Staatsbesuch in Dachau Gesten der Freundschaft und des Gedenkens

Als erster israelischer Staatspräsident besucht Reuven Rivlin gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die KZ-Gedenkstätte Dachau.

Von Viktoria Großmann und Helmut Zeller, Dachau

In diesem Moment am Mittwochnachmittag empfinden Israels Präsident Reuven Rivlin und Charlotte Knobloch wohl gleich. "Dieser Ort mag still sein, aber er findet keine Ruhe, der Schmerz, das Leid sind unheilbar. Das Vergangene ist nicht vergangen", sagt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern am jüdischen Mahnmal an der KZ-Gedenkstätte Dachau. Rivlin schweigt. Später spricht er das Kaddisch und setzt damit ein starkes Zeichen des Gedenkens an die sechs Millionen Opfer der Shoah. Der Staatspräsident ist bekannt dafür, dass er sich nicht schämt, wenn er vor Rührung Tränen vergießt. Sein Gesicht drückt auch jetzt aus, wie sehr ihn der Besuch dieses Gedenkorts, den er als erster israelischer Staatspräsident ausdrücklich gewünscht hat, mitnimmt. Mit Rivlin sind Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) gekommen. Der gemeinsame Dachaubesuch ist ein Zeichen der Freundschaft zwischen Deutschland und Israel.

Am Vormittag in München, bei der Einweihung des Denkmals für die israelischen Opfer des Olympia-Attentats von 1972, sprach Rivlin von der gemeinsamen moralischen Verpflichtung Deutschlands und Israels im Kampf gegen Terrorismus und den "Diskurs des Hasses". Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gab ein "immerwährendes Versprechen": Deutschland müsse für die Sicherheit der Juden sorgen. "Nur wenn Juden in Deutschland vollkommen sicher, vollkommen zu Hause sind, ist diese Bundesrepublik vollkommen bei sich." In Dachau schweigen die Staatsgäste. Hier sprechen die Gesten. Etwa wenn Rivlin Bundespräsident Steinmeier in den Arm nimmt.

Frank-Walter Steinmeier, Reuven Rivlin und Horst Seehofer (v.l.) verneigen sich vor den Opfern. Die Kränze hatten Schülerinnen des Effner-Gymnasiums niedergelegt.

(Foto: Toni Heigl)

Man trifft nicht alle Tage den Präsidenten seines Landes. Abba Naor, der 89 Jahre alte Shoah-Überlebende, hat die Nacht davor jedoch ausgesprochen gut geschlafen. Er ist an Treffen mit hochrangigen Politikern und Staatsgästen schon gewöhnt. Im Februar dieses Jahres erst hat er den US-Vizepräsidenten Mike Pence durch die KZ-Gedenkstätte geführt. Auf die Begegnung mit dem israelischen Präsidenten in Dachau freut er sich aber besonders - eine Begegnung ausgerechnet in der Stadt, deren Name weltweit für die Verbrechen der Nazis steht. "Ich hätte mir nach der Befreiung niemals vorstellen können, dass ich einmal unseren Präsidenten auf dem Boden des ehemaligen Konzentrationslagers begrüßen werde", sagt der Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees. Die beiden Männer haben etwas gemeinsam: Rivlins Familie ist vor 220 Jahren aus Vilnius in Litauen nach Palästina ausgewandert. Deshalb blieb sie von der Shoah verschont. Abba Naor verlor im Ghetto des litauischen Kaunas seinen älteren Bruder Chaim (15); seine Mutter Chana und sein sechsjähriger Bruder Berale wurden in Auschwitz vergast. Abba Naor begleitet die Gäste über die ehemalige Lagerstraße zur jüdischen Gedenkstätte.

Es geht um die Frage, wie und welche Zukunft auf dieser Vergangenheit, aufgebaut werden kann. Genau darüber spricht auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. In ihrer bewegenden Rede am jüdischen Mahnmal an der Gedenkstätte verdeutlicht sie die "zwei Botschaften" des Besuchs von Rivlin: "Wir werden unsere Schwestern und Brüder, die im Holocaust gequält und ermordet wurden, niemals vergessen. Sechs Millionen jüdische Menschen, die nicht weiter leben durften - weil sie Juden waren. Die Shoah ist spürbar für jeden beseelten Menschen und wirkt im Selbstverständnis unserer Staaten fort - in Deutschland wie in Israel." Die zweite Botschaft: die Freundschaft zwischen beiden Staaten. "Unser festes Band aus Versöhnung, Vertrauen und Freundschaft", sagt Charlotte Knobloch. Dieses Band festigen Reuven Rivlin, Frank-Walter Steinmeier und Horst Seehofer am Mittwoch durch ihre Teilnahme an der Einweihung des Erinnerungsorts für die Opfer des Olympia-Attentats in München. Bei dem Angriff palästinensischer Terroristen während der Olympischen Sommerspiele 1972 kamen elf israelische Sportler und ein bayerischer Polizist ums Leben. Einige darunter waren vier Tage zuvor in Dachau: Sie legten einen Kranz nieder - und wurden kurz darauf selbst Opfer des mörderischen Antisemitismus. Israels Präsident ehrt mit seinem Dachau-Besuch auch die Shoah-Überlebenden, heute etwa noch 400 000 Menschen.

