SZ-Serie: Geschichten aus dem Dachauer Land, Folge 13 Es war einmal

Früher hielten die Kirche, das Wirtshaus und die Landwirtschaft die Menschen im beschaulichen Plixenried in der Gemeinde Altomünster zusammen. Heute leidet der Ort unter Verkehrslärm,Gülletourismus und sozialer Vereinzelung. "Wir fahren nur noch im Auto aneinander vorbei", beklagt ein alteingesessener Bauer

Von Renate Zauscher, Altomünster

Stille, nichts als Stille. Minutenlang ist kein Auto zu hören, kein Traktor, kein Vogelschrei; der Blick geht in dieser Stille weit hinaus über Felder, Wiesen und Wald. Solche Momente gibt es nur an einem Spätnachmittag, wenn hier, im Hinterland von Altomünster, an der Kreuzung zwischen den Orten Hohenzell, Plixenried und Langengern, der Berufsverkehr nachgelassen hat und die Laster in die nahe Kiesgrube nicht mehr fahren.

Das kleine Plixenried mit heute nur noch 67 Einwohnern stand nie im Zentrum des Geschehens. Bis 1818 bildete es eine eigene "Gmain", eine Dorfgemeinschaft mit entsprechenden Rechten und Pflichten. 1818 kam es zur Gemeinde Hohenzell, mit der es 1978 nach Altomünster eingemeindet wurde. Altomünster war seit jeher auch der Pfarrsitz; zur Schule gingen die Kinder nach Kleinberghofen, später dann nach Oberzeitlbach, und heute ist Altomünster der zentrale Schulort.

Es hat allerdings Zeiten gegeben, in denen durch Plixenrieder und Langengerner Flur eine Hauptverkehrsader Mitteleuropas führte: die Römerstraße von Augsburg, dem damaligen Augusta Vindelicorum, zwischen Augsburg und Regensburg. Kaiser Domitian hatte sie um das Jahr 90 nach Christus bauen lassen, und man kann sich vorstellen, wie hier, durch das stille Alto-Land, einst römische Truppen marschierten und Kaufleute mit ihren Waren unterwegs waren. Heute erinnert nur noch eine im Zuge der Flurbereinigung 2008 errichtete Säule an der Straßenkreuzung unterhalb von Plixenried an diese Zeiten.

Damals dürften wohl noch keine Menschen in der Gegend rund um Plixenried gesiedelt haben. Erstmals urkundlich erwähnt wird Plixenried laut dem Historiker Wilhelm Liebhart im Jahr 1330. Es erscheine, schreibt er in seiner Chronik von Altomünster, in einer Urkunde des dortigen Klosters als "Plixried". Ried bezeichnet, so Liebhart, eine Rodung, der Namensteil "Plix" soll sich vom mittelhochdeutschen Wort für "Glanz, Blitz, Ausblick oder Blick" ableiten. Liebhart übersetzt den Ortsnamen deshalb als "Rodung auf der lichten Waldblöße" und schätzt, dass die Rodung wohl erst nach 1330 durch den bayerischen Herzog und das Kloster Altomünster erfolgt sein dürfte. Als Keimzelle des Orts haben laut dem Historiker drei "Urhöfe" gedient, von denen einer, der Hof der Familie Stegmair mit dem Hofnamen "Beim Glasl", seit der Rodung unverändert geblieben ist. Die beiden anderen seien noch im Mittelalter verkleinert worden. Von Anton Mayr, einem in Maisach lebenden Heimatforscher, stammt eine höchst detaillierte, in mühevollster Kleinarbeit erstellte Geschichte der einzelnen Höfe und ihrer Besitzer.

Noch bis weit ins 20. Jahrhundert war Plixenried rein landwirtschaftlich geprägt, und auf den ersten Blick ist es das heute noch: Die großen Hofstellen im Dorf fallen als erstes ins Auge. Wer aber nachfragt, erfährt: Statt wie früher rund einem Dutzend Höfe gibt es heute nur noch drei aktive Landwirte im Ort, darunter noch zwei Milchviehhalter. Alle anderen ehemaligen Bauern, die teilweise nur kleine Flächen bewirtschafteten, haben diese verpachtet oder verkauft. "Das ist halt die Zeit", sagt Josef Wackerl, selbst einer derjenigen, deren Stall mittlerweile leer steht. "Heute gehen ja schon Bauern in die Arbeit, die hundert Tagwerk - über 30 Hektar - besitzen."

Wie das bäuerliche Leben in früherer Zeit ausgesehen hat, weiß ein anderer Plixenrieder noch sehr gut: Johann Beck, Architekt, und ebenfalls aus der Landwirtschaft stammend. Zur Zeit seines Großvaters habe manche Großfamilie noch mit 15 Tagwerk überleben müssen: Mit einer jährlichen Ernte von vielleicht 80 Zentnern Getreide, mit der die Familie über den Winter kommen musste, mit vier oder fünf Kühen und einem Ochsen zum Pflügen.

