bundestagskandidatin der Freien Wähler im Wahlkreis Dachau und Fürstenfeldbruck ihre intuitive Ablehnung von damals mit Argumenten erklären. "In Bayern wurden seit 2010 bei 512 Kontrollen von Zirkussen 249 Verstöße gegen tierschutzrechtliche Vorschriften festgestellt." Lilian Edenhofer fordert, dass die Bundesratsbeschlüsse für ein Verbot von Wildtieren in Zirkussen endlich umgesetzt werden. Mit dem Thema Tierrechte beschäftigt sie sich schon seit langem - als Pressereferentin des FW-Landtagsabgeordneten Florian Streibl etwa hat sie die mafiosen Strukturen des illegalen Welpenhandels recherchiert.

Ein männliches Küken. Millionen dieser Tiere werden nach dem Schlüpfen sofort getötet, weil sie in der Nahrungsmittelindustrie keine Verwendung als Nutztier finden.

(Foto: Peter Endig/dpa)

Für ein Verbot von Wildtieren zur Unterhaltung der Zirkusbesucher sprechen sich auch die Bundestagskandidaten Michael Schrodi (SPD) und Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) und Renate Schiefer (Die Linke) klar aus. "In Ländern wie Österreich oder Bulgarien ist die Wildtierhaltung in Zirkussen bereits seit Jahren verboten", erklärt die Bundestagsabgeordnete Walter-Rosenheimer. CDU/CSU indes wollen die Haltung von Wildtieren in Zirkussen nicht generell untersagen, wie eine Umfrage des Deutschen Tierschutzbunds zur Bundestagswahl ergeben hat. Aber dieses Thema ist nur eine Facette des widersprüchlichen Umgangs mit Tieren: Die Hundehalter der tierlieben Nation der Deutschen geben jährlich etwa 330 Millionen Euro für die medizinische Versorgung ihrer Lieblinge aus, ihr Futter lassen sie sich mehr als eine Milliarde Euro kosten. Fast 90 Prozent der Deutschen achten ihrer eigenen Aussage zufolge das Lebensrecht von Tieren - und die CSU-Bundestagskandidatin Katrin Staffler erklärt: "Tierwohl muss ein zentrales Anliegen unserer Politik sein."

Renate Schiefer (Die Linke)

(Foto: Niels P. Joergensen)

Bilder aus Großmastbetrieben, Zuchtanstalten und Schlachthöfen sprechen eine andere Sprache: Schweine auf engstem Raum und in den eigenen Dreck zusammengepresst, Kühe vollgepumpt mit Antibiotika. Oder 30 Masthühner auf einem Quadratmeter Fläche - eine Besatzdichte, die der Gesetzgeber den Großbetrieben erlaubt. 56 Millionen Schweine und vier Millionen Rinder werden in Deutschland jährlich geschlachtet. Um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren, benötigt die Industrie 16 Kilogramm Getreide - und jeder Deutsche verzehrt ungefähr 60 Kilogramm Fleisch im Jahr und das möglichst billig aus dem Supermarkt. Milchkühe müssen artwidrig ungefähr 7000 Kilogramm Milch im Jahr geben, bis sie nach vier oder fünf Jahren nur noch Schlachtvieh sind.

Tierleid verringern

Irgendwie stimmt da etwas nicht mit dem Anspruch auf das Tierwohl als zentralem Anliegen der Politik, den alle Kandidaten erheben. Beispiel Anbindehaltung von Rindern und Kühen: Grüne und Linke sind klar dagegen, "um das Tierleid wenigsten etwas zu verringern", wie Renate Schiefer erklärt. Lilian Edenhofer meint, dass eine Anbindung in den Wintermonaten toleriert werden könne, wenn die Tiere den ganzen Sommer über auf der Alm oder in der Freiweide gehalten würden. Michael Schrodi ist für ein Verbot, aber mit Einschränkungen. Ein "schnelles Verbot" führe zu einer weiteren Industrialisierung der Milchviehhaltung, denn ein Großteil kleiner und mittlerer Betriebe müsse dann aufgeben. Schrodi plädiert deshalb für Förderprogramme zur Betriebsumstellung. Wirtschaftlichen Überlegungen, die nicht von der Hand zu weisen sind, folgt auch die CSU. Für sie ist die Anbindehaltung ohnehin "ein Auslaufmodell". Warum haben dann CDU/CSU und SPD in der Regierungsverantwortung nicht längst schon für einen schnelleren Auslauf dieser tierquälerischen Variante der Milchkuhhaltung gesorgt?

Lilian Edenhofer (Freie Wähler)

(Foto: Niels P. Jørgensen)

CSU-Kandidatin Katrin Staffler erklärt den von Tierschützern kritisierten Kurs ihrer Partei so: "Was ich nicht will, ist eine rein auf Verbote und Verordnungen fokussierte Politik. Hier braucht es ein lösungsorientiertes Miteinander, bei dem am Schluss keiner der Beteiligten - was für mich die Nutztiere mit einschließt - als Verlierer dasteht. Jede angestrebte Verbesserung muss sich für mich an den drei Kriterien messen lassen: Umsetzbarkeit in der Praxis, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, und finanziell tragfähig und darstellbar ist." Im Fall der Tötung von jährlich ungefähr 45 Millionen männlicher Eintagsküken in Deutschland braucht es keine aufwendige wissenschaftliche Analyse. "Das ist eine der grausamsten Folgen der Massentierhaltung und muss umgehend verboten werden", meint Linke-Kandidatin Renate Schiefer. Dagegen sind alle Parteien, auch die CSU erklärt sich so, obwohl doch, wie Michael Schrodi erklärt, ihr Bundesagrarminister Christian Schmidt ein schnellstmögliches Verbot dieser Massentötung blockiert hat. "Technisch ist es heute möglich, das Geschlecht der Küken bereits im Ei zu erkennen. Wir wollen die Markteinführung dieser Technologie schnell ermöglichen", erklärt Schrodi.