Große Delegationen und viele Sicherheitskräfte begleiten den Besuch.

(Foto: Toni Heigl)

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat die Botschaft verstanden. Auf der Gedenkfeier in München rief er zum Kampf gegen Antisemitismus und Terror auf. "Geben wir Hass und Gewalt keine Chance", sagte er am Mittwochvormittag. Doch die bedrohliche Entwicklung ist längst fortgeschritten: "Wir Juden erleben ein ungeahntes Erstarken antisemitischen Denkens und Handelns. Ausgrenzung und Anfeindungen von rechts, links, von Muslimen und auch aus der Mitte der Gesellschaft", hören Seehofer und Bundespräsident Steinmeier am jüdischen Mahnmal. Sie kennen natürlich die Umfrageergebnisse, die wachsende Judenfeindlichkeit in Deutschland, die steigende Zahl antisemitisch motivierter Straftaten - auch in Bayern. Charlotte Knobloch appelliert: "Es ist unerträglich, dass sich viele jüdische Menschen - auch in Deutschland - wieder unverstanden fühlen. Ich fordere mehr Empathie - für uns und die Menschen in Israel." Auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hält eine Ansprache. "Ich erzähle von Auschwitz, Warschau, Dachau, ohne mich vom Ungeist von Auschwitz beherrschen zu lassen, indem ich versuche, Brücken zu bauen zwischen Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern, mit je unterschiedlichem Hintergrund, über alle politischen und religiösen Hindernisse hinweg", zitiert Josef Schuster den großen Zeitzeugen Max Mannheimer, der am 23. September 2016 im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Schuster dankt Rivlin für dessen Besuch: "Es bedeutet der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland sehr viel, dass Sie der Opfer der Shoah hier in Dachau gedenken."

Bevor die Delegationen eintrafen, waren die Hubschrauber zu hören, dann zu sehen: Drei standen über der KZ-Gedenkstätte Dachau. Es ist ein ungewöhnlicher Sicherheitsaufwand. Mehr als 400 Polizeibeamte unter Federführung des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord sind eingesetzt, um besonders die israelische Delegation zu schützen. Straßensperrungen, insgesamt drei Kontrollen, nur angemeldete Besucher dürfen in die Gedenkstätte, sie müssen sich durchsuchen lassen. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) bleibt etwas verdutzt vor den beiden jungen Polizisten in Zivil stehen. Beginnt, wie jeder brave Staatsbürger im Sakko zu suchen: "Na, meinen Ausweis hab ich jetzt nicht dabei. Ich hab meine Brieftasche nicht einstecken." Die wartenden Journalisten kommen zu Hilfe, identifizieren Spaenle als Minister, er darf durch.

Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3. v. links) versteht sich scheinbar gut mit Israels First Lady Nechama Rivlin. Zur linken Steinmeiers hat seine Frau, Elke Büdenbender Platz genommen, neben ihr Landtagspräsidentin Barbara Stamm und Holocaust-Überlebender Abba Naor (ganz rechts).

(Foto: Toni Heigl)

Staatspräsident Reuven Rivlin, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ministerpräsident Horst Seehofer dürfen in ihren Limousinen bis zum Jourhaus fahren. Sie gehen auf die geschlossene Tür zu, nur so können sie die zynische Inschrift "Arbeit macht frei" sehen. Gemeinsam schreiten Steinmeier und Rivlin hindurch. Das israelische Fernsehen filmt. Journalisten zweier israelischer Privatfernsehsender sind angereist, aus ihren Studios in Berlin. "Ich möchte es heute Abend noch zurück schaffen", sagt einer. "Bei allem Respekt, ich möchte nicht in Dachau bleiben." Rivlin erhebt sich am Ende des Besuchs, um das jüdische Totengebet zu sprechen. Es ist ihm wohl ein persönliches Anliegen, diesen Tag mit dem Kaddisch abzuschließen. Danach fährt der Wagenkonvoi zum Flughafen. Rivlin trifft in Berlin Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).