Das Leben in Plixenried hat sich radikal geändert. Gearbeitet wird mittlerweile in München, Aichach oder Altomünster. "Jeder geht seiner Arbeit nach, in verschiedenen Richtungen", sagt Josef Kolbinger, selber ein Nebenerwerbslandwirt. "Die Kontakte untereinander gehen verloren." Manche Dorfbewohner träfen sich noch mit den Langengerner Nachbarn beim Fußball, beim Stockschießen oder im "Braxenclub". "Ansonsten", sagt Kolbinger, "fahren wir nur noch im Auto aneinander vorbei". Auch das gemeinsame Ausgehen der Jugend am Wochenende, das Kolbinger in den Siebziger- und Achtzigerjahren noch miterlebt hat, gebe es nicht mehr. Sehr schade findet er dieses "Auseinanderdriften der Dorfgemeinschaft".

Ein wichtiger Treffpunkt der Langengerner wie der Plixenrieder war über mindestens fünf Jahrhunderte der "Wirt" in Langengern, das nach dem letzten eigenständigen Besitzer benannte Gasthaus Schmaus, das auch heute noch aktiv ist. Aber auch das kirchliche Leben hat die Menschen zusammengeführt: In der 1854 erbauten Kapelle von Plixenried kam man wöchentlich zusammen, um den Rosenkranz zu beten. Zwei Porträtbüsten schmücken den Altar des kleinen Kirchleins, die des Heiligen Benedikt und seiner Schwester, der Heiligen Scholastika. Sie könnten aus dem aufgelassenen Kloster Taxa stammen, glaubt man in Plixenried. Das Mesneramt in der Kapelle mit dem täglichen Gebetläuten versieht heute Christine Kolbinger. Was aber das Beten dort angeht, "da wird nimma viel gehn", sagt Josef Wackerl, der "Berghiasl"-Bauer zwischen Spott und Wehmut.

Dass Plixenried trotz Strukturwandel und Höfesterben noch immer kein reines Schlafdorf geworden ist, wird beim Besuch der beiden letzten Milchviehhalter deutlich. Josef Stegmeir, "Glasl"-Bauer und Besitzer eines der drei historischen "Urhöfe", führt mit sichtlichem Besitzerstolz über den Hof, den er, seine Frau Theresia und der Sohn zusammen bewirtschaften. Vom Stall mit den 80 Milchkühen und von den Iglus mit fast ebenso vielen Kälbern und Jungtieren geht der Blick weit übers Land: "Ja, fast alles, was man von hier aus sieht, gehört mir", sagt der Bauer und berichtet zufrieden, dass auch der Sohn die Milchviehhaltung fortführen wolle. Der "Junior", der von Dezember an Agrar-Betriebswirtschaft studieren wird, selbst besamt und an züchterischen Belangen interessiert ist, "der will nix anderes als die Kühe".

Ein Vorfahre von Josef Stegmeir sei übrigens "in die bayerische Literaturgeschichte eingegangen", berichtet Wilhelm Liebhart: Xaver Stegmeir und der "Schaufimomichl" Michael Hechtl aus Eckhofen haben für Ludwig Thoma ihre Erlebnisse aus dem Krieg von 1870/71 gegen Frankreich niedergeschrieben und damit die Grundlagen für dessen Erzählung "Ein bayrischer Soldat. Erlebnisse des Xaver Glasl im Jahre 1870" geliefert.

Nicht nur bei der Familie Stegmeir stehen noch Kühe im Stall, sondern auch beim "Jackl", Jakob Mair, seiner Frau Anneliese und dem Sohn Thomas. Die Mairs haben vor drei Jahren einen großen Laufstall an Stelle des früheren Anbindestalls gebaut, in dem sich etwa 80 Milchkühe sichtlich wohl fühlen.

Jakob Mair ist nicht nur ein leidenschaftlicher Landwirt, sondern auch ein durchaus kritischer: Ihn stört die "Vermaisung" der Landwirtschaft und die Tatsache, dass der immer mehr um sich greifende Maisanbau für Biogasanlagen als "landwirtschaftlich" eingestuft und entsprechend subventioniert wird, obwohl es sich seiner Ansicht nach viel eher um ein lukratives Gewerbe denn um Landwirtschaft im eigentlichen Sinn handele: Jedenfalls sei damit viel mehr Geld zu machen als mit der Milchviehhaltung, bei der man ums Überleben kämpfen müsse. Durch diese Entwicklung seien auch die Pachtpreise so gestiegen, das sie für die übrigen Bauern nicht mehr erschwinglich seien: "Das trifft uns ins Mark", sagt Mair. Der Mais wird nach Sielenbach gefahren, die Gülle wieder zurück - entsprechend zugenommen habe mit dem "Gülletourismus" auch der Verkehr im Ort.

Zu den ohnehin nur noch wenigen Einwohnern von Plixenried sind vor drei Jahren noch etwa ein halbes Dutzend Asylsuchende dazugekommen, die auf dem Gelände des einzigen gewerblichen Betriebs im Ort, der mittlerweile verkauften Baufirma Gailer, leben. Die Verbindungen zwischen Dorfbevölkerung und den Flüchtlingen sind marginal: Ab und zu sehe man einen der Männer auf dem Rad unterwegs zur Bahnstation in Kleinberghofen, sagt Anneliese Mair. Man grüße sich, "aber man kennt sich eigentlich nicht." Auch hier also: Ein Leben nebeneinander statt miteinander.