NS-Ernährungspolitik Bio-Gemüse im Zeichen des Hakenkreuzes

Die Aufnahme aus dem Jahr 1941 gibt eine Vorstellung von den Ausmaßen des sogenannten Kräutergartens.

(Foto: KZ-Gedenkstätte Dachau)
  • Der Kräutergarten im KZ Dachau war eine Plantage, auf der Häftlinge als Arbeitssklaven arbeiten mussten.
  • Das Gelände, Kommandoname "Plantage", diente zur Versorgung der Ostfront und war damit ein Baustein für den geplanten Angriffskrieg.
Von Gregor Schiegl, Dachau

So weit das Auge reichte: Thymian und Pfefferkraut, Ringelblumen und Gladiolen. Jeden Morgen wurden Hunderte von Häftlingen aus dem KZ Dachau als Arbeitssklaven durch den sogenannten Kräutergarten getrieben, der in Wahrheit eine mörderische Plantage war, beaufsichtigt von brutalen Kapos und SS-Männern. In Holzschuhen und dünner Drillichkleidung mussten die Häftlinge mit Spaten und Hacke ausrücken. Das Gelände war so groß, wie der gesamte Stadtteil Dachau Ost heute ist. Für den Kräuteranbau war der nasse schwere Moorboden ungeeignet. Er musste umgeschichtet, entwässert und entsäuert werden. Bei Regen versanken die Häftlinge im Schlamm, im Sommer standen sie in der prallen Sonne und arbeiteten sich an einem Boden ab, der hart war wie Beton.

"Niemand wird vergessen, wie die Häftlinge abends in die Lager zurückkehrten", schreibt der tschechische Historiker und ehemalige Gefangene Stanislav Zámečník. "Hinter der Kolonne entkräfteter, taumelnder Menschen wurden immer zehn und mehr Schubkarren mit den Toten und den Sterbenden geschoben." Zwischen 1939 und 1945 starben auf der "Plantage" mehr als 800 Häftlinge, zumeist Juden und Roma und Sinti. Viele, die nicht an Hunger und Strapazen zugrunde gingen, wurden von SS-Männern erschossen, weil sie - genötigt von ihren Aufsehern - eine unsichtbare Grenzlinie überschritten hatten. In den Akten wurde als Todesursache vermerkt: "Suizid."

Modelle zur Verbesserung der Volksgesundheit

Der "Reichsführer SS", Heinrich Himmler, der auch diplomierter Landwirt war, hatte schon früh darauf gedrängt, dass die Deutschen "allmählich auf eine Verpflegung ähnlich der römischen Soldatenverpflegung oder der Verpflegung der ägyptischen Sklaven" kämen, die alle Vitamine enthalte und billig sei. Unter anderem wurde für diesen Zweck die "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung" gegründet. Sie unterstand Himmler persönlich und war die Dachorganisation für die Lehr- und Forschungsanstalt, die der Plantage in Dachau angeschlossen war. Ihr Forschungsauftrag: Wege abseits der naturwissenschaftlichen finden, die als jüdisch verdächtigt wurden, und Modelle entwickeln, wie man die deutsche Volksgesundheit verbessern könne - Bio im Zeichen des Hakenkreuzes.

Erste Spuren in Dachau

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Angeregt durch Rudolf Steiners Lehren wurde eine nationalsozialistische Spielart des organisch-dynamischen Landbaus praktiziert. Sie sollte die Qualität der deutschen Böden verbessern und einmal dazu beitragen, die Bindung der Bauern an die "deutsche Scholle" zu stärken. Himmler bewegte sich damit an der von Hitler ideologisch vorgegebenen Linie: "Das Dritte Reich wird ein Bauernreich sein oder es wird nicht sein."