Beate Walter-Rosenheimer (Grünen-Bundestagsabgeordnete)

(Foto: Günther Reger)

Die Politik hat, nicht anders als ein Großteil der Wähler, ein Problem mit den Tierrechten - gerade weil alle wissenschaftliche Erkenntnisse längst schon belegen, dass Tiere leidensfähige, soziale Lebewesen sind. Die Konsequenz daraus würde zu einem grundlegenden Umbau der Gesellschaft führen, gegen den die Interessen nicht nur der Agrarindustrie stehen. Renate Schiefer sagt: "Eine Rückkehr zu sehr viel weniger Tiernutzung würde das Tierleid enorm verringern, außerdem Umwelt und menschlicher Gesundheit dienen und ist deshalb zu fördern und gesetzlich umzusetzen." Ein Bewusstsein für die Bedeutung des Tierschutzes für die Menschen - Lebensmittelskandale, Zerstörung des Klimas, Hungerkatastrophen - wächst auch in der Politik. "Es freut mich, dass in den letzten Jahren das Thema Tierschutz und vor allen Dingen auch Tierwohl an Bedeutung gewonnen hat", erklärt Katrin Staffler.

Der Weg zu Verbesserungen ist kompliziert und langwierig

Aber bei der Probe aufs Exempel folgt ihre Partei ihr nicht. Die Einführung einer Tierschutz-Verbandsklage lehnen CDU/CSU kategorisch ab. Denn die würde für eine grundlegend andere Situation sorgen, wie die Grünen-Kandidatin Beate Walter-Rosenheimer erklärt: "Wir wollen die demokratischen Mitwirkungsrechte anerkannter Tierschutzorganisationen stärken und ihnen ein Klagerecht einräumen. Die Einführung eines Verbandsklagerechts hebt das bisherige Ungleichgewicht im Kräfteverhältnis zwischen Tiernutzern und Tieren auf und macht Tierschutzrecht gerichtlich einklagbar." Dafür treten auch Michael Schrodi, Renate Schiefer und Lilian Edenhofer ein. "Die Verbandsklage", ergänzt Edenhofer, "ist doch auch zum Beispiel im Verbraucherschutz, für Gewerkschaften oder im Naturschutz eine Selbstverständlichkeit".

Michael Schrodi (SPD)

(Foto: Toni Heigl)

Auch in der Frage der Haltung von Zuchtsauen zeigt sich, wie kompliziert und langwierig Verbesserungen zum Wohl der Tiere sind. Die Vertreter aller Parteien sind für einen Ausstieg aus der Fixierung im Kastenstand. Doch wurde vom Bundestag eine Übergangsfrist von 20 Jahren beschlossen. Und auch zu dieser Einsicht bedurfte es erst eines Gerichtsurteil, wie SPD-Kandidat Michael Schrodi kritisiert. Er und seine Partei wollen sich dafür einsetzen, wie Schrodi sagt, dass diese Übergangsfrist deutlich verkürzt wird. Auch mit der Jagd tut sich die Politik schwer. Es gilt der Grundsatz: Wald vor Wild. Jagen aus Sportgründen lehnt die Bundestagsabgeordnete Beate Walter-Rosenheimer ab. In Deutschland fielen 2009/10 dem Hobby, das sich gerade unter Frauen in Bayern zunehmender Beliebtheit erfreut, insgesamt mehr als 4,7 Millionen Tiere zum Opfer. Das Tierschutzgesetz verlange einen vernünftigen Grund für das Töten von Tieren. "Für uns ist das hauptsächlich die Nutzung der Tiere zur Ernährung oder zur Regelung der Wildbestände", sagt Walter-Rosenheimer. Die Jagd als gelebter Naturschutz ist ein Mythos. Lilian Edenhofer hält es für "unerträglich", wie das Schalenwild regelrecht bekämpft werde. In ihrem Heimatlandkreis Garmisch-Partenkirchen erlebe sie es selbst: ständige Schonzeitaufhebungen und unerfüllbare Abschusszahlen. "Die Hege dient nicht dem ökologischen Gleichgewicht, sondern eher dem Wunsch, leicht jagdbares Wild in hohen Beständen zu erzielen", schreibt der Züricher Anwalt Antoine F. Goetschel. Die dadurch verursachten Verbissschäden im Wald würden wiederum als quasi ökologisches Argument für die Jagd angeführt.

Katrin Staffler (CSU)

(Foto: Toni Heigl)

Katrin Staffler hat, wie sie sagt, als Kind durch den Umgang mit Tieren vor allen Dingen eines gelernt: "Verantwortung zu übernehmen für ein Lebewesen. Und genau als solche sollten wir Haus- und Nutztiere sehen: Lebewesen, mit denen wir anständig umgehen müssen!" Die CSU-Kandidatin hat einen eigenen Kopf. Aber sie hört schon auch auf ihre Partei: "Manche heute kritisierte Haltungsbedingung von Nutztieren geht auch auf unser aller Konsumverhalten zurück. . . Wichtig ist mir der Dialog zwischen Landwirten und Verbrauchern." Beide sind halt Wähler. Renate Schiefer hat sich entschieden: "Ich habe aus ethischen, tierrechtlichen Gründen eine vegane Lebensweise gewählt." An ein Umdenken in der Politik glaubt sie nicht wirklich. Auch Lilian Edenhofer, Mitglied im Tierschutzverein, wird auf ihren Spaziergängen mit Rocky, ihrem Bordercollie-Bernersenn-Mischling, in der künftigen Legislaturperiode des Bundestags manche Frustration wegstecken müssen.