Sulzemoos Die Glücksforscherin

Annegret Braun sammelt als Ethnologin Heimatgeschichten und entschlüsselt das Geheimnis des Glücks.

Von Daniela Gorgs

Bei der Frage, ob sie glücklich ist, zögert sie ein wenig. Dann lächelt sie und sagt: "Ich bin sehr zufrieden." Annegret Braun, 50, wählt ihre Worte mit Bedacht. Zu viel hat sie über das Glück gelesen und selbst geschrieben, sodass sie mit dem Begriff vorsichtig umgeht, und gleich zu erklären beginnt: "Ich kenne auch schwierige Zeiten." Sie weiß, wer Unglück erlebt hat, kann Glück besser würdigen. Oder anders gesagt: Oft muss man erst Krisen erleben, bevor sich neue Wege öffnen.

Die Autorin und Ethnologin Annegret Braun lehrt an der Universität München. Sie erforscht das Brauchtum. Doziert über Schweinshaxe, Sojawürstchen und Sushi, Essen und Trinken zwischen Symbolik und Alltagshandeln, über bikulturelle Ehen, Wünsche und das Glück. Sie befragt Menschen nach ihren persönlichen Geschichten und analysiert, wie sie von ihren Erfahrungen erzählen. All dies macht sie mit viel Einfühlungsvermögen. Weil sie sich für die Lebenswelten anderer interessiert. Und weil sie gut zuhören kann.

Als Leiterin der Dachauer Geschichtswerkstatt erforscht sie zusammen mit Bürgern derzeit die Lebensbedingungen der Nachkriegszeit in den Gemeinden des Landkreises Dachau. Hinter den historischen Fakten entdeckt Annegret Braun persönliche Erlebnisse und individuelle Geschichten, sie sichert Dokumente, durchforstet Archive und führt Gespräche mit Zeitzeugen. Das findet sie "sehr spannend" und für ihr eigenes Leben bereichernd. Wenn Annegret Braun an diesem Sonntag in ihrem Heimatort Sulzemoos die Ausstellung zur Geschichtswerkstatt eröffnet (zu sehen bis 13. September) und die Ergebnisse der intensiven Recherche öffentlich zugänglich macht, werden sich ihre Ortsnachbarn darauf verlassen können, dass sie sorgsam mit ihren Quellen umgegangen ist. "Man braucht einen guten Draht", sagt sie. Mit ihrer zurückhaltenden Art hat sich Annegret Braun in den vergangenen Jahren in Sulzemoos Vertrauen erarbeitet und gute Kontakte geschaffen.

Die Biografie-Arbeit ist mittlerweile für sie fast zur Sucht geworden. Als sie bei ihren Recherchen für ihr jüngstes Buch "Wie Frauen Glück erleben" zusammen mit ihren Studenten 700 Menschen nach deren Glücksmomenten befragte, hat sie das zutiefst berührt. "Einblick in das Leben anderer zu bekommen, offene, sehr persönliche Gespräche zu führen - das ist interessant, unterschiedlich und etwas Besonders." Sie war neugierig, von der Schauspielerin und Kabarettistin Luise Kinseher zu erfahren, ob Erfolg glücklich macht - mache er, manchmal. Die 93-jährige Gertraud Well, die Mutter der Well-Kinder (Biermösl Blosn und Die Wellküren) erzählte der Autorin, dass für sie das größte Glück sei, wenn die ganze 17-köpfige Familie beieinander ist und sie zusammen Musik spielen.

Annegret Braun lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern seit elf Jahren im Dachauer Hinterland. Ihr Haus in Sulzemoos ist umringt von Wiesen. Wenn sie im Arbeitszimmer an ihrem Schreibtisch sitzt und aus dem Fenster blickt, sieht sie ihren verwilderten Garten. In einem Teich schwimmen Goldfische, in einem abgesteckten Beet wachsen Küchenkräuter. Zwischen einem Walnuss- und einem Zwetschgenbaum spannt sie manchmal ihre Hängematte - und liest. Annegret Braun darf von Berufs wegen viel lesen. Sie streicht sich das Haar aus dem Gesicht und sieht ein wenig verlegen aus. Freilich, wenn sie dann schöpferisch arbeiten und das Recherchierte in Form gießen oder Seminare vorbereiten muss, dann klingt ihr Berufsleben wie das vieler anderer. Die Arbeit muss effizient sein, ergebnisorientiert und natürlich gut.

In wenigen Tagen ist Abgabetermin für ein weiteres Buch: 400 Seiten Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau. Stress und Zeitdruck sind ihr an diesem Juni-Vormittag nicht anzumerken. Annegret Braun serviert Kaffee und Kekse und erzählt über ihren Lebensweg, ihre Vorlieben und Ziele. Wie sie in ihrer Berufszeit als Krankenschwester den Drang verspürte, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben. Etwas Neues zu wagen und zu sehen, was sich entwickelt. Und jetzt: die Unsicherheit auszuhalten, die der Beruf des Autors und Kulturwissenschaftlers mit sich bringt. Ist es nützliches Wissen? Wer interessiert sich dafür?

Als Annegret Braun 25 war, ging sie für ein Jahr nach Paris, danach noch ein paar Monate nach Südengland. Zurück in Deutschland studierte sie französische und italienische Literaturwissenschaft. Auf der Suche nach einem Nebenfach entdeckte sie im Vorlesungsverzeichnis die Volkskunde - und wusste: "Das ist mein Ding." Annegret Braun arbeitete halbtags im Krankenhaus, die restliche Zeit verbrachte sie in Seminaren und der Bibliothek. Für ihre Magisterarbeit analysierte sie Ehe- und Partnerschaftsvorstellungen von 1948 bis 1996 anhand von Heiratsinseraten. Sie heiratete selbst, bekam ihr erstes Kind, das zweite drei Jahre später, während sie über "Frauenalltag und Emanzipation" promovierte.

Man erfährt viel über sie, wenn man nur in ihrem Wohnzimmer sitzt und sich umsieht. Neben dem grünen Kachelofen hängen in verschieden großen Rahmen historische Porträts, neben dem Klavier Familienfotos, in den Holzregalen reihen sich Bücher über Volkskunde und Sozialpsychologie an Forschungsarbeiten, Literatur, Gartenlexikon und Reiseführer. Dazwischen, ein alter, kleiner Röhrenfernseher. In der Mitte des Raumes steht eine Chaiselongue, im anderen Teil ein weiterer Tisch mit geschwungenen Stühlen. Dort kommt die Familie zum Sonntagsmahl zusammen.

Das Wohnzimmer von Annegret Braun ist verspielt, stilvoll, aber unaufgeregt. Wie sie selbst. Ihr braunes, lockiges Haar fällt sauber gescheitelt über die Schulter, dezent roter Lippenstift, kaum wahrnehmbares Parfüm. Annegret Braun trägt eine in warmen Rottönen gemusterte Strickjacke, eine feine, goldene Halskette. Ihre braunen Augen strahlen Wärme und Interesse aus. Menschen vertrauen sich ihr an.

Nach all den Gesprächen kann Annegret Braun sagen, dass Begegnungen mit Menschen sie glücklich machen. So wie sie es mit ihrer Studie bestätigt hat. Quellen von Glück sind Beziehungen, Freunde und Familie.