Wie bei vielen NS-Projekten war auch der Kräutergarten, Kommandoname "Plantage", bereits ein Baustein für den geplanten Angriffskrieg. Die in Dachau angebauten Gladiolen werden pulverisiert und zu Vitamin C verarbeitet, die Päckchen an die Ostfront geschickt. Die mangelnde Versorgung der Soldaten galt den Nationalsozialisten als einer der Gründe für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Gesunde Ernährung sollte die Deutschen schlagkräftiger machen. Zugleich sollte das Reich von der Einfuhr ausländischer Medikamente und Gewürze unabhängig werden. So diente eine Mischung aus gemahlenem Basilikum, Thymian, Bohnenkraut als deutscher Pfeffer-Ersatz, das Regime wollte Devisen sparen. Es wittert sogar selbst ein lukratives Geschäft durch den Export "deutscher Drogen". Wirtschaftlich war das nur machbar mit billigsten Arbeitskräften. Das Konzentrationslager lieferte sie.

Lohn gab es nur auf dem Papier

Die kriegsstrategische Bedeutung des Dachauer Landwirtschaftsbetriebs führte dazu, dass die unmenschlichen Arbeitsbedingungen für die etwa 300 Häftlinge, die von 1940 an ihren Dienst auf der Plantage leisteten, zumindest teilweise abgemildert wurden. In dieser Zeit gab es ein Nebeneinander von grauenhaft schweren und relativ leichten Arbeitsbedingungen, zum Beispiel das Fotografieren und Malen von Pflanzen für Lehrbücher. Ab 1942 gab es für als Hilfsarbeiter eingesetzte Kräfte einen Lohn von 60 Reichspfennig pro Tag, für Facharbeiter bis zu drei Reichsmark. Allerdings nur auf dem Papier. Das Geld wurde nie ausgezahlt. Ausbeutung war das grundlegende Geschäftsmodell in Dachau.

Auf der Rückseite des Wirtschaftsgebäudes hatte die SS eine Verkaufsstelle eingerichtet, an der Bewohner aus Dachau und dem Umland Gemüse einkaufen konnten. Das Elend der KZ-Häftlinge, von dem später niemand etwas gewusst haben wollte - hier konnte jeder es sehen. Es gab wenige rühmliche Einzelfälle, in denen Dachauer den ausgezehrten Häftlingen heimlich Essen zusteckten und Briefe für sie schmuggelten. Die meisten sahen weg. So war der Kräutergarten, von dem heute nur mehr eine fußballfeldgroße Fläche zwischen Gewerbebauten übrig geblieben ist, auch ein Symbol der Verdrängung, des Nichtwissen-Wollens. Und das weit über die Nachkriegszeit hinaus bis in die 1990er Jahre.

Rettung des Kräutergartens wichtig für Bürger

Mittlerweile scheint sich das geändert zu haben. Jüngst lud das Bündnis für Dachau ein zu einem dreistündigen Themenabend unter dem Motto: "Gedenkort ,Plantage' - wie geht es weiter mit dem ,Kräutergarten' östlich der Alten Römerstraße?" Mehr als 60 Interessierte waren gekommen, darunter viele Bürger, Mitglieder von Zeitgeschichtsvereinen, Stadträte. Für die Veranstalter war die Resonanz ein hoffnungsvolles Signal, dass die Rettung des Kräutergartens für die Dachauer Bürger inzwischen ein wichtiges Anliegen ist.

Eines, das manche schmerzhafte Erkenntnis noch schärfer hervorheben dürfte: "Eine Erweiterung der KZ-Gedenkstätte um den Kräutergarten würde eine Veränderung des Bildes des KZs in der Bevölkerung und auch bei den Besuchern erzwingen", sagt Bündnis-Sprecher Mike Berwanger. "Es würde deutlich zeigen, dass es nicht den abgeschlossenen Raum Konzentrationslager gab, sondern ein System, das sehr verzweigt war und weit in die zivile Welt hineinreichte." Wer die wahre Dimension des KZs Dachau und seiner Bedeutung für den NS-Staat ermessen wolle, müsse die "Plantage" mitdenken.

Die Plantage "fraß ihre Opfer", notierte der ehemalige KZ-Häftling Hans Schwarz über die Jahre 1938 bis 1939 im Lager Dachau. Kein anderes Kommando in dieser Zeit habe so viele Menschen das Leben gekostet.