Literaturfest Erkundungen in Osteuropa

Steffen Mollnow, Leiter der Stadtbücherei Dachau, und die Buchautorin Eva Gruberová vor der Lesung aus dem Buch "Taxi am Shabbat".

(Foto: Toni Heigl)

"Taxi am Shabbat" - eine Reise zu jüdischen Gemeinden, die zwischen Aufbruch und der Angst vor dem erstarkenden Antisemitismus stehen

Von Ludwig Kramer, Dachau

Budapest, Prag, Krakau oder Lemberg - in allen Städten Mittelosteuropas finden Touristen Spuren der reichen jüdischen Geschichte - abseits der Vermarktungsstrategien einheimischer Tourismusbüros wie in Polen, die mit klischeehafter Klezmermusik und Folklorekitsch ein falsches Bild davon zeichnen, wie die Juden im einstigen Herzland der Diaspora lebten und heute leben. Genau das hat das Autorenpaar Eva Gruberová, die aus der Slowakei stammt, und Helmut Zeller auf vielen Reisen nach Tschechien, in die Slowakei, Polen, nach Litauen, Ungarn und der Republik Belarus sowie in die Ukraine erkundet. "Taxi am Shabbat" heißt das lebendig geschriebene und faktenpralle Buch, das daraus entstanden ist, und von den beiden Journalisten in der Reihe "Dachau liest" am Sonntagabend vorgestellt wurde.

Wilde Entschlossenheit

Fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung in der Stadtbücherei waren nur noch zwei Plätze frei, nämlich die auf der Bühne. Kulturamtsleiter Tobias Schneider begrüßte mehr als einhundert Besucher, darunter Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Landrat Stefan Löwl (CSU) und Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD). Die Lektorin Christine Zeile moderierte die Lesung und betonte, dass Eva Gruberová und ihr Co-Autor mit den Mitteln der Literatur thematisches Neuland betreten hätten. Dazu sei viel Empathie, genaue Recherche und "wilde Entschlossenheit" notwendig gewesen.

Gábor Szilágyi ist ein Budapester Strahlemann. Er lässt seine Küche für eine streng orthodoxe Tante, die zu Besuch aus Israel kommt, in einer komplizierten Methode ausbrennen, koscher machen. Die Karlsbader Familie von Otto Maier zählte einst zu den reichsten der Stadt. Er setzt heute kaum mehr einen Fuß in die Synagoge, weil er, wie er den Autoren erzählte, seinen Glauben in der Kinderbaracke von Theresienstadt verloren hat. Die Autoren zeichnet feinfühlig und in detaillierten Momentaufnahmen ein Bild ihrer vielen Gesprächspartner. Die Einzelschicksale betten sie in Exkurse zur Geschichte Osteuropas ein. Sie erzählen das 20. Jahrhundert aus der Perspektive der jüdischen Bürger. Sie nehmen die "Unsichtbaren", wie Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel einmal die osteuropäischen Juden nannte, in den Blick. Wie erging es den Holocaust-Überlebenden, die nicht auswanderten, unter den kommunistischen Regimes? Wie verstehen sie heute ihre Identität, nach den Jahrzehnten kommunistischer Verfolgung und Tabuisierung des Holocaust, der Kollaboration und Beteiligung an dem Massenmord in den meisten der osteuropäischen Ländern.

Aktuelle Fragen der Europakrise

Das Buch geht auch aktuellen Fragen der Europakrise nach: Mit der Wiederkehr des Nationalismus kehrte auch der tief sitzende, nie überwundene Antisemitismus zurück. Slowakische Parlamentsabgeordnete zum Beispiel nennen den Holocaust eine Lüge. In der Ukraine vergeht kaum eine Woche ohne Übergriffe auf jüdische Einrichtungen. Politik und Medien des Landes spielen sie als allgemeinen "Vandalismus" herunter. Die Autoren zeigen auf, unter welchen Belastungen der Aufbruch der jüdischen Gemeinden in Osteuropa steht.

Aber sie zeigen nicht anklagend mit dem Finger auf Osteuropa. In ganz Europa fühlen sich Juden, wie die Autoren im Gespräch nach der Lesung betonten, zunehmend bedroht; auch in Deutschland wurde die AfD, aus deren Reihen völkisch-nationale und antisemitische Hetze erklingt, zu drittstärksten politischen Kraft. Der Blick in die Vergangenheit erhellt aktuelle politische Entwicklungen - die Renaissance des Judentums hängt davon ab, ob Europa sich gegen den erstarkenden Antisemitismus stellen wird.

Eva Gruberová und Helmut Zeller: Taxi am Shabbat - Eine Reise zu den letzten Juden Osteuropas. C.H. Beck, München 2017. 267 Seiten, 18 Euro.